Fotos und Dokumente, rare Objekte und wundersame Trouvaillen aus dem Fernsehmuseum in Berlin stellen wir in den Wochen dieses Sommers vor. Dazu natürlich die Menschen, zu denen die Gegenstände gehören. Folge 4
Heute darf in deutschen Fernsehstudios und vor deutschen Fernsehkameras nur noch einer rauchen: Helmut Schmidt, Bundeskanzler zwischen 1974 und 1982, im gegenwärtigen Stadium seiner an Herausforderungen und Erfolgen reichen Laufbahn so etwas wie der politische Weltweise der Nation und, wie erst jüngst beim feierlichen Gelöbnis der Bundeswehr vor dem Reichstag in Berlin, auch der repräsentative Redner der Republik. Und er, der in wenigen Monaten neunzig Jahre alt wird, ist auch der Einzige, der in Interviews ohne Rechtfertigung und Relativierung auf die Frage antworten kann, ob er je versucht habe, das Rauchen aufzugeben: „Nee. Ich bin doch nicht verrückt.“ Aber selbst dieser landesweit unumstrittene Mann ist nicht mehr davor gefeit, wegen des öffentlichen Genusses seiner Mentholzigaretten des Gesetzesverstoßes geziehen und von staatsanwaltlichen Ermittlungen behelligt zu werden - auch wenn man diese, wie Anfang Februar dieses Jahres geschehen, dann rasch wieder einstellt. Helmut Schmidt also ist in jeder Beziehung ein Überlebender des Rauchens.
In der ersten Hälfte der sechziger Jahre war das Fernsehen noch ausschließlich schwarzweiß. 1963 erhielt die ARD, der bisherige Sendemonopolist, im Westen des geteilten Landes mit dem ZDF zwar erstmals Konkurrenz, immerhin aber blieb man öffentlich-rechtlich unter sich. Sechs Millionen Haushalte nannten damals bereits ein Fernsehgerät ihr Eigen, 1973, im letzten Jahr vor dem endgültigen Siegeszug des Farbfernsehens, waren es schon achtzehn Millionen. Zwei Jahre später dann, man kann es in Knut Hickethiers „Geschichte des deutschen Fernsehens“ nachlesen, lag die „Fernsehdichte“ bei dreiundneunzig Prozent, allenthalben war deshalb vom „Erreichen der Sättigungsgrenze“ die Rede.
Ein einziges Tabakskollegium
In all dieser Zeit aber besaß das allmählich erwachsen und unausweichlich werdende Medium auch eine weitere, mehr noch: eine ganz wesentliche Eigenschaft - es war ein einziges Tabakskollegium. Als Tabakskollegium verhielt es sich noch ganz im Geist und im Stil jener Salonkultur, die der Preußenkönig Friedrich I. zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts ins Leben gerufen und sogleich mit einer fernhin treffenden Propagandaparole versehen hatte: „in Meinung“, so lautete sie, „dass der Gebrauch des Tabaks gegen alle böse Luft gut sei“.
Ein überaus anschauliches und beweiskräftiges Dokument für den frühen Fernsehtriumph des Tabaks bietet die sogenannte Raucherwand im Spiegelsaal des Berliner Museums für Film und Fernsehen. In diesem Spiegelsaal können die Besucher wechselnde Programme bestaunen. So etwa gibt es ein Potpourri der Unterhaltungssendungen in Ost und West einschließlich all der wunderbar-wundersamen Fernsehballett-Formationen, die je über den Bildschirm schwebten. Das Entstehen und die Entwicklung der Krimi-Serien passiert Revue, Ausschnitte aus den Straßenfegern von einst - vom „Polizeirevier Davidswache“ übers „Halstuch“ bis zur „Dame in Weiß“ - sind dabei garantiert. Aber es gibt eben auch bebilderte Beispiele aus den Gesprächs- und Diskussionssendungen des Fernsehens - aus einst durchaus differenzierten Genres mithin, die sich inzwischen fast alle der gleichmachenden Dramaturgie der Talksshow unterworfen haben oder ohnedies nur noch Trash-Fernsehen liefern.
Zwei Jahrzehnte Warnhinweise
Seit Mitte der siebziger Jahre darf hierzulande auch im Fernsehen nicht mehr für Tabakwaren geworben werden, der Aufdruck aus Zigarettenschachteln, dass Rauchen die Gesundheit gefährde, ist nun auch schon gut zwei Jahrzehnte alt. Bis vor etwa eineinhalb Jahrzehnten hatten solche Kampagnen im Sinn der Gesundheitsmoral aber kaum Auswirkungen auf die Praxis des Fernsehens.
