12.08.2008 · Der 13. August 1961, der Tag des Mauerbaus, war auch ein sehr besonderes Datum für die deutsche Fernsehgeschichte. Zum ersten Mal wurde ein Ereignis zum Anlass, das Fernsehprogramm sowohl in Ost als auch in West in Windeseile zu aktualisieren.
Von Jochen HieberFotos und Dokumente, rare Objekte und wundersame Trouvaillen aus dem Fernsehmuseum in Berlin stellen wir in den Wochen dieses Sommers vor. Dazu natürlich auch die Menschen, zu denen die Gegenstände gehören. Folge 6.
Auch am Sonntag, dem 13. August 1961, wollte der Deutsche Fernsehfunk - so nannte die DDR ihren damals seit gut fünf Jahren betriebenen Staatssender - zu Beginn des Programms auf Agitation nicht verzichten. Für den geplanten Sendebeginn um zehn Uhr am Morgen hatte man „Kinderfernsehen für Kinder von 8 Jahren an“ vorgesehen. Aber keine Märchenverfilmung etwa aus dem darauf spezialisierten Bruderland, der Tschechoslowakei, sollte die heranwachsenden sozialistischen Jungmenschen unterhalten, vielmehr war unter dem Titel „Ein Dorf steht kopf“ eine Direktübertragung vom „Friedensmarsch zum IV. Pioniertreffen“ vorgesehen. Die Übertragung fand auch statt, allerdings begann sie erst einige Minuten nach zehn Uhr und dauerte nicht, wie geplant, eine Stunde, sondern nur zweiundfünfzig Minuten lang.
Der Grund auch für diese vorläufig nur geringfügige Programmänderung: In den frühesten Morgenstunden des 13. August hatten auf Befehl des Zentralkomitees der SED und dessen Generalsekretärs Walter Ulbricht Grenzpolizisten und sogenannte Betriebskampftruppen der DDR damit begonnen, die Zonenübergänge zwischen Ost-Berlin und den drei Westsektoren mit Stacheldraht abzuriegeln. Zudem wurden an vielen Orten des Ostteils Straßenpflaster und Asphaltbelag aufgerissen, um Fluchtfahrten zu vereiteln und den bald darauf definitiv befestigten Grenzverlauf festzulegen. Kurzum, der Bau der Mauer in Berlin hatte begonnen - etwas mehr als achtundzwanzig Jahre lang sollte sie die Stadt zweiteilen und deren Menschen voneinander trennen.
Atemberaubend minutiöses Tagesprotokoll
Der 13. August 1961 ist indes auch ein sehr besonderes Datum für die deutsche Fernsehgeschichte. Zum ersten Mal wurde an diesem Tag ein ebenso öffentliches wie die Bevölkerung nahezu vollkommen unerwartet treffendes Ereignis zum Anlass, das Fernsehprogramm sowohl in Ost als auch in West wenn schon nicht ganz auf den Kopf zu stellen, so doch zu aktualisieren - und dies so gründlich wie in Windeseile. Gewiss, es hatte beim Wettlauf der Systeme auch zuvor schon Anlässe gegeben, die das noch junge Medium Fernsehen auf die Aktualitätsprobe stellten - am 4. Oktober 1957 etwa den Start des sowjetischen Satelliten „Sputnik 1“, am 27. November 1958 Chruschtschows zweites Berlin-Ultimatum, am 8. November 1960 die Wahl John F. Kennedys zum Präsidenten der Vereinigten Staaten oder, wenige Monate vor Beginn des Mauerbaus, den ersten bemannten Raumflug vom 12. April.
Vom zweiten Augustsonntag vor siebenundvierzig Jahren aber unterschied diese Ereignisse mancherlei. Sie wurden zumindest kurz vor ihrem Eintreten angekündigt, oder sie kamen zwar überraschend, aber eben auch nicht ganz und gar unerwartet. Also konnte man durch jedenfalls kurzfristig planbare Sonderprogramme oder durch zeitliches Erweitern der bestehenden Nachrichtensendungen - der „Tagesschau“ im Westen, der „Aktuellen Kamera“ im Osten - journalistisch auf sie reagieren. Dass am 13. August aber selbst der Deutsche Fernsehfunk, dessen Intendant Heinz Adameck in enger Verbindung mit dem Politbüro stand, von den Geschehnissen einigermaßen überrascht wurde, macht das „Journal der Handlung“ deutlich, ein atemberaubend minutiöses Tagesprotokoll der Ost-Berliner Volkspolizei. Von 4.25 Uhr an wurde es geführt, für 6.55 Uhr lautet der Eintrag: „Beim Fernsehfunk zur Zeit Änderung des Programms, Stimmung und Äußerung zu den Maßnahmen positiv.“
Kein Porträt von Karl Liebknecht
Etwas mehr als sechs Prozent aller Haushalte in der DDR besaßen ein Fernsehgerät, allein in Ost-Berlin konnten etwa hunderttausend Menschen das Programm sehen. Ihnen allen hatte die offizielle Programmzeitschrift „Funk und Fernsehen der DDR“ für diesen Sonntag eine durchaus gemächliche Sendefolge angekündigt, in der sich Agitatorisches und Weltanschauliches mit Sport, Unterhaltung und Kultur in etwa die Waage hielten. Die Programmzeitschrift annonciert die „Ratschläge des Futtermeisters der DDR“ ebenso wie Schwimm-Meisterschaften aus Finsterwalde, die sich übrigens mit dem Attribut „deutsch“ gleichermaßen schmückten wie die parallel im westlichen Reutlingen stattfindenden Wettkämpfe. Dem damals zweiundsechzig Jahre alten amerikanischen Sänger und Bürgerrechtler Paul Robeson galt ein Porträt - er war kurz zuvor in der DDR aufgetreten. Das legendäre DDR-Sandmännchen versah seinen bereits bewährten Dienst am frühen Abend, „Die verkaufte Braut“ sollte den Zuschauern in einer Direktübertragung aus Dessau beschert werden. Nur ein einziges Mal drohte die „Aktuelle Kamera“.
