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Fundstücke des Fernsehens (9): Loriot : Der erfahrene Mensch ist komisch

Im Gegensatz zu Karl Lagerfeld hat Loriot aus seinem Alter nie ein Hehl gemacht. Mit Genuss hat er sich in vielen seiner Sketche sogar deutlich älter gemacht - um die komische Wirkung noch zu steigern. Folge neun unserer Serie über die Fundstücke des Fernsehens.

          Fotos und Dokumente, rare Objekte und wundersame Trouvaillen aus dem Fernsehmuseum in Berlin stellen wir in diesen Wochen vor. Dazu natürlich auch die Menschen, zu denen die Gegenstände gehören. Diesmal: Loriot.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wollten wir den Herrn bei einem vor fünfundzwanzig Jahren gefallenen Wort nehmen, dann müsste der fünfundachtzigste Geburtstag Vicco von Bülows am 12. November im Bayreuther Festspielhaus gefeiert werden. So jedenfalls hieß es am Ende der Sendung zu Loriots Sechzigstem, als zum Zwecke der Planungssicherheit des Publikums ein Ausblick auf die kommenden Jubeltage gegeben wurde: Zum Neunzigsten dürfen sich die Gratulanten demnach im römischen Colosseum einfinden, zum Fünfundneunzigsten auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände in Nürnberg, zum Hundertsten schließlich in der Großen Halle des Volkes in Peking.

          Doch was immer an besagten Terminen dort vor sich gehen wird, der Jubilar dürfte nicht anwesend sein. Aus dem grellen Licht der Öffentlichkeit hat sich Loriot nach und nach zurückgezogen, eine wie auch immer geartete Gala wird auf die Hauptperson verzichten müssen. Jedes seiner raren Interviews in den vergangenen Jahren wurde vom Hinweis begleitet, es werde das letzte sein. Den zu erwartenden Medienrummel, den der fünfundachtzigste Geburtstag eines der bekanntesten und beliebtesten Deutschen auslösen wird, wird Vicco von Bülow aus der Distanz verfolgen. „Es wird ihn ehren und freuen“, sagt sein enger Freund, der Regisseur Stefan Lukschy, „und ihm gleichzeitig lästig sein.“

          Altern ist schon eine Zumutung

          Das Alter, so konstatierte Loriot vor sechs Jahren gegenüber dem Magazin der „Süddeutschen Zeitung“, sei „nicht der erwartete beschauliche Ausklang“, sondern geprägt durch eine wachsende Zahl kleiner Übel: „Ächzendes Verlassen des Taxis, Zögern bei der letzten Treppenstufe, Unauffindbarkeit des zweiten Mantelärmels, zu Hilfe eilende junge Damen. . . Altern ist schon eine Zumutung.“ Etwas altersmilder zeigte er sich vier Jahre darauf in der „Bild am Sonntag“: „Aber selbst wenn man feststellt, dass man ein Taxi nur noch mit grotesken Windungen verlassen kann, hat der Verlust dieser ehemals so eleganten Bewegung auch seine komische Seite.“ Auf die grotesk komischen Seiten des menschlichen Reifeprozesses war Loriot schon früh aufmerksam geworden, schließlich hatte er die Altersrolle seit Jahrzehnten einstudiert.

          Es ist anzunehmen, dass auch Vicco von Bülow einmal jung gewesen ist, die Zuschauer indes haben ihn so nie erlebt. Als der zuvor nur als Zeichner bekannte Loriot 1967 mit „Cartoon“ seine erste eigene Fernsehsendung bekam, war er bereits dreiundvierzig - und er sah, ganz anders als die heute Vierzigjährigen mit ihren Sneakers und Sweatshirts, auch mindestens so alt aus: ein würdevoller, gepflegter Herr im vornehmen Anzug und mit silbergrauem Haar. Die betont seriöse Erscheinung als Kontrast zur oft absurden Komik ist ein wesentliches Element im Loriotschen Wirken. Kaum wichtiger für die Fallhöhe, welche der Humor zur Entfaltung benötigt, ist das Alter seiner Figuren. „Wenn der erfahrene Mensch danebenhaut, ist das komischer, als wenn es einem jungen Menschen unterläuft“, weiß Loriot. In der Tat wäre etwa die berühmte Nudelszene nur halb so vergnüglich, versuchte hier ein Zwanzigjähriger seiner neuen Flamme in der Pizzeria zu imponieren statt des reifen leitenden Angestellten im gediegenen Restaurant.

          Liebevolle Zuneigung fürs Alter

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