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Frühkritik: „Maischberger“ : Im euroskeptischen Dschungel

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Bei der Euro-Debatte geht es um mehr als unser Geld. Das zeigte sich gestern bei „Maischberger“ in einem bezeichnenden Schlagabtausch zwischen Kurt Biedenkopf und Hans-Olaf Henkel.

          Tief im kambodschanischen Dschungel sitzt der Colonel Walter E. Kurtz und herrscht mit einem Schreckensregiment in einer von jeder Zivilisation befreiten Zone. Der abtrünnige Oberst und Karrieresoldat soll von Captain Willard im Auftrag des amerikanischen Oberkommandos in Saigon liquidiert werden. Der desillusionierte Soldat ist zwar selbst von der Sinnlosigkeit des amerikanischen Vietnamkrieges überzeugt, aber er macht am Ende nicht den Schritt, den der Colonel gegangen war, nämlich den Krieg zu Ende zu denken und die Zivilisation endgültig hinter sich zu lassen. Willard tötet schließlich als Soldat in der Befehlskette den Colonel Kurtz in einem barbarischen Gemetzel.

          Ob die Redaktion von Sandra Maischberger an das Meisterwerk „Apokalypse Now“ von Francis Ford Coppola gedacht hat, als sie ihre Sendung plante? Der Titel „Die Angst wächst: Eurokalypse now?“ spricht zwar dafür, aber solche Hintergedanken sollte man vielleicht doch nicht vermuten. Der Filmtitel ist mittlerweile zu einem bloßen Wortspiel degradiert worden, so sinnentleert wie bisweilen die Talk-Shows in der deutschen Fernsehunterhaltung. Dabei lugte für einen kurzen Moment der Colonel Kurtz aus der Kulisse hervor. Natürlich nicht in Gestalt des verrückten Genies Marlon Brando, auch war die Ausleuchtung besser als in Coppolas Film. Aber man bekam schon das Gefühl, worum es in der Eurokrise geht: nämlich keineswegs nur um unser Geld.

          „Ich habe die Faxen dicke“

          Das war zu Beginn keineswegs zu erwarten. Bei der Gästeliste kam einem spontan der Gedanke an die Bundesfamilienministerin Schröder. Die ARD schafft es in ihrem Gästepool auch ohne gesetzliche Vorgaben den Anspruch an ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Männern und Frauen sicherzustellen. Mit der Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen, der Linken Sahra Wagenknecht und der Vorsitzenden des Bundesverbandes junger Unternehmer Marie-Christine Ostermann waren die Damen in der Mehrheit. Dazu kamen noch Kurt Biedenkopf und Hans-Olaf Henkel.

          Gegen Ende der Sendung kam in einer Schaltung noch der Präsident des deutschen Sparkassen- und Giroverbandes Heinrich Haasis zu Wort. Die Damen und Herren waren wahrscheinlich nur in dieser Kombination noch nicht in einer Talk-Show zu dem Thema zu erleben. So plätscherte die Sendung zu Beginn dahin. Der Einspieler von der „Occupy Wall Street“-Demonstration am vergangenen Samstag in Frankfurt brachte die Sache auf den Punkt: „Ich habe die Faxen dicke“, so eine Demonstrantin, die die Banken meinte – aber auch an den Diskurs in unseren Talk-Shows gedacht haben könnte.

          Das Problem sind dabei keineswegs die ausgesprochenen Sätze. Wer will Kurt Biedenkopf widersprechen, wenn er die Stimmungslage in der Bevölkerung mit „Wut, Angst und Unbeholfenheit“ beschreibt. Oder wenn Sahra Wagenknecht den Eindruck hat, dass „die Bevölkerung mit der Eurorettung über den Tisch gezogen wird.“ Die Erkenntnis der Bundesarbeitsministerin, dass die Krise das „Ergebnis einer hemmungslosen Deregulierung der Märkte“ gewesen sei, ist zwar in der Wortwahl überraschend. Aber welche Konsequenzen zieht man eigentlich daraus? Dass mit der Eurorettung „die wesentlichen Grundsätze der sozialen Marktwirtschaft ausgehebelt werden“, meinte Frau Ostermann anmerken zu müssen. Darüber ließe sich natürlich reden, aber solche Sätze bleiben verloren im diskursiven Raum des ARD-Studios stehen.

          Obergedanken der Bundesarbeitsministerin

          So verlaufen solche Debatten immer nach dem gleichen Muster. Es wird in schneller Folge zwischen analytischen Aussagen und ideologischen Versatzstücken gewechselt. Schließlich werden noch politische Schlussfolgerungen formuliert, die zwar mit der Analyse und dem Weltbild etwas zu tun haben. Aber es gelingt nur selten, diesen Zusammenhang auch deutlich werden zu lassen. Wenn etwa Hans-Olaf Henkel darauf hinweist, dass ein Schuldenschnitt ohne Abwertung der Währung das griechische Problem nicht lösen würde, ist das keine politische Botschaft. Es ist eine analytische Aussage, die auf ein reales Problem hinweist, selbst wenn man Henkels Politikansatz für falsch hält. Es lohnte sich also die Nachfrage. Allerdings gibt es die nicht.

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