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Frühkritik: „Günther Jauch“ : Das Publikum, so scheint es, ist abgestumpft

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Wulff, Sprecher Glaeseker (v.l.): Die SPD in Niedersachsen will den Bundespräsidenten wegen neuer Vorwürfe nun verklagen Bild: dpa

„Wie viel ,Wulffen’ ist in Ordnung“, fragte Günther Jauch am Sonntagabend - doch statt Antworten zu liefern, versandete die Sendung in einer ziellosen Diskussion. Dabei hätte ein Blick auf die Flick-Affäre erstaunliche Parallelen zutage gefördert.

          Wer will schon noch eine Fernsehkritik über einen Sendung zum Thema Christian Wulff lesen? Wer will überhaupt noch eine Talkshow darüber sehen? Jeder hat das Gefühl, es sei alles gesagt. Aber keiner hat das Gefühl, dass er schon alles verstanden hat. Wie ist das eigentlich möglich: nach sieben Wochen Berichterstattung über Ereignisse und Handlungen, die mit dem Namen Wulff verbunden sind?

          „In aller Freundschaft – Wie viel ,Wulffen’ ist in Ordnung“, so der Titel der Sendung von Günther Jauch am Sonntagabend. Nur was ist mit „wulffen“ gemeint? Anrufe auf einem Anrufbeantworter, das Bemühen um Aufklärung, ohne etwas aufzuklären, das Mitnehmen von Geschenken? Diese Unklarheit erscheint wie ein Randaspekt, bringt aber das Desaster auf den Punkt, das mit dem Namen Wulff mittlerweile verbunden ist.

          Ein Phänomen namens Sprachlosigkeit

          Niemand kennt noch einen Mann namens Rudolf Diehl. Er war Chefbuchhalter des Flick Konzerns. Warum sollte ihn noch jemand kennen? Den Konzern gibt es nicht mehr. Aber jeder benutzt heute sein Kürzel „wg.“ für wegen. Es fand sich in Diehls akribischen Auflistungen, in denen er die illegalen Spenden an deutsche Politiker und Parteien auflistete, mit denen der Flick-Konzern in der alten Bundesrepublik „politische Landschaftspflege“ betrieben hatte. Noch so ein Begriff, den heute fast jeder kennt und der in der Flick-Affäre seinen Ursprung hat. Heute können wir ziemlich gut nachvollziehen, was damals passiert ist - wenn man nicht gerade in einer Talk-Show von Günther Jauch sitzt, um sich im Getöse des Augenblicks zu verirren. Geschichte wiederholt sich nicht? Dann muss der „Spiegel“ im Jahr 1983 wohl die Jauch-Sendung vom Sonntag schon gekannt haben. Es ist erstaunlich, wie sehr sich die Debatten gleichen. Nichts hat sich geändert, auch nicht die Frustration von Journalisten, wenn sie gegen die Ignoranz in Teilen ihres Publikums anschreiben. Günther Jauch hätte seine Gäste ausladen können. Er hätte nur zitieren müssen, was der Spiegel am 28.11.1983 zur Flick Affäre formulierte:


          „Seitdem wendet sich die Spendenaffäre gegen die Bonner Parteien, seitdem werfen Politiker der Union und der FDP dem SPIEGEL, der es an den Tag brachte, vor, er zerstöre den Staat. Die Übung, den „Skandal“ (Kohl) bei denen zu suchen, die ihn publik machen, gehört zu den offenkundig unentbehrlichen Ritualen der Politiker, die sich den Schein der weißen Weste wahren wollen. Ein „unerträgliches Klima der Vorverurteilung“ sei da geschaffen, jammerte Hans-Dietrich Genscher auf dem Karlsruher FDP-Parteitag, „wir verlangen für unseren Freund Lambsdorff die rechtsstaatlich selbstverständliche Unschuldsvermutung“. Die gilt, keine Frage, auch für den Bundeswirtschaftsminister. Nur gewährt jener Artikel der Menschenrechtskonvention, wonach jedermann bis zum gesetzlichen Nachweis seiner Schuld als unschuldig gilt, keineswegs einen Anspruch auf Zurückhaltung oder gar ein Stillhalten der Medien. Bei einem Skandal dieser Dimension geht es nicht um das Recht der Presse, sondern um ihre Pflicht, Alarm zu schlagen. Täte sie es nicht, überginge sie den offenkundigen Tiefstand öffentlicher Moral, verfehlte sie ihre Aufgabe in der Demokratie. … . Was sich hier, in Veröffentlichungen, an „menschlich erbärmlicher Schäbigkeit“ offenbare, solidarisierte sich der Kanzler mit dem Wirtschaftsminister, zeige „eine Republik, die nicht meine Republik ist“. Welche Republik will Helmut Kohl - die gekaufte, in der nicht er, sondern die Geldgeber der Parteien die Richtlinien der Politik bestimmen? „Lieber einen Minister vor Gericht“, empfahl die „Süddeutsche Zeitung“ schon zu Beginn der Ermittlungen, „als die staatliche Moral im Graben.“ Aber breiter Protest kam angesichts der Affäre bislang nicht auf - ein merkwürdiges Phänomen der Sprachlosigkeit. Was soll der Normalverdiener, der ganz gewöhnliche Wahl- und Staatsbürger, davon halten, wenn der Wirtschaftsminister, der am wortkräftigsten zur Bescheidenheit mahnt, selber Hunderttausende für seine Partei kassiert? Das Publikum, so scheint es, ist abgestumpft.“

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