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„Game of Thrones“ als Live-Musik : Sinfonie der Vernichtung

Kein Lied so süß: Der Komponist und Dirigent Ramin Djawadi steht bei der „Game of Thrones Live Concert Experience“ (hier in Berlin) am Hackbrett. Bild: Ralph Larmann

Mit jeder Note rollt ein Kopf: Die „Game of Thrones Live Concert Experience“, aufgeführt vom Komponisten Ramin Djawadi, begeistert die Fans – sie haben auch keine andere Wahl

          Um zwanzig Minuten nach acht strömen immer noch Menschen in die Frankfurter Festhalle. Der Gewitterguss ist vergessen, die Hitze kehrt zurück. Der deutschiranische Komponist Ramin Djawadi, der die Musik zur Serie „Game of Thrones“ geschrieben hat, wird gleich mit dem Folkwang Kammerorchester aus Essen und dem Chor „Spirit of Change“ aus Köln die „Game of Thrones Live Concert Experience“ aufführen. Den 6200 Besuchern wird Hören und Sehen vergehen.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Dass die Musik der Serie eine herausragende Rolle spielt, dürfte im Sinne von George R. R. Martin sein. Seine Buchvorlage trägt den Titel: „Das Lied von Eis und Feuer“. Unter der Kuppel der Festhalle liegt die Luft mehr, als dass sie stünde. So muss es sich an einem Hochsommertag in den Gassen von Königsmund im Süden des Königreichs Westeros anfühlen: Massen wälzen sich durch die Gänge, es riecht nach Mensch, die Bierfahne des Sitznachbarn dient wohl als olfaktorische Fanfare der Vorfreude, und von Luft im engeren Sinne kann nicht die Rede sein: Sie hat die Konsistenz von warmem Pudding. Djawadi spielt das in die Hände: Er wird diesen Pudding unter Einsatz verschiedenster tieffrequenter Instrumente – darunter ein über drei Meter langes „Wildlinghorn“ – und Verstärker in Schwingungen versetzen – bis auch der Letzte die akustisch-epische Wucht des Stoffs am ganzen Leib spürt.

          Schlachtplatten-Best-of aus den sieben Staffeln der Serie

          Die Gründe, sich einer Show hinzugeben, bei der die Musik dann doch eine untergeordnete (aber keine unwichtige) Rolle spielt, weil die Bilder auf der Leinwand hinter dem Orchester zu einem Schlachtplatten-Best-of aus den sieben Staffeln der Serie werden, sind zahlreich: Man ist (überwiegend) Fan der ersten oder zweiten Stunde. Man trägt – an diesem Abend auffallend selten – ein Daenerys-Targaryen-Kostüm. Man ist Begleitperson. Man ist neugierig oder hat generell Spaß am Getöse. Wer nach dem roten Faden sucht, der sich durch alle gesellschaftlichen Schichten zieht, hier wird er fündig: „Game of Thrones“ ist Circus Maximus. Hier: Bass und Spiele.

          Nachdem das in Schatten gehüllte Gesicht des Nachtkönigs, des Anführers der Armee der Untoten, die Westeros von Norden her bedrohen, mit leuchtend blauen Augen stoisch von der Leinwand geblickt hat und die Leute jeden Musiker beklatschen, der auf die Bühne kommt, macht die Königin aus dem Off eine klare Ansage: Wer sich nicht an das Gebot der Stille halte, werde „lebendig im Blut seiner eigenen Kinder gekocht“. Dann donnert das Hauptthema aus dem gewaltigen Lautsprecherwald über dem Orchester. Es klingt, als seien alle Regler auf elf. Die Akustik der Festhalle fügt alle Instrumente zu einem einzigen Brausen zusammen. Die Fans sind aus dem Häuschen, johlen und klatschen. Klar, mit so viel akustischer Kriegsmaschinerie hält kein Heimkino mit. Djawadis Dirigentenpult ist mit einem Fächer aus Schwertern dekoriert, im Hintergrund steht der Eiserne Thron. Das hätte auch Karajan gefallen. Nach dem ersten Stück wendet er sich ans Publikum: Er freue sich, mit seiner Musik endlich in Deutschland aufzutreten. Das habe er sich lange gewünscht.

          Leise Töne haben an diesem Abend wenig Platz. Und wenn, dann erinnert manche Passage an Richard Clayderman auf acht Flaschen Rotwein, anderes („Jon and Ygritte“) auf zauberhafte Weise an „Starálfur“ von Sigur Rós. Der Rest ist Wagner auf Crack: Musiker und Chor tragen Kostüme, der Mann am verzerrten E-Kontrabass Plattenrüstung am Bogenarm, die Violinistin wird per Hebebühne fünfzehn Meter in die Luft gehievt, und die Flammenwerfer der Pyrotechnik sind mit den Feuerstößen der Drachen auf der Leinwand synchronisiert.

          Das sorgt für zweierlei: Diejenigen, die mit der Serie nichts am Helm haben, bekommen eine solide Show. Und die, die jede der 63 Serien-Stunden verschlungen haben, bekommen all jene grausamen Verzückungsspitzen serviert, von denen sie glauben durften, sie seien erfolgreich wegtherapiert: Der Schockmoment der roten Hochzeit ist nur eine davon. Am Schluss wird auf der Leinwand unter „Isse memoriam“ noch einmal einiger der 196 toten Charaktere gedacht, die in den sieben Staffeln dem Plot zum Opfer gefallen sind (siehe auch deathtimeline.com). Danach wälzen sich die Massen wieder durch die Gänge. Erschlagen, wie sie sind, erscheinen sie selbst wie eine Armee der Untoten, aber sie wirken glücklich und erzählen viel von Gänsehaut.

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