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Veröffentlicht: 03.11.2014, 12:31 Uhr

Fukushima jetzt Bericht aus dem Inneren der Katastrophe

Im März 2011 zerstörte ein Tsunami das Kernkraftwerk im japanischen Fukushima. Kein ausländisches Team durfte bislang in den Reaktoren filmen. Auch auf unsere Anfrage reagierte Tepco zunächst zögerlich. Aber dann kam die Dreherlaubnis.

von Ranga Yogeshwar
© WDR / Ranga Yogeshwar Der Block 4 des Reaktors von Fukushima. In den Hallen herrscht eine eigenartige Stille. Man hat das Gefühl, in einem Kloster zu sein: Es gibt viele Rituale der Reinigungen und Säuberungen. Die Mönche tragen Kutten, wir tragen unsere Schutzkleidung.

Latex, dann Baumwolle und erneut Latex. Zum ersten Mal in meinem Leben ziehe ich drei Paar Handschuhe übereinander an. Danach werden sie mit meinem Schutzanzug verklebt. Bis auf die Unterhose mussten wir uns ausziehen. An Brust und Rücken trage ich vier Kühlpacks. Heiß wird es dort draußen. Jeder von uns prüft die Dichtigkeit seiner Vollgesichtsmaske, bevor wir eintauchen in eine abstruse Welt.

In den langen Fluren kommen mir Arbeiter entgegen. Alle eingehüllt in weiße Schutzanzüge, wie Mönche eines unbekannten Ordens. Überhaupt erinnert mich vieles an heilige Rituale. Die Reinigungsprozeduren, dieses Übersteigen von Schwellen, das Ausziehen von Schuhen . . . Statt eines Rosenkranzes händigt man uns Dosimeter aus. Kameras und Fotoapparat sind eingepackt in Folie, denn alles muss dicht sein an diesem Ort: Wir stehen auf dem Reaktorgelände von Fukushima Daiichi.

Jeder erinnert sich an die explodierenden Reaktorblöcke in Japan. Diese Bilder haben sich fest in unser ikonographisches Gedächtnis eingebrannt. Damals, im März 2011, bebte zunächst die Erde in Japan. Der Tsunami danach überschwemmte die Küste. Für die fünfzehn Meter hohen Flutwellen waren die Schutzdämme der Reaktoranlage kein Hindernis. Das Wasser strömte in die Anlage, zerstörte das Kühlsystem und ertränkte Notstromgeneratoren und Batteriespeicher. In der gesamten Anlage fiel der Strom aus. Ohne Kühlung der Reaktorbrennstäbe war die Katastrophe programmiert.

Undichten Kühlwassertanks, misslungene Bergungsversuchen

Damals löste der GAU in Japan ein Umdenken aus. Deutschland verabschiedete sich von der Kernenergie und läutete die Energiewende ein. Doch seitdem hört man wenig aus Fukushima. Die Halbwertzeit medialer Ereignisse ist bekanntlich kurz. Hin und wieder liest man von undichten Kühlwassertanks oder von misslungenen Bergungsversuchen. Wie steht es also um Fukushima, drei Jahre nach der Katastrophe?

Monate hat es uns gekostet. Immer wieder höfliche E-Mails und Telefonate, um eine Dreherlaubnis zu bekommen. Die Verantwortlichen von Tepco lassen sich Zeit, immer wieder Rückfragen, man werde alles prüfen. Als die förmlichen Mails ihren Ton ändern, ist das ein gutes Zeichen. Wir sprechen uns mit Vornamen an, diskutieren über mögliche Drehorte, tauschen fachliche Details aus. Und als wir schon fast die Hoffnung aufgegeben haben, kommt doch noch eine klare Zusage: Wir dürfen in Fukushima Daiichi drehen. Als erstes ausländisches Kamerateam.

Wir verschieben unseren Sommerurlaub, packen unsere Koffer, verstauen Kameras, Stative und eigene Strahlenmessgeräte und reisen nach Japan.

31672563 © WDR / Ranga Yogeshwar Vergrößern Der Bahnhof vom Nachbarort Tomioka: Hier fahren keine Züge mehr. Die Menschen wurden evakuiert, die Erde strahlt und so bleibt alles, wie es ist.

