http://www.faz.net/-gqz-7kz6p

Geschichte einer vermeintlichen Falschmeldung : Falsche Ente im Twittersturm

Screenshot der angeblichen Exklusiv-Meldung auf www.der-postillon.com Bild: der-postillon.com

Wie das Online-Satiremagazin „Postillon“ mit seiner Pofalla-Meldung einmal das halbe Internet veralberte, ganz Twitter in Wallung brachte und die Medien am Ende doch ganz gut dastehen ließ.

          Zugegeben: Für die Meldung, Ronald Pofalla wechsele dem Vernehmen nach zur Bahn und bekomme eine Stelle für den Dialog mit Politikern eingerichtet, muss sich kein Satiremagazin schämen. Manchmal ist die Realität so hirnrissig, dass man sie sich schöner nicht ausdenken kann. Das erkannten auch die Betreiber der mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichneten satirischen Website „Der Postillon“. Sie kapitulierten vor der Absurdität realweltlichen Pöstchengeschiebes und übernahmen die Meldung unverändert. Dort stand sie zwischen der Kölner Seniorenklappe und Sprengstoffanschlägen in der Silvesternacht und fiel zunächst nicht weiter auf.

          Ein kleines Detail jedoch änderten die Redakteure der Satireseite: Sie datierten die Meldung vom 2. auf den 1.Januar vor und versahen sie mit dem Hinweis: „Inzwischen berichten auch zahlreiche andere Medien“, dazu kamen Links zu Seiten unter anderem der „Tagesschau“, der „Süddeutschen Zeitung“ und des „Handelsblatts“. Und das ist natürlich ein schöner Dreh: So zu tun, als habe man die Nachricht erfunden, weil sie ja wirklich und ehrlich nicht wahr sein kann. Pofalla, Bahn, das ist zu gut, da darf er Verspätungen für beendet erklären, und wenn er damit fertig ist, rettet er womöglich den Flughafen Berlin-Brandenburg.

          So ausgedacht sich die Meldung anhört, so wahr ist sie allerdings. Die „Saarbrücker Zeitung“ war die erste, die nach eigenen Recherchen darauf hinwies, kurze Zeit später bestätigte es die Nachrichtenagentur dpa aus eigenen Quellen, und dann war Pofallas neuer Job auch schon in aller Munde und allen Medien – auch bei FAZ.NET. Ein ganz normaler Vorgang also. Wäre da nicht der „Postillon“, der die Geschichte am Nachmittag wie erwähnt aufgriff und vordatierte. „Exklusiv: Ex-Kanzleramtsminister Ronald Pofalla wechselt in den Vorstand der Deutschen Bahn...(Meldung vom 1.1.)“ twitterte die Satireseite.

          Kurze Zeit später brach der Sturm auf Twitter auch schon los. Denn in den Augen mancher ist die von einem Satiremagazin lancierte Falschmeldung, auf die die doofen Qualitätsmedien einfach so hereinfallen, einfach die schönere und wahrere Geschichte. Und bestätigt ein Weltbild, das in den Newsrooms der Republik kopflose Schafherden wähnt, die jeder Neuigkeit hinterherhecheln, komme sie auch aus noch so zweifelhafter Quelle.

          Schadenfreude brach sich also ungehemmt Bahn. Kathrin Göring-Eckardt, ihres Zeichens Fraktionsvorsitzende der Grünen, twitterte nach einem empörten #pofallabeendetdinge-Tweet ein etwas kleinlautes „Tja. #Postillon“. Der Moderator Jan Böhmermann fragte, ob es bei „Spiegel Online“ Entlassungen gebe. Die „BZ“ mochte sich selbst nicht mehr glauben, widersprach sich gleich mehrfach und gab schließlich zu Protokoll, jetzt auch nicht zu wissen, was nun stimmt.

          Dabei hatte sich inzwischen verbreitet, dass der Zeitstempel der Postillon-Meldung im RSS-Feed ziemlich eindeutig auf den Nachmittag des 2.Januar datiert war, also einen Zeitpunkt nach der dpa-Meldung. Und der „Postillon“ die selbsternannten, nichtrecherchierenden Medienkritiker, die immer nach besserer Recherche rufen, ganz wunderbar vorgeführt hat. Popcorn!

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          F.A.Z. exklusiv : Lindner: Wir fühlten uns gedemütigt

          Im Interview mit der F.A.Z. spricht der FDP-Vorsitzende über die Gründe für den Ausstieg aus den Jamaika-Sondierungen. Vor allem einer Partei wirft Christian Lindner fehlende Kompromissbereitschaft vor.
          Die Runde von Sandra Maischberger

          Talk-Kritiken : Im Beichtstuhl des Bundespräsidenten

          Nach dem vorläufigen Scheitern von Jamaika ist der Bundespräsident Herr des Verfahrens. Die Debatten in Talkshows zeigen: Das Staatsoberhaupt braucht nun die Fähigkeiten eines Familientherapeuten.
          Keine Zeit für Grokodilstränen: Sigmar Gabriel und Martin Schulz am Dienstag im Bundestag

          SPD nach Jamaika-Aus : Einmal Opposition und zurück

          Nach dem Paukenschlag wird in der SPD noch einmal neu nachgedacht. Es gelte, Neuwahlen zu vermeiden – heißt es hinter vorgehaltener Hand. Behutsam müsse man die Partei auf eine Regierungsbeteiligung vorbereiten. Nur wie?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.

          Folgende Karrierechanchen könnten Sie interessieren: