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Geplanter Staatsstreich in der Türkei : Die starke Hand des Militärs

Der geplante Staatsstreich war auf eine Politik der harten Hand aus. Bild: ASSOCIATED PRESS

Drei führende türkische Journalisten werden beschuldigt, Mitglieder der Untergrundbande „Ergenekon“ zu sein und den Staatsstreich mitgeplant zu haben. Alle drei gelten als Befürworter einer starken Hand des Militärs in der Politik und als Gegner freiheitlicher Demokratie.

          Drei führende Journalisten der Türkei sind unter den sechsundachtzig Personen, denen die Istanbuler Staatsanwaltschaft die Mitgliedschaft in der Untergrundbande „Ergenekon“ vorwirft, die einen Staatsstreich geplant haben soll. Die Beweise für die Verstrickung gegen die drei Journalisten Selcuk, Balbay und Büyükcelebi hat die Staatsanwaltschaft der Öffentlichkeit noch nicht präsentiert. Sie sollen jedoch Teil der 441 Ordner sein, die die Staatsanwaltschaft der Istanbuler Justiz übergeben hat.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Bei jedem der drei Journalisten ist zumindest plausibel, dass ihre Verhaftungen nicht Angriffe auf die Pressefreiheit waren, sondern dass ein Verdacht auf eine Beteiligung an den Machenschaften der Bande besteht. Der dreiundachtzig Jahre alte Ilhan Selcuk, Chefredakteur der linkskemalistischen Zeitung „Cumhuriyet“, war am 21. März verhaftet worden, weil er der intellektuelle Führer der Bande gewesen sein soll. Er wurde mehr als elf Stunden verhört und danach auf freien Fuß gesetzt, darf die Türkei aber nicht verlassen. Am 1. Juli wurden Mustafa Balbay, der Büroleiter von „Cumhuriyet“ in Ankara, und Ufuk Büyükcelebi, der Chefredakteur der rechtsnationalistischen Zeitung „Tercüman“, verhaftet und verhört. Auch sie müssen die Zeit bis zum Beginn der Verhandlungen nicht in Untersuchungshaft absitzen. Alle drei gelten als Befürworter einer starken Hand des Militärs in der Politik und lehnen wohl auch eine Militärherrschaft nicht ab.

          „Wir sind alle Türken“

          Selcuk hatte in der letzten Kolumne vor seiner Verhaftung geschrieben, ein Coup stehe unmittelbar bevor. Balbay, dessen Kolumnen und Artikel gelesen werden, weil er wichtigen Offizieren nahesteht, beschwörte wiederholt „unruhig“ gewordene „junge Offiziere“. Er gilt als aussichtsreichster Kandidaten für die Nachfolge von Selcuk, sollte der eines Tages in Pension gehen. Von allen Zeitungen hatte sich Büyükcelebis „Tercüman“ am entschiedensten gegen die Demonstranten gestellt, die im Januar 2007 nach der Ermordung des armenisch-türkischen Intellektuellen Hrant Dink Plakate mit der Aufschrift „Wir sind alle Armenier“ getragen haben. Büyükcelebi legte seiner Zeitung Poster mit der Aufschrift „Wir sind alle Türken“ bei und kommentierte, wer nicht sagen könne, er sei Türke, solle dieses Land verlassen.

          Der wichtigste der drei Journalisten ist Ilhan Selcuk. Er war in den sechziger und frühen siebziger Jahren Mitglied eines Kreises, der mit Hilfe eines Staatsstreichs eine „Revolution“ hatte auslösen wollen. Erst schrieb er in der linksextremen Zeitschrift „Yön“ (Richtung), von 1970 an in der Zeitschrift „Devrim“ (Revolution). In einer der ersten Ausgaben von „Yön“ schrieb Selcuk, in jeder fortschrittlichen Bewegung sei die Armee das Volk und das Volk die Armee. Die Titelseite von „Devrim“ zierte dann ein von „Gazi Mustafa Kemal“ unterzeichneter Ausspruch. Der Zirkel von Intellektuellen um den Herausgeber Dogan Avcioglu stützte sich also nicht auf den Staatsmann Atatürk, der eine Republik aufbaute, sondern auf den „Befreiungskämpfer Mustafa Kemal“, der gegen feindliche ausländische Mächte kämpfte.

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