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Veröffentlicht: 15.12.2014, 16:46 Uhr

Freiwillige Überwachung WhatsApp ist nicht nur Gift für die Beziehung

Die Information, ob jemand gerade online ist oder nicht, scheint banal zu sein. Nun zeigen zwei Untersuchungen was alles mit dem Dienst WhatsApp möglich ist: Weit mehr als unkompliziert Nachrichten zu verschicken.

von Tamara Marszalkowski
© dpa Noch bei der Arbeit oder schon wieder online?

Schaut jemand bei WhatsApp fast durchgängig, ob neue Nachrichten angekommen sind, und sendet er selbst eigentlich zu jeder Tages- und Nachtzeit in dem beliebten mobilen sozialen Netzwerk, bedeutet das eines mit Sicherheit: Er pflegt einen ungesunden Lebensstil. Vielleicht ist der Mensch Türsteher von Beruf? Oder hat schlicht Schlafprobleme? Womöglich ist er auch ein frisch gebackener Vater?

Um günstig Bilder und Videos aus dem Urlaub zu verschicken oder mit mehreren Bekannten gleichzeitig zu kommunizieren, ist WhatsApp ein nützlicher Dienst. Will man seinen Freunden hinterherspionieren, auch: Jeden Kontakt ziert ein mit Datum und Uhrzeit versehener Hinweis, wann der Betreffende online war, also die App geöffnet hatte. Will man also wissen, wie lang die eigene Schwester nachts noch unterwegs war oder ob der Freund nicht eigentlich doch Zeit für einen gehabt hätte, hilft oft ein Blick auf die WhatsApp-Logs.

Wer Eifersucht befeuern und Konfliktpotential steigern will, findet in WhatsApp ein hervorragendes Instrument. Das sich sogar nach gusto manipulieren lässt. Will man Fleiß signalisieren, loggt man sich früh morgens ein, direkt nach dem Aufstehen. Will man lieber verbergen, wie lange man nachts noch unterwegs war, vermeidet man den späten Aufruf der App. Wer unerreichbar wirken will, lässt sich am besten auch bei WhatsApp nicht blicken.

Stalken für Anfänger

Ob jemand online ist oder nicht, mag auf den ersten Blick eine triviale Information sein. Wie aussagekräftig sie wirklich ist, zeigt eine kürzlich veröffentlichte Studie: Forscher der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen-Nürnberg sammelten die Onlinezeiten von über tausend WhatsApp-Nutzern und präsentieren die Daten auf einer Website: anonymisiert, aber für jeden zugänglich. Die über neun Monate gesammelten Daten, wann und wie lange die so beobachteten Nutzer von dem Dienst Gebrauch machten, geben einen klaren Einblick in ihren Alltag. Zu welcher Uhrzeit sind sie in der Regel online, also zu welcher Tageszeit aktiv? Hat der Beobachtete einen geregelten Alltag oder ist sein Leben von Unregelmäßigkeiten geprägt? Muster und Gewohnheiten werden erkennbar. Und ebenfalls, wann diese gebrochen werden. Der Schlafrhythmus ist ersichtlich. Und eine verstärkte Aktivität freitags lässt auf eine mögliche Wochenendplanung schließen. Arbeitgeber interessiert es sicherlich auch, dass die Nutzer die meisten Nachrichten während der Arbeit schreiben.

Die Forscher wollen das Bewusstsein dafür schärfen, dass die banale Information gar nicht so banal ist. Sie lässt Rückschlüsse auf das Leben völlig fremder Personen zu. Und sie beweist, dass das Sammeln solch großer Datenmengen möglich ist, auf die einfachste Weise. Denn es verstößt nicht einmal gegen irgendwelche Bestimmungen: Eine Einwilligung der Probanden war nicht nötig. Sie wissen nicht einmal, dass sie Teil einer Studie geworden sind. WhatsApp macht das möglich.

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Kennt man den über WhatsApp observierten Menschen auch noch persönlich, führt das gleich zu viel ergiebigeren Rückschlüssen. Forscher der Universität Ulm untersuchen, ob sich anhand der Online-Information gleich ein ganzer Tagesablauf rekonstruieren lässt. Diese schwäbische Studie hat einen völlig anderen Ansatz als die fränkische: Sie nahm sich zwei kleinere Gruppen von zehn und neun Personen vor. Einen Monat lang sammelten die Forscher die Information, wann der Proband WhatsApp aufgerufen hatte. Im Anschluss wurden diese Daten durch Hintergrundinformationen wie Schlaf- und Nutzungsgewohnheiten ergänzt. Das Ergebnis war für die Probanden schockierend.

Die Forscher konnten mit großer Wahrscheinlichkeit sagen, ob jemand einen Nachmittagsschlaf hielt, mal für ein paar Tage das Land verlassen hatte oder zu lange an der Bar versackt war. Wie ausgeprägt ist der innere Schweinehund eines Probanden, wenn er eigentlich beim Sport hätte sein sollen und sich stattdessen auf WhatsApp herumtreibt? Ergänzt man die triviale Angabe durch Hintergrundwissen, lassen sich eine Reihe verblüffender Schlüsse ziehen. Die Forscher konnten sogar anhand von identischen Nutzungsmustern auf Kommunikationspartner schließen.

WhatsApp ist nicht nur Gift für die Beziehung. Es ist auch Gift für die Privatsphäre.

© dpa, Deutsche Welle Messaging-Services - die Zukunft sozialer Netze?
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