Begleitet von Technikern, Strahlenschützern, Sicherheitsleuten

Tepco ist vorbereitet. Ein minutiöser Plan wurde ausgearbeitet. Ort und Uhrzeit unserer Stationen sind im Minutentakt aufgeführt. Ich frage mich, ob das mit der radioaktiven Strahlung zusammenhängt oder vielleicht nur Ausdruck der pedantischen japanischen Kultur ist. Wir werden begleitet von Technikern, Strahlenschützern, Sicherheitsleuten und einem Dolmetscher. Er ist ausgestattet mit einem Megafon, denn im Schutzanzug mit Vollgesichtsmaske klingt alles dumpf. Kommunikation in einem strahlenden Umfeld ist ein höfliches, gegenseitiges Anschreien.

Mit einem Minibus fahren wir durch die Anlage, vorbei an vielen Kränen und Baggern. Ich bin erstaunt darüber, wie viel hier los ist. Auf dieser Baustelle arbeiten etwa fünftausend Menschen. Überall wird konstruiert und aufgebaut. Wir nähern uns dem ersten Ziel: Block 4.

Ein historischer Ort, ich kenne die Gebäude aus den Fernsehberichten. Ein Déjà-vu, doch dieses Mal stehen wir mittendrin, umgeben von zerfetzten Fassaden, verbeulten Anlagenteilen, auf dem Boden Blech und Trümmer. Die Narben der Katastrophe sind immer noch sichtbar. Direkt daneben erhebt sich ein gigantischer Neubau. Dieser Kontrast ist irritierend. Normalerweise wird zunächst der Schutt weggeräumt, bevor etwas Neues errichtet wird, doch hier erlebe ich eine befremdliche Koexistenz von Zerstörung und Neubau. Weil die Strahlung zu hoch ist, kann man hier nicht aufräumen.

31672567 © WDR / Ranga Yogeshwar Vergrößern Der Autor und sein Dosimeter. Ständig schlägt es aus. Die Maske beschlägt in der Hitze. Die Augen brennen.

Mit dicken Stahlplatten bedeckt

Die Fassaden der Reaktorgebäude schimmern grünlich, eine klebrige Farbe, die man hastig auftrug, um den radioaktiven Staub zu binden. Der Boden ist wegen des strahlenden Untergrunds mit dicken Stahlplatten bedeckt.

Über dem Reaktorgebäude von Block 4 ragt eine neue Stahlgerüstkonstruktion, fünfzig Meter hoch. Ein Techniker erklärt mir per Megafon, dass diese Struktur freischwebend ist, die zerstörte Reaktorhalle drohte einzustürzen. Bei diesem Reaktorblock stand ohnehin viel auf dem Spiel. Während der Katastrophe liefen hier gerade Wartungsarbeiten. Der Reaktorkern war zwar frei von Brennelementen, doch im zugehörigen Abklingbecken lagerten 1533 Brennelemente, weit mehr radioaktives Material als in den anderen Blöcken. Nach einer Explosion stürzten Trümmer in das Becken und begruben die Brennelemente unter sich.

Die neue Konstruktion umfasst einen Brückenkran, mit dem der Innenbereich geräumt werden kann. Durch eine dicke Stahltür betreten wir das Gebäude. Neonlicht, Schaltkästen, Versorgungsleitungen, ein Aufzug - alles neu.

31672565 © WDR / Ranga Yogeshwar Vergrößern Das Kühlbecken in Block 4. Der Blick fällt direkt auf die Brennstäbe. Viele wurden schon entfernt. Bis Ende des Jahres sollen alle weg sein.

Die Brennelemente im Wasser

Die Stahlträger im Innern sind grün gestrichen, das Grün einer Intensivstation. Über Treppen steigen wir hinauf. Dann stehe ich unmittelbar über dem Abklingbecken und erkenne die Brennelemente im Wasser. „Bis Ende des Jahres werden wir alle entfernt haben“, sagt mein Begleiter und deutet auf die leeren Zellen im Lagergestell.

Das Wasser ist klar. Fast hat man den Eindruck, die Katastrophe sei hier nie passiert. Welch eine Logistik, welch ein technischer Aufwand! Mein Begleiter reagiert beschämt, als ich meine Anerkennung äußere. Auf dieser Baustelle gibt es kein Lob.

Wir fahren weiter. Block 1 war der erste, der explodierte. Wir wollen in den Kontrollraum. Der Eingang ist wegen der extremen Strahlung nicht passierbar. Durch einen provisorischen Zugang betreten wir das Gebäude, ein Labyrinth aus dunklen Gängen. Auf dem Boden liegen etliche Kabel und Leitungen, 2011 auf die Schnelle verlegt. Die Wände sind überklebt mit einer rosafarbenen Plastikfolie. Ein Farbton, den kleine Mädchen lieben: Warum ausgerechnet hier?

