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Veröffentlicht: 29.03.2015, 13:48 Uhr

Nach dem Germanwings-Absturz Jeder ist ein Medienkritiker

In den letzten Tagen konnte man den Eindruck gewinnen, dass die Medienwelt den Verstand verloren hat. Und obwohl die Erregungsmaschine in erwartbarster Weise funktionierte, wurde man doch das Gefühl nicht los, dass hier etwas ganz Neues passierte.

von Stefan Niggemeier
© AFP Bild von der Absturzstelle: Wrackteile der abgestürzten Germanwings-Maschine

Ein großes, dröhnendes, unerträgliches Warum liegt über dem Land, und während Journalisten alles sammeln und verbreiten, was zu einer Antwort beitragen könnte – oder wenigstens die Zeit, das Papier, die Sonder-Sendeplätze, das Internet füllen, bis es neue hilfreiche Informationen gibt –, ist ein anderes Warum entstanden, kleiner, aber ebenso unüberhörbar: Warum macht ihr das alles? Warum behelligt ihr Nachbarn, Verwandte, Angehörige von ehemaligen Bekannten? Warum durchsucht ihr Internetseiten und Social-Media-Profile, veröffentlicht Fotos und Namen, verbreitet Spekulationen und Gerüchte?

Die Berichterstattung über den Absturz der Germanwings-Maschine 4U9525 wird begleitet von lauten Protesten aus dem Publikum, einem großen, unkoordinierten Aufschrei im Netz, der vielleicht nur für einen kleinen Teil der Zuschauer und Leser steht, aber immerhin von einer Reihe von Medien so ernst genommen wurde, dass sie ihre Entscheidungen in eigenen Artikeln rechtfertigten. Selbst die beiden Chefs der „Bild“- Zeitung sahen sich veranlasst, in einem längeren Facebook-Eintrag ihr Handeln zu erklären.

Die Empörung entzündet sich an vielen konkreten Punkten, vor allem der Frage, ob es erlaubt sei, den Kopiloten, der unter Verdacht steht, das Flugzeug und seine Passagiere absichtlich und mutwillig in die Katastrophe gesteuert zu haben, identifizierbar zu machen, und dem Umgang mit Menschen, die um Freunde und Angehörige trauern. Aber dahinter ist an vielen Stellen auch ein grundsätzliches Muss-das-sein? zu spüren. Ein Infragestellen vielleicht nicht nur der Auswüchse des Journalismus. Entsprechend heftig sind wiederum die Reaktionen mancher Journalisten, die das ganze Wesen ihrer Arbeit angegriffen fühlen. Die das Herausfinden und Veröffentlichen sämtlicher Informationen als ihre Aufgabe betrachten, mindestens als Regel, wenn nicht als Pflicht. Und die schon die Frage, ob das denn nötig sei oder hilfreich, als eine Zumutung empfinden, einen Angriff auf ihr Selbstverständnis – und letztlich auf die Pressefreiheit.

Scheinbar widersprüchliche Eindrücke

Die Diskussion ist so vergiftet, dass Medien, die sich eher zögerlich-abwägend und im Zweifel zurückhaltend verhalten wollen, sich von einem Branchendienst fragen lassen müssen, ob sie das aus billigem Kalkül machen, um den Beifall der kritischen Twitter- und Facebook-Meute zu erhaschen. Die Nennung des Namens und das Zeigen der Bilder des Kopiloten sei nicht nur erlaubt, sondern die Pflicht eines jeden richtigen Journalisten. Wer das nicht tun wolle, solle überlegen, seinen Presseausweis abzugeben.

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Angegriffen sehen sich plötzlich nicht nur die Berichterstatter, sondern auch ihre Kritiker. „Man könnte fast den Eindruck gewinnen“, twitterte Froben Homburger, der Nachrichtenchef von dpa, „dass die ideale Newswelt mancher Medienkritiker nur noch offizielle Verlautbarungen enthalten dürfte.“ Man konnte aber in den vergangenen Tagen auch den Eindruck gewinnen, dass die real existierende „Newswelt“ jeden Skrupel, jedes Maß, jeden Halt – kurz: den Verstand verloren hat.

Zwei scheinbar widersprüchliche Eindrücke prägen die Wahrnehmung der Medienkritik in diesen Tagen. Das Gefühl großer Routine und Erwartbarkeit. Und das Gefühl, dass hier etwas ganz Neues passiert.

© afp In den Tod gesteuert: Die Germanwings-Katastrophe in der Videografik

Erregungs- und Empörungszyklus

Das Erste ist das zwischen Müdigkeit und Verzweiflung schwankende Gefühl eines Medienkritikers, wie sinnlos sein Tun ist. Mitansehen zu müssen, wie all das an der Berichterstattung, was schon nach der letzten Katastrophe und der vorletzten als problematisch erkannt worden ist, wieder passiert; wie alle Fehler und Grenzüberschreitungen immer wieder von Neuem gemacht werden müssen; wie jeder Appell zur Zurückhaltung, zur Vorsicht, scheinbar wirkungslos verhallt ist. Es ist anscheinend auch egal, ob sich gerade erst herausgestellt hat, dass man sich am Tag zuvor hoffnungslos verspekuliert hat – man rennt nun ohne Innehalten mit demselben Schwung in die neue Richtung.

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