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Frauenbilder Welche Schönheit ist chinesisch?

24.08.2006 ·  Chinesische Schauspielerinnen und Models erobern den westlichen Markt. In China selbst weckt das keine Begeisterung - denn das Schönheitsideal ist hier ein ganz anderes. Ein Manifest namens „China Beauty“ schafft Aufklärung.

Von Mark Siemons, Peking
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Die Nase ist nicht bloß flach, sie ist schon fast ein wenig eingekerbt, die Augen sind schmal und langgezogen wie eine Bandnudel, eine Lidfalte liegt einsam und etwas verlassen da: alles, was die europäische Modewelt an dem Model Lu Yan als geheimnisvoll und chinesisch rühmt, kommt bei den Chinesen selbst nicht so gut an. Den Erfolg des seit Jahren in Frankreich lebenden „neuen Gesichts Chinas“ findet man in dessen Heimatland eher befremdlich.

Zur Zeit sind chinesische Schauspielerinnen und Models dabei, die westliche Vorstellungskraft zu besetzen - aber in China selbst stößt das erstaunlicherweise durchaus nicht immer auf Begeisterung. Nicht einmal die Schauspielerin Zhang Ziyi findet dort Gnade, die Hollywood immerhin als eine der schönsten Frauen der Welt preist. Man läßt sie allenfalls als durchschnittlich, keineswegs aber als überragend hübsch gelten, und stört sich im übrigen an ihrer selbstbewußt forschen Art.

Enteneier-Gesicht und Birnenform

Daß im Westen etwas als chinesische Schönheit propagiert wird, was man in China eher mit Geringschätzung bedenkt, könnte man als zweite Enteignung des chinesischen Frauenkörpers bezeichnen. Die erste hatten im vergangenen Jahrzehnt viele chinesische Frauen selber vollzogen, als sie sich westlichen Schönheitsidealen sogar dort unterwarfen, wo diese den physiognomischen Gegebenheiten offensichtlich zuwiderlaufen: Da wurden bedenkenlos Nasen erhöht, Brüste vergrößert und sogar Beine verlängert. Doch seit einiger Zeit zeigen sich angesichts dieser halb gewollten, halb verachteten Verwestlichung Gegentendenzen.

Ein Manifest mit dem Titel „China Beauty“ liegt vor, das die Deutungshoheit über die chinesische Schönheit wieder zurückerlangen will. Dessen Autorin Zhang Xiaomei ist die Herausgeberin einer wichtigen Modezeitschrift und Beraterin der Regierung in allen schönheitsindustriellen Fragen. Wenn das Werk beim staatlichen Xinhua-Verlag nicht bloß auf chinesisch vorläge, würde es auch dem westlichen Publikum mehr Klarheit versprechen: Welche Art Schönheit ist denn nun chinesisch nach chinesischem Geschmack, welche bloß chinesisch nach westlichem Geschmack - und welche westlich nach chinesischem Geschmack?

Nun also: „Nachdem man alle möglichen Operationen hinter sich gebracht hat, um sich dem westlichen Schönheitsideal anzunähern“, heißt es im Kapitel zum Gesicht, „findet man wieder zum Ursprung zurück und erkennt, daß das Wassermelonenkern-Gesicht (auch Enteneier-Gesicht genannt) die schönste Gesichtsform ist“ - oben breit also und unten spitz zulaufend. Häßlich dagegen sei die Birnenform (oben spitz, unten breit). Die Nachahmung des Westens habe chinesische Frauen nicht einmal davor zurückschrecken lassen, sich eine hohe Nase zuzulegen, doch die passe nun gar nicht zum chinesischen Gesicht. Die Linie der chinesischen Nase sollte „zart sein und nicht zu ausdrucksstark“.

