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Nach dem Germanwings-Absturz : Jeder ist ein Medienkritiker

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Bild von der Absturzstelle: Wrackteile der abgestürzten Germanwings-Maschine Bild: AFP

In den letzten Tagen konnte man den Eindruck gewinnen, dass die Medienwelt den Verstand verloren hat. Und obwohl die Erregungsmaschine in erwartbarster Weise funktionierte, wurde man doch das Gefühl nicht los, dass hier etwas ganz Neues passierte.

          Ein großes, dröhnendes, unerträgliches Warum liegt über dem Land, und während Journalisten alles sammeln und verbreiten, was zu einer Antwort beitragen könnte – oder wenigstens die Zeit, das Papier, die Sonder-Sendeplätze, das Internet füllen, bis es neue hilfreiche Informationen gibt –, ist ein anderes Warum entstanden, kleiner, aber ebenso unüberhörbar: Warum macht ihr das alles? Warum behelligt ihr Nachbarn, Verwandte, Angehörige von ehemaligen Bekannten? Warum durchsucht ihr Internetseiten und Social-Media-Profile, veröffentlicht Fotos und Namen, verbreitet Spekulationen und Gerüchte?

          Die Berichterstattung über den Absturz der Germanwings-Maschine 4U9525 wird begleitet von lauten Protesten aus dem Publikum, einem großen, unkoordinierten Aufschrei im Netz, der vielleicht nur für einen kleinen Teil der Zuschauer und Leser steht, aber immerhin von einer Reihe von Medien so ernst genommen wurde, dass sie ihre Entscheidungen in eigenen Artikeln rechtfertigten. Selbst die beiden Chefs der „Bild“- Zeitung sahen sich veranlasst, in einem längeren Facebook-Eintrag ihr Handeln zu erklären.

          Die Empörung entzündet sich an vielen konkreten Punkten, vor allem der Frage, ob es erlaubt sei, den Kopiloten, der unter Verdacht steht, das Flugzeug und seine Passagiere absichtlich und mutwillig in die Katastrophe gesteuert zu haben, identifizierbar zu machen, und dem Umgang mit Menschen, die um Freunde und Angehörige trauern. Aber dahinter ist an vielen Stellen auch ein grundsätzliches Muss-das-sein? zu spüren. Ein Infragestellen vielleicht nicht nur der Auswüchse des Journalismus. Entsprechend heftig sind wiederum die Reaktionen mancher Journalisten, die das ganze Wesen ihrer Arbeit angegriffen fühlen. Die das Herausfinden und Veröffentlichen sämtlicher Informationen als ihre Aufgabe betrachten, mindestens als Regel, wenn nicht als Pflicht. Und die schon die Frage, ob das denn nötig sei oder hilfreich, als eine Zumutung empfinden, einen Angriff auf ihr Selbstverständnis – und letztlich auf die Pressefreiheit.

          Scheinbar widersprüchliche Eindrücke

          Die Diskussion ist so vergiftet, dass Medien, die sich eher zögerlich-abwägend und im Zweifel zurückhaltend verhalten wollen, sich von einem Branchendienst fragen lassen müssen, ob sie das aus billigem Kalkül machen, um den Beifall der kritischen Twitter- und Facebook-Meute zu erhaschen. Die Nennung des Namens und das Zeigen der Bilder des Kopiloten sei nicht nur erlaubt, sondern die Pflicht eines jeden richtigen Journalisten. Wer das nicht tun wolle, solle überlegen, seinen Presseausweis abzugeben.

          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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          Angegriffen sehen sich plötzlich nicht nur die Berichterstatter, sondern auch ihre Kritiker. „Man könnte fast den Eindruck gewinnen“, twitterte Froben Homburger, der Nachrichtenchef von dpa, „dass die ideale Newswelt mancher Medienkritiker nur noch offizielle Verlautbarungen enthalten dürfte.“ Man konnte aber in den vergangenen Tagen auch den Eindruck gewinnen, dass die real existierende „Newswelt“ jeden Skrupel, jedes Maß, jeden Halt – kurz: den Verstand verloren hat.

          Zwei scheinbar widersprüchliche Eindrücke prägen die Wahrnehmung der Medienkritik in diesen Tagen. Das Gefühl großer Routine und Erwartbarkeit. Und das Gefühl, dass hier etwas ganz Neues passiert.

