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Fundstücke des Fernsehens (3) Ein Erlöser braucht den Revolver nicht

 ·  Nicht fremd war ihm die Rolle des Erlösers: Schon mit 12 Jahren spielte Erik Ode den jungen Jesus. In Erinnerung bleibt aber sein „Kommissar“, den er von 1969 bis 1976 im ZDF gab. Bis zu dreißig Millionen Menschen verfolgten, wie Ode die Welt wieder ins Lot rückte.

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Erik Odes Nachlass im Berliner Museum für Film und Fernsehen ist überschaubar. Er kam in zwei Schachteln, per Post. Darin Fotos und Dokumente, die von einer Theaterkarriere künden, eine Goldene Kamera von 1981, ein Fernsehpreis von 1973, ein alter Berliner Schupo-Helm, ein paar Handschellen mit dem eingravierten Hinweis „Mörderparty, 13.9.69“ und ein antiker Revolver, der für seinen eigentlichen Zwecke schon lange nicht mehr taugte. „Für den Chef zum 50.“ hat jemand mit rotem Stift draufgemalt. Welch ein passendes Geschenk.

Die verrostete Kanone gab es nicht zum fünfzigsten Geburtstag, sondern zur fünfzigsten Folge. Und wer der „Chef“ war, das wusste damals in Deutschland jeder: Erik Ode war der „Chef“, er war der „Kommissar“, dessen Nachnamen manche kannten – er hieß Keller –, der einen Vornamen aber nicht brauchte, so dass dieser nicht einmal dem Darsteller selbst geläufig war (nach historischen Quellen lautet der vollständige Rollenname Herbert Keller). In siebenundneunzig Folgen trat er zwischen 1969 und 1976 für das ZDF auf, was fernsehserienhistorisch gesehen nicht einmal übertrieben lang war.

Bis zu dreißig Millionen Zuschauer

Außergewöhnlich hoch aber waren die Einschaltquoten von bis zu siebzig Prozent – bis zu dreißig Millionen Menschen schauten zu. Das war auch in einer Zeit, in der es das Privatfernsehen noch nicht gab, sehr viel mehr als beachtlich. Die ARD suchte mit ihrem „Tatort“ noch jene Kontinuität, die das ZDF eben mit dem „Kommissar“ und später mit „Derrick“ schon gefunden hatte. Als „Länderspiegel mit Leichen“ findet man den „Tatort“ in jener Zeit tituliert, gegen den „Alten“, also Erik Odes Kommissar, war damals kein Kraut gewachsen.

Dabei fehlte dieser Serie, was einen Krimi gemeinhin ausmacht. Die Spannung hielt sich sehr in Grenzen, die Härten der Polizeiarbeit wurden so gut wie ganz ausgeblendet. Die Drehbücher von Herbert Reinecker stellten vielmehr auf ausgestellte, künstliche Dialoge ab, die Darsteller spielten wenig und sprachen viel in gestanzten Sätzen, die von den moralischen Anfechtungen des Menschen an sich handelten. Am Ende einer jeden Folge war das Verbrechen nicht nur aufgeklärt worden – das verstand sich von selbst –, sondern die Dinge hatten auch wieder ihre Ordnung, die Welt war im Lot, und als ihr Erlöser erschien ebenjener Kommissar ohne Namen, den stets eine eigentümliche Ruhe umgab.

Ein Mann, der schon alles gesehen hatte

Wenn er auftauchte, so schien es, wurde es windstill, hörten die Spatzen auf zu krakeelen und verstummten auch die Menschen – vor seinem Blick, der ausdrückte, dass dieser Mann schon alles gesehen hatte, was Menschen anrichten können. Was das sein mochte, das gab es in diesem Krimi nie zu sehen, dafür aber Täter, die es danach drängte, diesem Kommissar zu beichten, die es drängte, ihre Tat nicht nur zu gestehen, sondern auch die Einsicht in ihr frevelhaftes Tun zu bekunden.

Das Erlöserhafte dieser Figur ist in den Drehbüchern von Herbert Reinecker angelegt gewesen. Und nicht ohne Grund haben nachgeborene Kritiker im „Kommissar“ auch einen telegenen Bewältiger der nationalsozialistischen Vergangenheit gesehen – hat doch das ewige Kreisen um Schuld und Sühne, das mit einem unheimlichen Verständnis für die Täter, für diese vermeintlich schuldlos Schuldigen, einhergeht, etwas Verschwiemeltes und Stellvertreterhaftes. Es sollte Reineckers Bücher bis in die „Derrick“-Ära in den achtziger Jahre hinein kennzeichnen. Als junger Mann hatte dieser Herbert Reine- cker noch bis in die letzten Stunden der nationalsozialistischen Herrschaft flammende Durchhalteartikel geschrieben.

