Fotos und Dokumente, Objekte und Trouvaillen aus dem Fernsehmuseum in Berlin stellen wir in diesen Wochen vor. Dazu natürlich auch die Menschen, zu denen diese Gegenstände gehören. Heute geht es um Wolfgang Menge. Folge 8.
Damals, als die Grenze fiel, verunsicherte das vor allem die Deutschen im Osten. Wer wusste anfangs schon, ob die Grenze nicht wieder geschlossen würde und man Schwierigkeiten mit der Partei bekäme, sich womöglich verantworten müsste? Zu welchem Staat man nun gehörte, wer einem noch was zu sagen hatte? Ob die DDR nicht auch Bewahrenswertes hervorgebracht und das mit dieser Konsumflut nicht auch Nachteile habe? Als diese Fragen gestellt wurden, hatte gerade das Jahr 1969 begonnen. Die DDR wurde wenig später zwanzig Jahre alt, und zwanzig weitere Jahre sollte es dauern, bis das, was Wolfgang Menge in seiner fiktiv-dokumentarischen Satire „Die Dubrowkrise“ (ausgestrahlt am 9. Januar 1969) im Kleinen vorwegnahm, auf erstaunliche Weise im Großen wahr werden sollte: die deutsche Wiedervereinigung.
Der Film zeigt, was passiert, wenn von einem Tag auf den anderen der bundesdeutsche Alltag über ein Dorf in Mecklenburg hereinbricht. Verursacht durch einen Vermessungsfehler an der Grenze, wird das Dorf Dubrow über Nacht vom Osten in den Westen verpflanzt. Heerscharen von Reportern, Kamerateams und neugierigen Touristen fallen ein, zertrampeln die Blumenbeete und behandeln die Dorfbewohner wie eine exotische Tierart im Zoo. Die Dubrower sind zwischen der alten und der neuen Zeit hin- und hergerissen, während in Bonn die Regierung durch Hilflosigkeit besticht. Sie ist ebenso wenig auf die Ereignisse vorbereitet wie die Bewohner des Dorfes.
Die erste gelungene Sitcom
Für „Die Dubrowkrise“, die ihren Namen Menges damaliger Wohnadresse in der Berliner Dubrowstraße verdankt, bekam er 1970 seinen ersten Grimme-Preis. Heute ist der Klassiker einer von 69 Menge-Filmen, die man sich in voller Länge in der Programmgalerie des Museums für Film und Fernsehen in Berlin anschauen kann. Es beginnt mit der legendären Krimiserie „Stahlnetz“, die Menge 1958 mit Jürgen Roland erfand, reicht über die das Publikum damals äußerst verstörenden Thriller „Das Millionenspiel“ und „Smog“ bis zu sämtlichen Folgen seiner bis heute immer wieder ausgestrahlten fünfundzwanzigteiligen Serie „Ein Herz und eine Seele“, die man getrost als erste - dazu noch gelungene - Sitcom im deutschen Fernsehen bezeichnen kann.
Ebenfalls zu finden sind Menges „Tatort“-Kommissar „Kressin“ sowie alle dreizehn Teile von Ekel Alfreds Nachfolger „Motzki“, der drei Jahre nach dem Mauerfall für publizistischen Wirbel sorgte und die Kluft zwischen Ost und West vertiefte. Menge wollte nie nur unterhalten, er wollte aufrütteln, belehren, zum Nachdenken anregen. Meist ist ihm das gelungen. Fragt man ihn, wie er auf seine Stoffe gekommen sei, antwortet er mit der ihm eigenen, ruppigen Art: „Ich hab' einfach nachgedacht.“ Und nichts an dieser Aussage lässt einen zweifeln, dass er die Fähigkeit nachzudenken bei den meisten seiner Landsleute und Kollegen vermisst.
„Fernsehen gucke ich heute kaum noch“
„Auf den Geschmack der anderen kann man sich nicht verlassen“, hat er einmal gesagt. „Die finden etwas fabelhaft, ich finde es beschissen.“ Selbstverständlich findet er auch das heutige Fernsehprogramm keineswegs gut. Das meiste sei schlampig recherchiert und gedankenlos umgesetzt, „Fernsehen gucke ich heute kaum noch.“ Schaut er dann doch mal, erregt sich der Vierundachtzigjährige gern über schlechte Formulierungen. „Die können keinen geraden Satz mehr sagen. Ich bin jeden Tag entsetzt über das schlechte Deutsch, das die reden.“ Jahrelang hat er Texte mit Stilblüten aus Zeitungen ausgeschnitten und sie in der Schublade gehortet. Mittlerweile hat er aufgegeben, „das sind einfach zu viele, da wäre ja die Wohnung voll“.