          Erregungs- und Empörungszyklus

          Das Erste ist das zwischen Müdigkeit und Verzweiflung schwankende Gefühl eines Medienkritikers, wie sinnlos sein Tun ist. Mitansehen zu müssen, wie all das an der Berichterstattung, was schon nach der letzten Katastrophe und der vorletzten als problematisch erkannt worden ist, wieder passiert; wie alle Fehler und Grenzüberschreitungen immer wieder von Neuem gemacht werden müssen; wie jeder Appell zur Zurückhaltung, zur Vorsicht, scheinbar wirkungslos verhallt ist. Es ist anscheinend auch egal, ob sich gerade erst herausgestellt hat, dass man sich am Tag zuvor hoffnungslos verspekuliert hat – man rennt nun ohne Innehalten mit demselben Schwung in die neue Richtung.

          „Aufklärung setzt sich immer durch – aber leider nur in der Tendenz“, sagt ein Freund, was ein tröstender Gedanke gegen das Gefühl der völligen Sinn- und Folgenlosigkeit des eigenen Tuns ist, an den man sich im Angesicht weiter Teile der Berichterstattung über den Germanwings-Absturz aber auch mit größtem Optimismus klammern muss. Hinzu kommt noch der Eindruck, selbst Teil eines Rituals zu sein: So wie zu jeder Katastrophe das Ausschlachten des Opferleids durch die „Bild“-Zeitung gehört, so gehört auch die Empörung darüber durch Medienkritiker dazu. Man ist Teil des ganzen Erregungs- und Empörungszyklus, spielt seine Rolle, berechenbar, erwartbar, womöglich entbehrlich.

          „Die Entrüstung über journalistische Fehlleistungen wird Teil der Aufführung“, schreibt der Münchner Medienethik-Professor Alexander Filipović auf den Seiten des Netzwerkes Medienethik: „Medienkritik im Modus der Empörung oder Verachtung ist nicht hilfreich. Sie wird damit selbst zum Element einer von ihr kritisierten Medienwelt.“

          Eine schwer zu ignorierende Wucht

          Die andere Erfahrung ist die, dass da etwas Neues passiert. „Ich kann mich nicht an eine Tat vergleichbarer Dimension erinnern, bei der eine so merkwürdige Diskussion geführt wurde“, schreibt Mathias Müller von Blumencron, Digital-Chef dieser Zeitung, zur Debatte darüber, ob es richtig sei, den Kopiloten zu zeigen. Das kann mit den konkreten Umständen des Falls zusammenhängen, mit einer Skepsis in Teilen des Publikums, ob wir wirklich schon genug wissen, um diesen Mann öffentlich als skrupellosen Massenmörder zu brandmarken, als jemanden, der „den schlimmsten deutschen Massenmord nach 1945“ zu verantworten hat, wie es der Chef-Korrespondent des „Kölner Stadt-Anzeigers“, Joachim Frank, formulierte (bevor er die Formulierung revidierte), als „Amokläufer“, wie die beiden „Bild“-Chefs es tun, die sicher zu wissen glauben, dass man die Tat als „grausam, als Folter, als Ritualmord“ bezeichnen kann.

          Es hat aber sicher auch damit zu tun, dass es die erste „Tat“ dieser Dimension ist, die im Zeitalter der Allgegenwart sozialer Medien geschieht. Jeder ist plötzlich ein Medienkritiker, kann auf Facebook und Twitter oder in den Kommentarspalten der Medien seinen Widerspruch formulieren, seinen Dissens sichtbar machen, seiner Empörung ungehemmt Ausdruck verleihen. Diese kritischen Äußerungen mögen für viele Medien im Zweifel weniger entscheidend und überzeugend sein, als es die klare Sprache von Einschaltquoten, Klickzahlen und Auflagenmeldungen ist. Aber sie entwickeln eine Wucht, die sich schwer ignorieren lässt. Und die sich nicht mit Appellen, doch bitte den Ball flach zu halten, wie sie in der Kritik der Medienkritik formuliert werden, bremsen lassen werden.

          Teilweise ist eine erstaunliche Rollenumkehr zu beobachten: Früher, zum Beispiel nach dem Amoklauf von Winnenden 2009, galt das Internet in der Berichterstattung noch als der gefährliche Ort, an dem irgendwelche Leute einfach – unsortiert und ungeprüft – Gerüchte verbreiteten, Fotos oder den vollen Namen des Täters. Jetzt verteidigen professionelle Medien das Recht, Fotos und den vollen Namen des Kopiloten zu veröffentlichen, gegen viele kritische Stimmen im Netz. (Auch wenn das, auf der anderen Seite, natürlich nach wie vor der Ort ist, an dem die abwegigsten Spekulationen und die übelste Hetze zu finden sind.)

          Was gewinnen wir?

