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Gehacktes James-Bond-Drehbuch : Man leakt nur zweimal

Ob er auf seinen neuen Stiefbruder anlegt? Daniel Craig bekommt als 007 angeblich unliebsamen Familienzuwachs. Bild: dpa

Wollen Sie wissen, was im nächsten James Bond passiert? Weil die Daten der Sony-Studios gehackt wurden, ist alles raus. 007 steht vor seinem härtesten Fall. Aber das hätte man sich auch denken können.

          Wie die Universalgrammatik eines James-Bond-Films aussieht, hat Umberto Eco einmal so beschrieben: M erteilt Bond Auftrag. Früher Auftritt des Schurken. Erstes Duell zwischen Bond und Schurken. Bond trifft Frau. Bond konsumiert Frau. Schurke fängt und foltert Bond. Bond überlistet Schurken. Siegreicher Bond amüsiert sich mit Frau.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          In dem neuen James Bond „Spectre“, der gerade in den Londoner Pinewood Studios gedreht wird, sind viele dieser Strukturmerkmale wiederzutreffen, aber zwischen ihnen klaffen anscheinend noch einige Lücken. Christoph Waltz, der den Schurken spielt, hat erst spät seinen Auftritt, und dass man das jetzt schon weiß, obwohl die Dreharbeiten erst letzte Woche begonnen haben, verdanken wir der Hackergruppe „Guardians of Peace“, die sich im späten November in das Netz von Sony Pictures einhackte und nicht nur pikante Details aus der Firmenkommunikation, sondern auch mehrere unveröffentlichte Drehbücher ins Netz stellte, darunter „Spectre“ unter der Regie von Sam Mendes.

          Pflegebruder von Bond

          Im Fall Bond hat man wohl eine frühe Version erwischt (jedenfalls behauptet das die Produktionsfirma MGM), mit der die Skriptautoren selbst nicht ganz zufrieden waren. Neal Purvis und Robert Wade, die das Drehbuch zum letzten Bond „Skyfall“ schrieben, wurden hinzugezogen, um narrative Falten auszubügeln. Im letzten Drittel zieht sich das Geschehen offenbar, die Konstruktion wird vertrackt, und die persönlichen Beziehungen wirken an den Haaren herbeigezogen. Waltz, der im Film Heinrich Stockmann heißt, entpuppt sich angeblich als Pflegebruder von Bond und als Kopf der Terrororganisation „Spectre“, an deren Spitze in früheren Bonds der legendäre Ernst Stavro Blofeld stand.

          Ob das bis zum Filmstart so bleibt, ist ungewiss. Bis zuletzt wurde am Drehbuch gefeilt, vor allem, um dem Ende Schwung zu geben. Daniel Craig wünschte sich subtileren Witz. Und die Produzenten stritten darüber, ob man den Schauplatz Mexiko-City, der von Bond angeblich in Schutt und Asche gelegt wird, nicht aufhübschen könne, um von der mexikanischen Regierung einen Beitrag zu den Produktionskosten zu bekommen.

          Schwere Schadensklasse

          Sony, das vor drei Jahren schon einmal Opfer eines großen Hackerangriffs war, hat seine Schutzmauern anscheinend nicht hoch genug gezogen. Angesichts des Aufwands, der normalerweise betrieben wird, um Drehbücher und Schauplätze geheim zu halten, ist es verständlich, dass man den Vorfall nicht in eine leichte Schadensklasse einordnet. Er hat die Pointe, dass es im letzten Bond „Skyfall“ ein genialischer Cyberterrorist war, der den britischen Geheimdienst von innen zerlegte. Im realen Fall vermutet man Nordkorea hinter dem Angriff, weil in einem der gestohlenen Drehbücher, der Filmkomödie „The Interview“, zwei amerikanische Journalisten den nordkoreanischen Diktator King Jong-un umlegen sollen. Die „Guardians of Peace“ gelten als Arm der nordkoreanischen Cyberarmee. Nordkorea hat seine Beteiligung an der Hackerattacke dementiert, aber mit einem Vernichtungsfeldzug gedroht, sollte „The Interview“ gezeigt werden.

          Als das Datenleck in der vergangenen Woche aufflog, bat Sony zunächst um Diskretion, dann verschickte man drohende Anwaltsschreiben. Vergebens. Das amerikanische Klatschmagazin „Gawker“ brach den Bann. Seither wird der Plot des neuen Bonds rauf- und runtererzählt. Wenn die Drehbuchschreiber nicht noch einige Geistesblitze haben, dürften die Überraschungsmomente beim Filmstart rar gesät sein.

          In filmtheoretischen Diskussionsforen wurde Ecos strukturalistischer Ansatz seinerzeit für seine Schlichtheit bewundert. Es gab aber auch die Klage, dass Eco, konzise in der Form, eine Menge von Details, ja fast den ganzen Inhalt des Films ausspare. Das werden beim neuen „Bond“ bis zum Kinostart im Oktober nächsten Jahres viele wohl anders halten.

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