Das änderte sich nun im Handumdrehen. Zwei Stunden früher als geplant, also um acht Uhr, ging die „Aktuelle Kamera“ auf Sendung, bis in die Nachtstunden hinein meldete sie sich fünf weitere Male. Der Auftritt des Futtermeisters wurde gestrichen zugunsten des üblicherweise am Wochenende pausierenden aktuellen Magazins „Treffpunkt Berlin“ - erstmals erschien hier auch Karl-Eduard von Schnitzler, der linienfeste und in Westpolemik promovierte Chefkommentator des DDR-Fernsehens. Seine eigene Sendung „Der Schwarze Kanal“ bekam um 21.25 Uhr eine Extrazeit, dafür mussten sich die Sänger in Dessau zehn Minuten kürzer fassen. Der Kommunistenführer Karl Liebknecht wurde um sein postumes Geburtstags-Porträt gebracht und musste sich mit wenigen Minuten in der Hauptsendung der „Aktuellen Kamera“ begnügen, die sich ansonsten ganz auf „Nachrichten zu den Maßnahmen“ konzentrierte, lauter befürwortende Stimmen von den Straßen wiedergab, West-Berlins Regierenden Bürgermeister Willy Brandt der Feigheit zieh - „Brandt wollte nicht gefilmt werden“ - und deren Moderator in unübertrefflichem Zynismus resümierte: „ein ganz normaler Tag in Berlin“.
„Wie der Friede gerettet wurde“
Zwei Stunden früher hatte das Programm begonnen, zwei Stunden später, also um Mitternacht, endete es - der Deutsche Fernsehfunk hatte sich aus dem Stand als Aktual-Agitator und Propagandist ersten Ranges erwiesen und bewährt - keine zwei Wochen nach Beginn des Mauerbaus war er dann auch bereits mit der Großdokumentation „Wie der Friede gerettet wurde“ zur Stelle.
Im Gegensatz zum DDR-Fernsehen war das seit mehr als sechs Jahren sendende Erste Programm der ARD ohne jede Vorwarnung mit dem 13. August konfrontiert. Das hatte der Sender immerhin mit den Staats- und Regierungschefs der Westalliierten gemein: Kennedy war in Urlaub, de Gaulle auf seinem Landsitz, Harold Macmillan auf der Jagd. Das Sonntagsprogramm aus der „Hörzu“ zeigt, dass man sich ebenfalls auf Beschaulichkeit, ein wenig Aktualität und etwas Spannung eingerichtet hatte. Aber das Exemplar aus der Sammlung des Berliner Film- und Fernsehmuseums zeigt auch, dass der einstige Besitzer von Hand einige aktuelle Änderungen vermerkt hat. Natürlich beschäftigte sich der „Internationale Frühschoppen“ zu Programmbeginn um zwölf Uhr ausschließlich mit Berlin. Das anschließende „Magazin der Woche“ enthielt einen Sonderbericht, der allerdings, wie der Branchendienst „Funkkorrespondenz“ alsbald meldete, „technisch leider gestört war durch den Ausfall eines West-Berliner Senders“.
Willy Brandts Klage
Der angekündigte Film über die Reichenau, die glückliche Insel, entfiel, stattdessen verlängerte man die ohnedies vorgesehene Sendung „Diesseits und jenseits der Zonengrenze“ um eine Direktreportage vom Potsdamer Platz, die im Rahmen der Eurovision auch von dreizehn europäischen Stationen sowie von den amerikanischen Sendern NBC und CBS übernommen wurde. Um 22.40 Uhr wartete das Erste mit einer handwerklichen Meisterleistung auf: Den ganzen Tag über hatte der Journalist Matthias Walden seine erst für einen späteren Sendezeitpunkt vorgesehene Reportage „Berlin, 21.37 Uhr“ mit neuen Texten versehen, neu vertont, ja überhaupt erst fertiggestellt.
Statt um 20.05 Uhr „Rund um den Bodensee“ zu wandern, wurde Willy Brandt interviewt - das Transskript dieses Gesprächs findet sich ebenfalls im Berliner Fernsehmuseum. Brandt war es auch, der noch am frühen Morgen des 13. August 1961 seine Wahlkampfreise durch die Bundesrepublik unterbrochen hatte und sofort nach Berlin zurückgekehrt war. In einem Brief an Kennedy sollte er drei Tage später über die Untätigkeit der Westmächte klagen.