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Fukushima jetzt : Bericht aus dem Inneren der Katastrophe

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Der Block 4 des Reaktors von Fukushima. In den Hallen herrscht eine eigenartige Stille. Man hat das Gefühl, in einem Kloster zu sein: Es gibt viele Rituale der Reinigungen und Säuberungen. Die Mönche tragen Kutten, wir tragen unsere Schutzkleidung. Bild: WDR / Ranga Yogeshwar

Im März 2011 zerstörte ein Tsunami das Kernkraftwerk im japanischen Fukushima. Kein ausländisches Team durfte bislang in den Reaktoren filmen. Auch auf unsere Anfrage reagierte Tepco zunächst zögerlich. Aber dann kam die Dreherlaubnis.

          Latex, dann Baumwolle und erneut Latex. Zum ersten Mal in meinem Leben ziehe ich drei Paar Handschuhe übereinander an. Danach werden sie mit meinem Schutzanzug verklebt. Bis auf die Unterhose mussten wir uns ausziehen. An Brust und Rücken trage ich vier Kühlpacks. Heiß wird es dort draußen. Jeder von uns prüft die Dichtigkeit seiner Vollgesichtsmaske, bevor wir eintauchen in eine abstruse Welt.

          In den langen Fluren kommen mir Arbeiter entgegen. Alle eingehüllt in weiße Schutzanzüge, wie Mönche eines unbekannten Ordens. Überhaupt erinnert mich vieles an heilige Rituale. Die Reinigungsprozeduren, dieses Übersteigen von Schwellen, das Ausziehen von Schuhen . . . Statt eines Rosenkranzes händigt man uns Dosimeter aus. Kameras und Fotoapparat sind eingepackt in Folie, denn alles muss dicht sein an diesem Ort: Wir stehen auf dem Reaktorgelände von Fukushima Daiichi.

          Jeder erinnert sich an die explodierenden Reaktorblöcke in Japan. Diese Bilder haben sich fest in unser ikonographisches Gedächtnis eingebrannt. Damals, im März 2011, bebte zunächst die Erde in Japan. Der Tsunami danach überschwemmte die Küste. Für die fünfzehn Meter hohen Flutwellen waren die Schutzdämme der Reaktoranlage kein Hindernis. Das Wasser strömte in die Anlage, zerstörte das Kühlsystem und ertränkte Notstromgeneratoren und Batteriespeicher. In der gesamten Anlage fiel der Strom aus. Ohne Kühlung der Reaktorbrennstäbe war die Katastrophe programmiert.

          Undichten Kühlwassertanks, misslungene Bergungsversuchen

          Damals löste der GAU in Japan ein Umdenken aus. Deutschland verabschiedete sich von der Kernenergie und läutete die Energiewende ein. Doch seitdem hört man wenig aus Fukushima. Die Halbwertzeit medialer Ereignisse ist bekanntlich kurz. Hin und wieder liest man von undichten Kühlwassertanks oder von misslungenen Bergungsversuchen. Wie steht es also um Fukushima, drei Jahre nach der Katastrophe?

          Monate hat es uns gekostet. Immer wieder höfliche E-Mails und Telefonate, um eine Dreherlaubnis zu bekommen. Die Verantwortlichen von Tepco lassen sich Zeit, immer wieder Rückfragen, man werde alles prüfen. Als die förmlichen Mails ihren Ton ändern, ist das ein gutes Zeichen. Wir sprechen uns mit Vornamen an, diskutieren über mögliche Drehorte, tauschen fachliche Details aus. Und als wir schon fast die Hoffnung aufgegeben haben, kommt doch noch eine klare Zusage: Wir dürfen in Fukushima Daiichi drehen. Als erstes ausländisches Kamerateam.

          Wir verschieben unseren Sommerurlaub, packen unsere Koffer, verstauen Kameras, Stative und eigene Strahlenmessgeräte und reisen nach Japan.

          Der Bahnhof vom Nachbarort Tomioka: Hier fahren keine Züge mehr. Die Menschen wurden evakuiert, die Erde strahlt und so bleibt alles, wie es ist.

          Begleitet von Technikern, Strahlenschützern, Sicherheitsleuten

          Tepco ist vorbereitet. Ein minutiöser Plan wurde ausgearbeitet. Ort und Uhrzeit unserer Stationen sind im Minutentakt aufgeführt. Ich frage mich, ob das mit der radioaktiven Strahlung zusammenhängt oder vielleicht nur Ausdruck der pedantischen japanischen Kultur ist. Wir werden begleitet von Technikern, Strahlenschützern, Sicherheitsleuten und einem Dolmetscher. Er ist ausgestattet mit einem Megafon, denn im Schutzanzug mit Vollgesichtsmaske klingt alles dumpf. Kommunikation in einem strahlenden Umfeld ist ein höfliches, gegenseitiges Anschreien.

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