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Geburtstagsshow für Otto : In Würde zu altern, würde ihm nicht einfallen

Machen Sie eine typische Handbewegung: Otto Waalkes Bild: dpa

Otto Waalkes wird im Juli sechzig. RTL gratuliert, sechs Wochen zu früh, mit einer Geburtstagsgala. Zeitweilig aber fragt sich der Zuschauer, ob der Sender hier wirklich Otto feiert - oder doch nur sich selbst.

          Dem gesellschaftlichen Konsens, dass der Mensch in Würde zu altern habe, sehen sich in der Regel auch komische Unterhaltungskünstler verpflichtet. Harald Juhnke trat in späten Jahren in tragischen Charakterrollen auf, Dieter Hallervorden wollte nicht mehr der Nonsens-Didi, sondern wieder ernsthafter Kabarettist sein, und Jürgen von der Lippe, der am Sonntag seinen sechzigsten Geburtstag feiert, moderiert heute Sendungen, die sich mit Literatur und der deutschen Sprache befassen.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Und was macht Otto Waalkes, der am 22. Juli ebenfalls sechzig wird? Er setzt sich eine Zipfelmütze auf, schart deutlich jüngere Kollegen um sich und spielt in seinen „Sieben Zwerge“-Filmen den jüngsten Gnom namens „Bubi“. Er hüpft nach wie vor wie ein Besessener über die Bühne, zieht Grimassen, juchzt und jodelt und kräht zur Gitarre seine „Hänsel und Gretel“-Variationen. Die Haare hängen immer noch in langen Strähnen herab, doch unter der Götterbotenmütze wächst nichts mehr. „Jugendlich, fröhlich und natürlich“ wolle er auch mit achtzig noch wirken, hat Waalkes einmal gesagt und sich selbst, wie es scheint, zur ewigen Pubertät verdammt. Es wirkt nicht, als fühle er sich unwohl dabei. Wer freilich mit Otto groß und, anders als dieser, erwachsen geworden ist (was immer das heißen mag), den mag der rasende Stillstand des Friesen so seltsam berühren wie der Blick in ein altes Fotoalbum, der lang verdrängte Lebensphasen in Erinnerung ruft.

          In seiner Wirkung kaum zu überschätzen

          Doch wer wollte es leugnen, dass Otto einst ein Solitär und die Wirkung seiner Komik kaum zu überschätzen war? „Wir waren fünfunddreißig Kinder in der Klasse, und fünfunddreißig kannten die Otto-Platte auswendig“, erinnert sich Christian Tramitz, ein Gast der Geburtstagsgala „Happy Otto!“ Dass diese von RTL ausgerichtet wird, liegt nicht unbedingt nahe: Die einzige Zusammenarbeit „Otto - die Serie“ war 1994 mit durchschnittlichem Erfolg gelaufen. Der Perfektionist Loriot, als komischer Dekonstrukteur des bürgerlichen Daseins der Gegenpol zum Anarcho-Chaoten Otto, hatte auch bei seinen Geburtstagsshows nichts dem Zufall überlassen und die Regie stets selbst geführt. So blieb ihm erspart, was nun Waalkes widerfährt: Dass eine Gala nicht um die Persönlichkeit des Jubilars herum gestrickt, sondern jener ins starre RTL-Korsett gezwängt wird. Zeitweilig fragt man sich, ob RTL hier tatsächlich Otto feiert - oder nicht vielmehr sich selbst.

          Alte WG-Kumpel: Lindenberg und Waalkes

          So wurde der dramaturgische Rahmen einer Casting-Show gewählt, deren Kandidaten sich auf die Gästeliste kämpfen sollen. Waalkes moderiert neben dem hübschen, doch zu Recht nicht als komisch bekannten RTL-Gesicht Nazan Eckes. Und wie heute in jeder Show äußern sich in Einspielfilmen unbefugte Menschen von Thomas Anders bis Lilo Wanders. Von Waalkes Weggefährten hat es nur sein einstiger WG-Kumpel Udo Lindenberg in die Show geschafft, es dominieren RTL-Stammschwächen wie Atze Schröder und Paul Panzer. Auch Mario Barth ist dabei und bringt zum zigtausendsten Male die Nummer, in der seine Freundin den Wagen zu Schrott fährt; nur dass diesmal die Party, von der sie kommen, eine Party bei Otto war. Es ist erbärmlich.

          Dieser Keks wird kein weicher sein

          Andere bemühen sich immerhin ernsthaft um eine Hommage an den Jubilar, indem sie dessen Sketche variieren; am besten gelingt dies Tramitz, der sich im otto-typischen Predigertonfall des Stimmungshits „Hamma!“ annimmt wie einst Waalkes dem Theo auf seinem Weg nach Lodz. „Maddin“ Schneider erinnert als müde Kopie des selbstvergessenen Robin Hood daran, wie gut das hektische Otto-Original war. Und natürlich darf der omnipräsente Oliver Pocher nicht fehlen. Als Kind spielte Pocher daheim Otto-Sketche nach, und so wirken seine Auftritte noch heute: Guckt mal, wie gut ich das kann, schreit es aus ihm heraus, wenn er ganz beachtlich den großartigen Küchen-Step aus dem ersten Otto-Film nachtanzt, ohne eine eigene Note hinzufügen zu können.

          Bewegende Momente bietet der Abend nur wenige. Etwa dann, als ein aufgedrehter Michael Holm mit Otto „Dänen lügen nicht“ anstimmt, die Verballhornung seines Schlagers. Oder als es Waalkes selbst auf wundersame Weise wieder einmal gelingt, mit musikalischer Hänselei für Stimmung zu sorgen: „Dieser Keks wird kein weicher sein“, lautet die Lebkuchen-Version des Xavier-Naidoo-Hits. Am Ende wird ein freudig erregter Waalkes seinem Publikum, das Kinder wie auch Großmütter umfasst, geduldig Autogramme geben. Ein Bild, das zeigt, dass wenigstens der Titel der Sendung ins Schwarze trifft: Otto ist glücklich.

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