Der Erlöser

Dem Schauspieler Erik Ode hingegen war die Figur des Erlösers nicht fremd, auch wenn er sie sich nicht ausgesucht hat. 1923 spielte er im Alter von zwölf Jahren an der Seite von Henny Porten und Asta Nielsen in einem Film den jungen Jesus. Der Film hieß nach der Kreuzesaufschrift des Pontius Pilatus „INRI“ – Jesus Nazarenus Rex Iudaeorum.

Geboren war Ode am 6. November 1910 in Berlin unter dem Namen Fritz Erik Signy Odemar. Seine Mutter, Erika Nickau, ging dem Schauspielberuf nach, sein Vater, Fritz Odemar, ebenso. Ihr Sohn wollte eigentlich Kameramann werden und Regie führen, doch fehlte es ihm für die Ausbildung an Geld. Ans Theater hingegen wurde er gerufen. In den dreißiger Jahren und auch nach dem Zweiten Weltkrieg spielte er vor allem in Berlin und in München, zudem soll er in fünfundachtzig Filmen aufgetreten sein. Bevor er Ende der sechziger Jahre schließlich zum „Kommissar“ wurde, hatte Ode doch ins Regiefach gefunden. 1948 ging er als Oberspielleiter zum Rias, in den fünfziger Jahren inszenierte er typische Wirtschaftswunderfilme, an die man sich heute nicht mehr erinnert: „Skandal in der Botschaft“ 1950, „Der Kampf der Tertia“ 1952, „Der erste Kuß“ 1954 und „Was eine Frau im Frühling träumt“ 1958, um nur einige von mehr als zwei Dutzend zu nennen.

Dann kam der „Kommissar“ mit der unverwüstlichen Sekretärin namens Rehbein und den drei netten, adretten Assistenten – einen davon spielte der spätere „Derrick“-Hiwi Fritz Wepper, der erst in unseren Tagen Serien auf den eigenen Leib geschnitten bekommt und zeigen darf, dass er mehr kann als einen Kaffee oder den Wagen holen. Erik Ode wiederum haderte offenbar mit seiner Lebensrolle, wie man einem der raren größeren Gespräche entnehmen kann, die Journalisten seinerzeit mit ihm führten. Bei einem Treffen im Bayerischen Hof in München notierte der Autor Ben Witter jede noch so kleine Regung Odes, der wohl auch privat gern als der große Regungslose erschienen wäre, bis aus ihm herausbrach, dass er sich seinen Kommissar durchaus lebhafter und humorvoller vorstellen könne.

Die Stimme von Fred Astaire

Er habe mit dem Autor Reinecker darum gekämpft, erzählte Ode im Juli 1975, als das Ende des „Kommissars“ schon absehbar war, vor allem um eine Art von „souveränem Humor“, den man ihm aber nicht zugestehen wollte. Stattdessen hatte man erkannt, dass Ode, der als Synchronsprecher Fred Astaire die Stimme lieh, ein guter Zuhörer war. Also musste sein Kommisar vor allem bedeutungsvoll zuhören. Und filterlos Kette rauchen, so wie der Schauspieler selbst, der sich, so Witter, erst einmal hinsetzte, eine Zigarette nahm, sie dreimal auf das Päckchen klopfte, weil das den Tabak festige, einen Zug nahm und dann erst zu sprechen begann.

Die Rolle des Übervaters aber behagte ihm nicht. Nach dem „Kommissar“, bei dessen Antritt man ihn im Alter von achtundfünfzig Jahren beim ZDF schon für zu alt (und zu schmächtig) hielt, wollte Ode noch einmal auf dem Theater loslegen und Regie führen. Und so geschah es. Bei einem Gastspiel in München 1982 brach er auf der Bühne zusammen, er starb am 19. Juli 1983 in seinem Haus am Tegernsee. Seine Frau, die Schauspielerin Hilde Volk, mit der Ode seit 1942 verheiratet war, übergab nach seinem Tode seinen Nachlass an das Fernsehmuseum.

„Dunkle Angst“, hieß es seinerzeit in dieser Zeitung, habe die Serie „Der Kommissar“ genährt – und „in der Gestalt des ,Kommissars‘, der weniger Spürhund als Beichtvater war, zugleich wohlfeilen Trost“ gewährt: „Die Dramaturgie des Gesichts. Traurige Augen, Einkerbungen, die von der Last des Lebens zeugen, in diesem Gesicht schien das Leid der Menschheit aufgehoben.“ Einen funktionierenden Revolver – das hatten alle in seinem Team wie auch die Millionen von Zuschauern erkannt – brauchte dieser Mann wahrlich nicht.

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Jahrgang 1965, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Medien“.

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