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Veröffentlicht: 14.01.2013, 14:28 Uhr

Frauenhass im Internet Das Medium braucht eine inklusive Kultur

Soziale Sanktionen im Internet sind effektiv. Überdurchschnittlich häufig gelten sie Frauen oder Menschen, die auf andere Weise vom Standard des weißen, heterosexuellen Normalo-Mannes abweichen. Das muss sich ändern.

© dpa Anke Domscheit-Berg, im November 2012 beim Piraten-Parteitag in Bochum

Im Angesicht des IP-Protokolls sind alle Menschen gleich. Das Internet ist das erste inklusive Kommunikationsmedium, seit Menschen kommunizieren. Anders als bei Briefen oder Telefonaten, bei denen wir mit ausgewählten Menschen eine Eins-zu-eins-Kommunikation führen, können wir im Netz unsere Meinungen überall verbreiten. Anders als bei klassischen Massenmedien entscheidet im Netz nicht eine eher homogene Elite über den Nachrichtenwert von Botschaften, sondern jeder selbst, so dass theoretisch Vertreter jeder sozialen Gruppe zum Massenmedium werden können.

In der Praxis funktioniert das hier und da schon gut, es gibt Blogs und Twitteraccounts mit reichlich Lesern. Dennoch trügt der Anschein von Meinungsfreiheit für jeden. Eine Meinungsäußerung ist nur dann frei, wenn keine Furcht vor potentiellen Sanktionen jemanden davon abhält, sich überhaupt zu äußern - so haben deutsche Gerichte geurteilt.

Soziale Sanktionen im Internet sind jedoch häufig und effektiv. Hass und Spott ergießen sich von einzelnen oder als Shitstorm von vielen und bringen immer wieder Menschen dazu, sich aus bestimmten Communities ganz zurückzuziehen. Überdurchschnittlich häufig sind diese Menschen Frauen oder Menschen, die auf andere Weise vom Standard des weißen, heterosexuellen Normalo-Mannes abweichen.

Das gefällt offenbar nicht jedem

Kommunikation in Massenmedien ist ein Machtmittel. Dieses Machtmittel liegt immer noch überwiegend in der Hand eben jener Männer, so sind nur zwei Prozent der Chefredakteure in Deutschland weiblich. Artikel zu Politik und Wirtschaft stammen viel seltener von Autorinnen. In Online-Medien finden wir jedoch unzählige Meinungsäußerungen von Frauen, die damit einen Teil der Interpretationshoheit übernehmen, was offenbar nicht jedem gefällt.

„Die Meinung einer Frau ist der Minirock des Internets“, schrieb Laurie Penny in einem Brandartikel gegen Frauenfeindlichkeit, die politischen Autorinnen entgegenschlägt. Jeder Mensch, der sich mit einer politischen Meinung an die Öffentlichkeit wagt, muss mit Kritik rechnen. Menschen, die Minderheiten angehören, jedoch mehr als andere. Doch nur Frauen, die selbst die Mehrheit der Bevölkerung stellen, müssen damit rechnen, für ihre Meinung als Angehörige ihres Geschlechts angegriffen zu werden, mit Äußerungen, die sich auf ihre Sexualität und ihr Aussehen beziehen oder die ihnen Vergewaltigung androhen.

Nicht nur Autorinnen, auch Politikerinnen werden mit Verbalschmutz beworfen, wie die von Julia Schramm, Ex-Piratenbundesvorstand, veröffentlichten Hassmails mit Inhalten weit jenseits der Gürtellinie zeigen. Als ich kürzlich auf Twitter den Umstand beklagte, dass sich mal wieder eine politisch aktive Frau von Twitter verabschiedet hat, weil ihr die Angriffe zu viel wurden, war schnell die Rede von sklavischen Nutten und dämlichen Frauen. Das kenne ich alles, mein politisches Engagement wurde schon früher kommentiert mit: das sei „der Anfang vom Ende, wenn durchgeknallte deutsche Femi-Weibchen mitreden wollen“. Ich erspare den Lesern Zitate aus der untersten Schublade, deren Ursprung verletzende pornographische Phantasien sind.

Massive Einschränkungen der Meinungsfreiheit

Es scheint eine nennenswerte Anzahl Männer zu geben, die sich bedroht fühlen durch das Mitreden von Frauen, als sei die Deutungshoheit allein die ihre. Sie versuchen, uns Frauen durch Beleidigungen zu vertreiben, aus den virtuellen Räumen, in denen sie weiter das Sagen haben wollen. Diese Alltagspraxis kann man totschweigen und negieren, aber das bedeutet dann auch, eine massive Einschränkung der Meinungsfreiheit und die Verletzung der Menschenwürde von Frauen hinzunehmen.

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Wenn es uns nicht gelingt, das demokratische Potential des Internets in eine gelebte Praxis zu überführen, in der wir alle frei von Erniedrigungen und Beleidigungen Meinungen äußern können, dann verpassen wir eine einmalige Chance. Dann übertragen wir die homogenen Machtstrukturen in ein an sich freies Internet, grenzen auch dort die Menschen aus, die schon im Rest der Welt weniger Gelegenheiten haben, sich zu artikulieren.

Wir verspielen die Chance auf eine empathische Gesellschaft, in der wir uns alle näher sind und in der wir gemeinsam Lösungen für die Probleme entwickeln können, die sich in unserer Zeit stellen. Dazu braucht es nämlich uns alle. Allein mit der Kreativität weißer heterosexueller Männer werden wir dieses Ziel nie erreichen.

Die Autorin ist Mitglied der Piratenpartei.

Quelle: F.A.Z.

 

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