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Fritz Pleitgen im Gespräch : Die ARD muss ihr Profil schärfen

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Fritz Pleitgen: „Fünf Talkshows sind einfach zu viel des Guten“ Bild: Edgar Schoepal

Fritz Pleitgen war Chef des WDR. Sein Herz schlägt für das journalistische Fernsehen. Doch gilt das auch für die heute Verantwortlichen in der ARD und im öffentlich-rechtlichen Rundfunk?

          Morgen Abend zeigt die ARD die aufsehenerregende Dokumentation „Wadim“. Man hat den Eindruck, dass ein solches Stück im Ersten ein Fremdkörper ist. Und das ist doch ebenso erstaunlich wie schade.

          Es gehört zum Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, auf wichtige Vorgänge in unserem Staat aufmerksam zu machen. Das tut die ARD immer wieder. Der Film „Wadim“ fällt allerdings etwas aus dem Rahmen, weil das Thema Asyl nicht sonderlich populär ist und das Format des Dokumentarfilms nicht zum Standardrepertoire des Ersten zählt.

          Dieser Film macht auf ein Thema aufmerksam, das nicht gerade „angesagt“ ist. Das ist im öffentlich-rechtlichen Fernsehen inzwischen eher die Ausnahme denn die Regel. Wir haben zur besseren Sendezeit vor allem Talkshows, und die wirbeln auf, worüber ohnehin gesprochen wird.

          Bei Talkshows habe ich zwiespältige Gefühle. Einerseits sind sie ein unterhaltsames Format, auch für politische Themen. Andererseits sind fünf Talkshows im Abendprogramm des Ersten einfach zu viel des Guten, zumal sie wertvolle Formate verdrängen wie Dokumentationen oder Reportagen. Wenn es um Aufklärung geht, schürft die Dokumentation viel tiefer als eine Talkshow.

          Das müsste sich langsam herumgesprochen haben.

          Mich hat gestört, dass sich vor einem Jahr alle Talkshows wochenlang auf Christian Wulff stürzten. Um den Nationalsozialistischen Untergrund kümmerten sie sich hingegen kaum. Schwer zu verstehen! Bei Wulff handelte es sich um das peinliche Verhalten eines Bundespräsidenten, die zehn Morde der Terrorzelle gingen dagegen an die Substanz unseres Gemeinwesens. Da hätte ich mehr Engagement erwartet. Nun gut, nobody is perfect. Die Talkshow bringt Zuschauer, wird gesagt. Aber auch die Dokumentation punktet beim Publikum nicht schlecht, wie der Montag im Ersten zeigt, wenn auch vorwiegend zu später Stunde. Im Hauptabendprogramm würde sie sich auch gut schlagen.

          Sind wir ehrlich, Herr Pleitgen: Es herrscht das Diktat der Quote. Am Ende des Tages, am Ende des Monats, des Jahres werden die Marktanteile durchgerechnet, und dann zählt nur, wer vorn ist, und nicht, mit welchen Mitteln man sich an die Spitze setzt. Das hat sich seit den Tagen, in denen Sie Intendant des Westdeutschen Rundfunks waren, nicht geändert.

          Da ist etwas dran, aber die Zuschauerakzeptanz ist schon wichtig, wenn auch nicht allein selig machend. Für uns in der ARD war es in den neunziger Jahren ein Schock, als RTL an uns vorbeizog und wir plötzlich auf Platz zwei saßen. Das Erste muss das Erste sein, haben wir damals gesagt. Das haben wir hinbekommen. Allerdings ist dabei das öffentlich-rechtliche Profil nicht besonders gestärkt worden. Immerhin haben wir die aktuelle Information nach dem Debakel am 11. September 2001 erheblich ausgeweitet.

          Das mit der Profilschärfung ist vielleicht etwas untertrieben. Ich frage mich: Gibt es das überhaupt noch, das „öffentlich-rechtliche Profil“? Wenn, dann müsste man es doch gerade im Augenblick unter Beweis stellen, da seit dem 1.Januar der neue Rundfunkbeitrag gilt, der unabhängig von Geräten von allen gefordert wird. Was stärker denn je die Frage aufwirft: Wofür zahlt das ganze Land?

          Es zahlt für eine umfassende Grundversorgung, die nicht zuletzt zur Meinungsbildung und Politikfähigkeit beiträgt, aber nicht nur eine Elite bedienen darf. Allerdings: Wenn die Rundfunkfinanzierung prinzipiell geändert wird, dann muss auch das Programm grundsätzlich überprüft werden.

          An dem Punkt wären wir genau jetzt.

          Das ist eine gute Chance, das öffentlich-rechtliche Profil zu schärfen, um auf die Empörung über den Rundfunkbeitrag zu reagieren. Die ARD hat eine Menge zu bieten. Sie kann den deutlichen Unterschied zur kommerziellen Konkurrenz weiter ausbauen, indem sie ihre stärksten Bataillone noch mehr nutzt. Das sind neben der aktuellen Information und dem Fernsehfilm die Hintergrundberichterstattung und die Kultur. Das könnte konkret heißen: Stammplätze im Hauptabendprogramm für das Kulturmagazin „ttt“ und für Dokumentationen. Um Woche für Woche Spitzensendungen zu liefern, die sich wie die BBC-Dokumentationen international gegen gutes Geld verkaufen lassen, könnte ein alter Plan realisiert werden: die Einrichtung einer Gemeinschaftsredaktion mit einem Gemeinschaftsetat beim ARD-Chefredakteur. Schließlich könnte mit einem weiteren Pfund gewuchert werden. Die ARD besitzt neben der BBC das größte Korrespondentennetz der Welt. Dies könnte für täglich 45 Minuten Weltnachrichten genutzt werden, zum Beispiel auf Phoenix. Dann hätte das Publikum das ganze Bild und die Kritik es schwer, von einem mangelnden öffentlich-rechtlichen Profil zu sprechen.

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