          Dass sich plötzlich größere Gruppen von Lesern und Zuschauern öffentlich sichtbar artikulieren, die rufen: „Halt, hört auf, macht langsam, lasst das weg!“, ist in dieser Form neu.

          Die Frage nach dem Warum, die sie – unterschiedlich schrill – an die Medien richten, ist dabei teilweise erstaunlich schwer zu beantworten. Warum müssen wir in das Gesicht des Kopiloten sehen, warum seinen Namen wissen? Was würden wir verlieren, was gewinnen, wenn wir darauf verzichten?

          Es lohnt die Mühe, sich diese Fragen tatsächlich zu stellen und zu versuchen, sie zu beantworten, anstatt sich nur routiniert oder intuitiv (wenn überhaupt) auf journalistische Traditionen oder abstrakt-formale Konstruktionen wie die von der „Person der Zeitgeschichte“ zu berufen.

          Und es muss auch möglich sein, scheinbar naive und weltfremde Anmerkungen zu machen, wie der Internetradiosender detector.fm, der feststellte, dass Antworten auf die Frage, was da eigentlich passiert sei, „keine Minute schneller kommen, wenn wir darüber spekulieren“.

          Angebot individueller Trauerarbeit

          Christoph Herwartz, Politik-Redakteur beim Online-Ableger von n-tv, hat am vergangenen Donnerstag eine bemerkenswerte Antwort auf die Kritik an der atemlosen Live-Berichterstattung gefunden. „Wenn Zehntausende jede noch so kleine Meldung zu diesem Thema lesen, warum sollte man diesen Menschen Informationen vorenthalten“, schrieb er. „Wir werden oft dafür gescholten, aber im Prinzip ist doch nichts falsch daran, den Lesern die Texte zu bieten, die sie interessieren.“

          Ganz am Ende stellte sich heraus, dass seine finale Antwort auf die Frage nach dem Warum gar nichts mit der Aufgabe des Journalismus zu tun hat, die Menschen mit relevanten, verlässlichen Informationen zu versorgen. Jeder sei frei, wenn er innehalten wolle, den Fernseher auszumachen oder sich von Newsseiten fernzuhalten. „Wir machen so lange weiter und liefern denen, die zum Trauern Nachrichten brauchen, diese Nachrichten.“

          Nachrichten für Leute, die zum Trauern Nachrichten brauchen. Wenn man Nachrichten von der Idee löst, die Menschen über Neuigkeiten zu benachrichtigen, und sie zu einem Angebot individueller und kollektiver Trauerarbeit macht, ändern sich natürlich auch die Ansprüche an sie. Natürlich erfüllen sie auch diese Funktion. Natürlich mag es helfen, die schrecklichen Informationen zu verarbeiten, wenn man in einen Strom eintauchen kann, in dem ununterbrochen darüber geplappert wird. Womöglich hilft es in diesem Sinne sogar, zur Besinnung zu kommen, wenn man sich der Besinnungslosigkeit der Live-Berichterstattung eines Programmes wie n-tv oder N24 aussetzt.

          Psychologen statt Medienkritiker

          Aber der Preis dafür ist hoch, wie man auch in den „ARD-Brennpunkt“- und „ZDF-Spezial“-Sendungen der vergangenen Woche sehen konnte, deren Länge offenkundig nicht durch die vorhandene Menge an nachrichtlichem Material und gesicherten Informationen bestimmt war, sondern von der Bedeutung des Ereignisses – und damit womöglich dem Bedarf an Stoff für Zuschauer, die solche Sendungen „zum Trauern brauchen“.

          Man brauchte dann vordringlich keine Medienkritiker zur Beurteilung dieser Sendungen, sondern vielleicht Psychologen, jedenfalls würde man sie nicht danach beurteilen, ob sie die Menschen klüger machen, sondern ob sie sich danach besser fühlen. Und natürlich würde man dann nicht berichten, wenn man etwas gesichert weiß, sondern dann, wenn es im Publikum einen Bedarf nach Berichterstattung gibt.

          Es wäre vermutlich das Ende der Medienkritik, aber auch deren neue Formen stehen ohnehin längst unter dem Verdacht, ebenso Teil der Trauerarbeit zu sein. „Ich glaube ja, dass die Echtzeit-Medienkritik auf Twitter auch ein Trauer-Surrogat ist“, formulierte Imre Grimm, Medien-Redakteur der Madsack-Medien, gestern – auf Twitter. Und die „Bild am Sonntag“-Chefredakteurin Marion Horn fragte ebendort: „Ist das Schockverarbeitung, auf die Medien einzudreschen???“

          Die Frage ist berechtigt. Sie verhindert aber praktischerweise auch die Auseinandersetzung mit der Kritik.

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