31672564 © WDR / Ranga Yogeshwar Vergrößern Für den Dreh wird alles verklebt und eingepackt. Auch das Team. Kein radioaktiver Staub darf eindringen.

Dieselben Werte

Ich blicke auf das Strahlenmessgerät meines Begleiters, vergleiche seine Werte mit meinen. Er schaut auf meine Anzeige. Wir sprechen zwar nicht dieselbe Sprache, doch er nickt mir zu: dieselben Werte - gut so.

Und dann stehen wir im Kontrollraum. Niemand ist hier. Nur das Summen der Filteranlagen; das Nervenzentrum eines Toten. Die Anzeigen und Bedienpulte sind antiquiert; diese Technik stammt aus den Siebzigern!

Auf einer Schalttafel erkenne ich die Kühlwasseranzeige des Reaktors. Daneben stehen Zahlen, von Hand, mit Bleistift notiert.

Provisorischen Inbetriebnahme

Damals waren alle Instrumente ausgefallen. Niemand wusste, in welchem Zustand der Reaktor war. In einer verzweifelten Aktion versuchen die Techniker, mit Hilfe von Autobatterien die wichtigsten Instrumente wieder in Betrieb zu nehmen. Entscheidend ist dabei die Kühlwasseranzeige. Sie zeigt an, ob der Reaktorkern mit Wasser bedeckt ist oder nicht. Nach der provisorischen Inbetriebnahme notieren die Techniker im Strahl der Taschenlampe mit Bleistift die Füllstände direkt neben der Anzeige. Sie verzeichnen einen Anstieg des Kühlwasserniveaus - aber die Werte sind trügerisch, denn der Druckanstieg im Reaktor führt dazu, dass der Anzeigemechanismus nicht mehr richtig funktioniert. Niemand misstraut der Anzeige, man glaubt den Werten.

Der letzte Eintrag: 12. März 2011 12.50 Uhr. Kühlwasserstand 1,70 Meter. Die Gefahr einer Kernschmelze scheint in diesem Moment gebannt zu sein: Welch ein fataler Irrtum! Als das Dach von Reaktor 1 nur wenige Stunden später explodiert, hält die Betriebsmannschaft die Erschütterung zunächst für ein Nachbeben. Niemand im Kontrollraum weiß, was draußen passiert ist. Diese Anzeige ist ein Symbol, sie erzählt die Geschichte von Menschen, die den Zahlen vertrauten, ohne zu ahnen, dass diese schon längst nichts mehr mit der Wirklichkeit zu tun hatten.

Als wir erneut ins Freie gelangen, fällt mein Blick auf die Fassaden der benachbarten Reaktorblöcke. Im Umfeld von Block 2 ist die Strahlung besonders hoch. Schon im Außenbereich steigen die Dosiswerte auf 2500 Mikrosievert pro Stunde. Niemand weiß, wie es im Innern dieses Reaktors aussieht.

31672572 © WDR / Ranga Yogeshwar Vergrößern Die radioaktive Erde rund um Fukushima wird in schwarze Säcke verpackt. Am Strand von Tomioka genauso wie noch vierzig Kilometer entfernt in den Bergen.

Übersät mit riesigen Wasserspeichern

Die strahlenden Ruinen müssen immer noch gekühlt werden. Tag für Tag fallen siebenhundert Tonnen radioaktiv verseuchtes Kühlwasser an, das in große Tanks gepumpt wird. Das gesamte Gelände ist übersät mit riesigen Wasserspeichern. Derzeit entsteht ein ganzer Fabrikkomplex, der das strahlende Wasser in mehreren Stufen reinigen soll. In wenigen Wochen sollen gleich zwei neue Filteranlagen in Betrieb gehen.

Bei den ersten Versuchen lief es nicht optimal. Verstrahltes Wasser trat aus, doch man lernte aus den Fehlern, änderte die Verfahren und probierte es erneut. Als ich neben den großen Filtersäulen aus Edelstahl stehe, beschlägt meine Maske. In der sommerlichen Hitze bin ich nassgeschwitzt, meine Augen brennen, und die Maske drückt am Kopf. Um mich herum ein Dutzend Arbeiter in der gleichen Montur. Ich frage mich, wieso diese Menschen hier schuften mit all der Quälerei, umgeben von Strahlung. Als ich etwas später einen von ihnen befrage, spricht er von Verantwortung und Pflichtgefühl. Er heißt Yuji Sayo, ist sechzig Jahre alt und koordiniert die Bohrungen auf dem Gelände. Ich frage Herrn Sayo, ob er Angst habe. „Ja, aber ich will meinen Enkeln ein gutes Land überlassen.“

Nach unseren Dreharbeiten werden wir genau auf Strahlung überprüft. Ein Angestellter tastet gewissenhaft mit seinem Messgerät meinen Körper ab. Seine Gesten wirken geschmeidig und erinnern mich an ein sonderbares Ballett. Als er fertig ist, nickt er höflich. Mein Dosimeter zeigt 30 Mikrosievert an. Ich bin erleichtert. Die Strahlung, die wir bei den Dreharbeiten abbekamen, entspricht der eines Hin- und Rückflugs nach Japan.