Menge galt immer als Grantler und Nörgler. Wer ihn kennt, schätzt seine Geradlinigkeit, seinen scharfen Verstand und seinen trockenen Humor. Streitereien ist er dennoch nie aus dem Weg gegangen. Einige Ordner mit penibel geordneten Briefen und Dokumenten, die Menge dem Museum für Film und Fernsehen überlassen hat, legen davon Zeugnis ab. Den damaligen WDR-Intendanten Friedrich Nowottny hat er einmal derart auf die Palme gebracht, dass der ihm auf einer undatierten, handgeschriebenen Karte entgegenschleuderte: „Deine zahlreichen Unverschämtheiten, meine Person betreffend, nehme ich nicht zur Kenntnis. Werde ruhig Pfeife des Jahres - es tut nicht weh. Produziere lieber anständige Bücher!“
„Die meisten Kollegen wissen ja nichts mehr“
Anständige Bücher hat der notorische Pfeifenraucher durchaus geschrieben. Fast immer behandelten sie historische oder gesellschaftspolitische Themen, die erst durch Menges eigenwillige Perspektive, genaue Recherche, gepaart mit der Fähigkeit, Ereignisse spannend und unterhaltend zu beschreiben, bei Publikum und Kritik ankamen. „Wir haben einfach noch unseren Beruf gelernt“, erklärt er lapidar, „die meisten Kollegen heute wissen ja nichts mehr.“ Das sei das Dilemma des deutschen Fernsehens.
Geboren wurde Wolfgang Menge am 10. April 1924 als Sohn eines Studienrates und einer jüdischen Mutter in Hamburg. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann er eine Ausbildung beim German News Service, dem Vorläufer der Deutschen Presse-Agentur, und arbeitete erst in Hamburg, dann in London. Von 1954 an berichtete er als erster deutscher Reporter für die „Welt“ aus Tokio und Hongkong und fuhr - wiederum als erster deutscher Journalist - mit der Transsibirischen Eisenbahn von Peking nach Moskau. Zurück in Hamburg, lief ihm Jürgen Roland über den Weg, den er aus der Kantine des NWDR kannte und der ihm von seinen Problemen mit seiner dokumentarischen Fernsehserie „Der Polizeibericht meldet“ erzählte. Menge erkannte den springenden Punkt sofort: „Was du machst, das musst du mit Text machen“, riet er. Menge schrieb dann die Texte, Roland führte Regie, „Stahlnetz“ war geboren.
Seine Talkshow war reine Anarchie
Zahlreiche Filme folgten, viele gingen in die Fernsehgeschichte ein, manche sind vergessen - auch von Menge selbst. 1974 war er wieder federführend dabei, als bei Radio Bremen eine neue, bahnbrechende Art der Fernsehunterhaltung geboren wurde: die Talkshow. Marianne Koch, Gert von Paczensky und er waren „III nach 9“, die unkonventionell, spontan und manchmal auch ein wenig konzeptlos vor Publikum ihre Gäste befragten. „III nach 9“ gibt es noch immer, wenn auch nur noch mit zwei Moderatoren (Amelie Fried und Giovanni di Lorenzo); sie ist die dienstälteste deutsche Talkshow, aber gegen das höfliche Geplauder von heute waren die Sendungen der frühen Jahre reine Anarchie. Schon in der ersten Sendung vom 19. November 1974 fällt Menge nicht nur durch seinen markanten Kahlschädel und sein grünkariertes Hemd auf, sondern durch seine nicht immer charmante, aber stets unterhaltsame Methode, die Gäste zu befragen, die er auch einige Jahre später als Moderator der SFB-Talkshow „Leute“ kultivierte.
Noch heute sitzt Menge täglich an seinem Computer und macht sich Notizen, aber seit einem Schlaganfall im vergangenen Jahr fällt ihm die Arbeit schwer. Das Gedächtnis funktioniert nicht mehr so richtig, aber was viel schlimmer für ihn ist: Er darf kein Auto fahren, für mindestens zwei Jahre. Ob er plant, noch mal ein Drehbuch zu schreiben? „Vielleicht“, sagt er und stopft eine seiner über hundert Pfeifen, „aber erst, wenn ich meinen Führerschein wieder habe.“