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Germanwings-Absturz : Im Namen der Pressefreiheit

In den französischen Alpen: Nahe dem Ort, an dem der Kopilot den Germanwings-Airbus zum Absturz brachte, gedenken Angehörige der Opfer. Bild: AFP

Hunderte Beschwerden sind gegen die Berichterstattung über den Germanwings-Absturz beim Deutschen Presserat eingegangen. Die Medien hätten den Namen des Kopiloten nicht nennen dürfen, lautete die Kritik. Der Presserat sagt dazu nun das einzig richtige.

          Mit einer solchen Flut von Beschwerden zu einem einzigen Fall hatte es der Deutsche Presserat noch nie zu tun. 430 Eingaben gingen zu der Berichterstattung über den Absturz der Germanwings-Maschine ein, die der Kopilot Andreas Lubitz am 24. März dieses Jahres nach den Erkenntnissen der Ermittler mit Absicht gegen einen Berg in den französischen Alpen gelenkt hatte.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Doch genau dagegen – gegen die zutreffende Beschreibung des Geschehens – richtete sich ein Großteil der Beschwerden. Man hätte den Namen des Kopiloten nicht nennen und nicht über seine persönlichen Umstände berichten dürfen, lautete die Argumentation. Sie hätte zu einer Perversion der Abwägung zwischen der Pressefreiheit und dem Persönlichkeitsrecht geführt. Der Presserat ist ihr nicht gefolgt. Und hat eine Entscheidung getroffen, die richtungweisend ist. Hätte er anders entschieden, wäre es der Presse unmöglich, den Absturz des Flugzeugs als das zu beschreiben, was er war: kein Unglück mit hundertfünfzig Opfern, sondern ein monströser Massenmord mit 149 Opfern und einem Täter, der seinen eigenen Tod in Kauf nahm.

          Was die Aufgabe der Presse ist

          Von dem Zeitpunkt an, zu dem die Staatsanwaltschaft Marseille bekanntgab, dass davon auszugehen sei, dass der Kopilot die Maschine mit Absicht zum Absturz brachte, habe Andreas Lubitz genannt werden dürfen, schreibt der Presserat – und nennt den Namen auch selbst. Es habe sich „um eine außergewöhnlich schwere Tat“ gehandelt, „die in ihrer Art und Dimension einzigartig ist“. Dies spreche „für ein überwiegendes öffentliches Interesse an dem Fall“, das zumindest die Nennung des Nachnamens des Kopiloten rechtfertige. Auch habe man von diesem Zeitpunkt an – den Mittagsstunden des 26. März – nicht mehr von einer möglichen Vorverurteilung des Kopiloten sprechen können. Als Suizid sei der Fall ebenfalls nicht zu behandeln – „dieser Gesichtspunkt“ trete „im Hinblick auf die 149 weiteren Todesopfer zurück.“

          Damit hat der Presserat zu dem Fall gesagt, was zu sagen ist. Was aber bis heute Kritiker auf den Plan ruft, die offenbar nicht wissen oder nicht wissen wollen, was die Aufgabe der Presse ist: so wahrhaftig und objektiv wie möglich zu berichten, Tatsachen zu nennen, Hintergründe auszuleuchten, zu recherchieren, zu kritisieren und Fragen zu stellen, bis alles – so weit wie möglich – geklärt ist. Und geklärt heißt in diesem Fall der unangenehmen Wahrheit ins Auge blicken, dass ein Mann den Tod von 149 anderen Menschen verschuldet hat.

          Angelsächsische Kollegen schütteln den Kopf

          Von der Presse zu fordern, den Namen von Andreas Lubitz nicht zu nennen, ihn nicht zu zeigen, nicht zu ergründen, was mit ihm los war und was sein Arbeitgeber wusste, das mutet geradezu aberwitzig an. Es verwischt die Kategorien, es hebt den Gegensatz zwischen Täter und Opfer auf. Der ermittelnde französische Staatsanwalt war zu Recht konsterniert, als ihn eine Journalistin bei der Pressekonferenz am 26. März vorwurfsvoll fragte, warum er nicht von 150 Opfern spreche. Nach seinem Verständnis, sagte er, sei der Kopilot nicht das Opfer dieses Verbrechens. Opfer waren die Menschen, die Andreas Lubitz mit sich in den Tod riss. Doch wie es scheint, hat sich diese Erkenntnis nicht durchgesetzt – anders ist die Zahl der Beschwerden, die sich nicht gegen den Umgang der Presse mit den Opfern und der Hinterbliebenen richtet, sondern gegen die Kenntlichmachung des Täters, nicht zu erklären.

          Journalisten, Lesern, Hörern und Zuschauern in anderen Ländern kann man das schon gar nicht erklären. Dort ist es gang und gäbe, auch in der Verdachtsberichterstattung schon Ross und Reiter zu nennen – und die Nennung gegebenenfalls zurückzunehmen. Angelsächsische Kollegen schütteln verwundert den Kopf, wenn sie sehen, wie skrupulös die deutsche Presse ist.

          So war es kein Wunder, dass die „New York Times“ mit der Nachricht, dass ein Pilot – der Kopilot – beim Absturz die Germanwings-Maschine offenbar allein im Cockpit saß, herauskam und den Verdacht gegen Andreas Lubitz nährte, bevor sich die Staatsanwaltschaft Marseille erklärte. Die „New York Times“ machte kein Hehl aus ihrem, auf Kreise der Flugsicherung beruhendem Wissen und – handelte richtig. So wie es Zeitungen in den Tagen darauf ebenfalls taten, wenn es darum ging, das Bild des Geschehens zu vervollständigen.

          Opfer dürfen nicht ein zweites Mal zu Opfern werden

          Rügen hat der Deutsche Presserat zur Berichterstattung über den Absturz des Flugs 4U9525 gleichwohl ausgesprochen: gegen die „Bild„-Zeitung und „Bild Online“, weil „mehrfach Bilder und Namen von Opfern veröffentlicht worden waren“. Die „Rheinische Post“ erhielt eine Rüge, weil sie so detailliert über die Partnerin von Andreas Lubitz berichtet habe, „dass sie für einen erweiterten Personenkreis identifizierbar“ gewesen sei.

          Auch an diesen Entscheidungen erkennt man, dass es sich der Deutsche Presserat nicht leicht gemacht hat, den Fall an den Maßstäben zu messen, die in den Richtlinien des Pressekodex in den Abschnitten 8.1 und 11.3 genannt sind: Opfer haben einen „Anspruch auf den besonderen Schutz ihrer Identität“, weil diese in der Regel für das „Verständnis des Geschehens“ unerheblich sei. Die Berichterstattung über Unglücke und Katastrophen findet ihre Grenze „im Respekt vor dem Leid von Opfern und den Gefühlen von Angehörigen“. Die von einem „Unglück Betroffenen dürfen grundsätzlich durch die Darstellung nicht ein zweites Mal zu Opfern werden“.

          Es geht in diesen Abschnitten um die Opfer. Nicht um Andreas Lubitz, den Kopiloten des Germanwings-Fluges 4U9525, der 149 Menschen mit sich in den Tod flog.

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