Bis 1987 zelebrierte Werner Höfer fünfunddreißig Jahre lang am Sonntagmorgen den „Internationalen Frühschoppen“ im Ersten. Zwischen 1963 und 1973 moderierte der nachmalige ZDF-Chefredakteur Reinhard Appel in seinem Sender die Reihe „Journalisten fragen - Politiker antworten“. „Im Kreuzfeuer“ nannten, ebenfalls in jener Zeit, die damals so berühmten wie gefürchteten WDR-Journalisten Claus-Hinrich Castorff und Rudolf Rohlinger ihre strengen Befragungen zumal von Politikern im Rahmen des Magazins „Monitor“. „Zur Person“ und „Zu Protokoll“ waren die bekanntesten unter den diversen Sendetiteln, unter denen Günter Gaus von 1963 an jahrzehntelang mit Personen und Persönlichkeiten der Zeitgeschichte, der Kunst und der Kultur intensive Dialoge führte und darüber Fernsehgeschichte schrieb. In diesen gleichsam klassischen Formaten gab es wohl kein politisches und gesellschaftliches Thema, das nicht diskutiert worden wäre.
Geraucht wurde überall
Zu Beginn der siebziger Jahre entstanden die ersten Talkshows - Vorreiter war und Furore machte „Je später der Abend“, moderiert von Dietmar Schönherr, Hansjürgen Rosenbauer und Reinhard Münchenhagen. Das bis heute unverwüstliche Format „III nach neun“ folgte auf dem Fuß, Hans-Joachim Kulenkampff lud danach zum „Feuerabend“, Alfred Biolek in den „Kölner Treff“. In diesen Frühformaten der Fernsehplauderei gab es nun auch für Themen des Privatlebens und der Prominenz kaum noch Tabus.
Aber ob Fernsehgespräch, ob Talkshow: Geraucht wurde überall und was das Zeug hielt. Bei der Momentaufnahme, die unser Foto der Raucherwand im Fernsehmuseum festhält, ist die Auswahl der Raucher besonders prominent und elitär: der Literatur-Nobelpreisträger Heinrich Böll in einer Straßenszene mit einer Filterlosen; die Philosophin Hannah Arendt zu Gast bei Günter Gaus; der erste sozialdemokratische Bundespräsident Gustav Heinemann nachdenklich ziehend; der ob seiner Zigarrenwolken oft auch auf dem Fernsehschirm kaum zu erkennende Wohlstandsvater Ludwig Erhard; die Kanzler Willy Brandt, Helmut Kohl und naturgemäß auch Helmut Schmidt. Einzig Franz Josef Strauß ist, wohl ausnahmsweise, ohne Rauch-Utensilien abgebildet, die Hände aber, die die immerwährende Pfeife reinigen, gehören mit größter Wahrschein zum einstigen SPD-Strategen Herbert Wehner.
Die Zeit vor der Hysterie
Morgen, am Mittwoch, will das Bundesverfassungsgericht sein Urteil über das Rauchverbot in Gaststätten verkünden - formal stehen dabei lediglich die Verbotsgesetze von Baden-Württemberg und Berlin auf dem Prüfstand. Unter gesundheitlichen Aspekten kann niemand den Befürwortern selbst striktester Rauchverbote widersprechen. Zudem praktizieren europäische Nachbarn wie England oder Italien Raucherverbannungen in einer Rigidität, die man ob der Mentaltät ihrer Pub- oder Kneipengänger nie erwartet hätte, von den Vereinigten Staaten und ihrer Antiraucherreligion ganz zu schweigen.
Die Raucherwand im Berliner Fernsehmuseum aber hält immerhin die Erinnerung daran fest, dass es einmal eine Zeit gab, die, so Helmut Schmidt „diese Hysterie“ noch nicht kannte. Unsere Aktualität, in der der Ruf nach Deregulierung durchaus Widerhall findet, kompensiert ihre ausufernde Liberalität durch die Regelwut beim Rauchen. Wer heute im Fernsehen raucht, kommt schlecht an - ganz egal, was er zu sagen hat. Es sei denn, er heißt Helmut Schmidt.
Nanana...
Stefan M. Oke (stefanmoke)
- 29.07.2008, 20:14 Uhr