Strahlenden Dornröschenschlaf

Kamera, Fotoapparat, Mikrofone - alles wird genau ausgemessen, bevor wir die Anlage verlassen. Auf der Rückfahrt passieren wir verlassene Städte. Häuser, Einkaufszentren, Kinderspielplätze, Tankstellen, alle wie eingefroren in einem strahlenden Dornröschenschlaf.

In den nächsten Tagen durchfahren wir mit Sondergenehmigung die Sperrzonen in der Region. Durch ungünstige Windbedingungen während der Katastrophe wurde ein Teil der Radioaktivität ins Landesinnere transportiert. Damals wurden 140 000 Menschen evakuiert. Viele dürfen noch immer nicht zurück, manche wohl nie. Wie schmerzlich muss das sein, alles zurückzulassen? Bei einem Brand wird den Menschen ihr Hab und Gut geraubt. Die Vergangenheit wird ausgelöscht und gibt Raum frei für einen Neuanfang. Doch in der verstrahlten Landschaft stehen die Häuser so wie immer und werden zu Mahnmalen eines unerklärlichen Verlustes. Alles erscheint noch so vertraut, zum Anfassen nah, und doch ist es auf ewig dahin.

31672575 © WDR / Ranga Yogeshwar Vergrößern Die Kühlwasseranzeige von Block 1. Mit Bleistift notiert: die trügerischen Werte vom 11. und 12. März 2011.

„Für mich ist es wie ein Krieg - ich habe meine Heimat verloren“, sagt Miyuki Ichisawa. Sie betrieb in Itate Mora ein Café. Das Städtchen liegt fünfundvierzig Kilometer vom Kraftwerk entfernt, inmitten der hügeligen Landschaft nordwestlich von Daiichi. Vor der Katastrophe trafen sich viele Menschen in ihrem Café, doch auch sie hat den Ort verlassen müssen. Ihr Café und auch ihr Wohnhaus stehen leer. Sie hat ihren Hausstand zusammengepackt und in Pakete geschnürt. Alles wird verbrannt. Als sie mir davon erzählt, spüre ich, wie sehr sie leidet und wie gefasst sie dennoch wirkt. Wer behauptet, dass Japaner keine Gefühle haben, sollte nur etwas genauer hinschauen.

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An manchen, weniger belasteten Orten, trägt man die radioaktive Erde ab und verpackt sie in große, schwarze Säcke. Ein ganzes Land häutet sich, und die strahlende Haut wird in Plastik verpackt. Wir passieren Täler, in denen Tausende von Arbeitern ihr Land Quadratmeter für Quadratmeter zurückgewinnen. Eine ganze Region versucht so, ihre Heimat zu retten, denn der strahlende Staub hat Gemeinschaften aufgelöst und Existenzen zerstört. Die Beharrlichkeit, mit der Japan sich daranmacht, diesen nuklearen Schandfleck auszulöschen, ist einzigartig. Unzählige Bautrupps mit bunten Armbinden sanieren Vorgärten und Dächer, schrubben Dachrinnen und Straßenränder und tauschen die Erde der Blumenbeete aus. Mit einer fanatischen Gewissenhaftigkeit verrichten sie ihr Werk, und doch scheint der Kampf verloren. Als ich mit meinem Gerät einen gerade dekontaminierten Vorgarten messe, schlägt es aus: Die unsichtbare Radioaktivität rinnt von einem Nachbargrundstück und vergiftet auch den zuvor ausgetauschten Torf.

An einer Mauer kniet ein älterer Mann und säubert die Oberfläche des Betons mit einer kleinen Stahlbürste. Ich sehe seinem Gesicht die Anstrengung an. Manchmal legt er eine Pause ein. Seine Bürste ist abgenutzt. Als er mich bemerkt, nickt er mir höflich zu und macht sich erneut an die Arbeit. Mit einer Stahlbürste gegen den unsichtbaren Feind.

Glosse

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