Für jeden Körperteil ein eigenes Kapitel

Auf den ersten Blick unterscheidet sich das Buch mit seinen Empfehlungen westlicher Kosmetikartikel und den vielen Fotos nicht sehr von den üblichen Broschüren der Branche. Es will zwar die „zusammenhaltende Kraft der chinesischen Kultur stärken“ - aber dies, ohne die westliche Kultur abzulehnen, und indem Wirtschaft und Kultur sich gegenseitig ergänzen: auf die pragmatische Weise also, auf die sich künftig wahrscheinlich die chinesische Kultur als Ganzes in der globalisierten Welt zur Geltung bringen wird. Um den Preis einer gewissen Unschärfe freilich: Was die chinesischen Vorstellungen im einzelnen von westlichen unterscheidet, wird nicht immer ausdrücklich gesagt.

In einer Welt, in der die kulturellen Projektionen sich wechselseitig durchdringen und die Kosmetikbranche ebenso wie die Chirurgie für eine vollendete Industrialisierung des Körpers sorgt, kann es keine Eindeutigkeit, keine naive Authentizitäts-Fiktion mehr geben, sondern nur ein Mittun im Spiel der Konstruktionen. In dieser verwirrenden Lage sagt das Manifest „China Beauty“: „Wenn man vom Kitsch wegkommen will, darf Ironie nicht die einzige Waffe sein.“

Daher empfiehlt der Text mit dem gebotenen Ernst Kirschlippen, Pfirsichblumenaugen (lang, Außenwinkel leicht nach oben geschwungen, wäßrig), Wespen- oder Trauerweidentaillen, mit denen man wie eine fliegende Schwalbe auf einer Handfläche tanzen kann, und eine weiße Haut (sie verkörpert Zurückhaltung und Eleganz), die bisweilen leicht errötet (Erhabenheit und Erregung). Jeder Körperteil bekommt mit zahlreichen Rückgriffen auf antike Autoren ein Kapitel gewidmet, sogar das Gesäß, das in der Tradition als Schamzone galt und daher selten erwähnt wurde. Die Autorin läßt keinen Zweifel daran, daß seine volle Gestalt eine Voraussetzung für die Schönheit im ganzen ist.

Asiatische Unschuld liegt im Trend

Der Kanonisierungsversuch kommt zu einem Zeitpunkt, da die Schönheitsbranche zum fünftgrößten Wirtschaftssektor in China geworden ist. Seit den neunziger Jahren ist in dem Land, das noch kurz zuvor Frauen bloß als proletarische Subjekte gelten ließ, die „schöne Frau“ zur gesellschaftlichen Leitfigur geworden: als nicht etwa bloß einem isolierten Lifestyle-Sektor zuzuordnende Gestalt, sondern als handfestes Wirtschaftssubjekt, in das, wie der Kulturkritiker Xu Min einmal bemerkt hat, viel Zeit und Geld investiert werden muß, um auf dem Heirats- und Arbeitsmarkt den beabsichtigten Mehrwert zu erzielen - Kapitalanlage und Markenzeichen in einem. So versteht man, daß die Frage der bislang vor allem vom Westen geprägten Standards alles andere als harmlos ist.

Mittlerweile scheinen sich die traditionellen chinesischen Vorstellungen international schon bemerkbar zu machen. Mit dem Erscheinen des neuen Supermodels Du Juan, die für Hermes, Yves Saint Laurent und Bottega Veneta auftritt, reüssiert zum ersten Mal eine sogenannte Crossover-Schönheit, die im Westen ankommt, aber auch von Chinesen bewundert wird (wenngleich ihr Liebreiz bei weitem nicht so hoch eingeschätzt wird wie der der großäugigen Schauspielerin Zhao Wei, die bei Umfragen regelmäßig am besten abschneidet). Experten prophezeien, daß sich der westliche Markt nach brasilianischen und russischen Typen nun chinesischen Gesichtern zuneigen wird: Asiatische Zurückhaltung und Unschuld lägen im Trend.

Doch wichtiger noch als derlei westliche Bedürfnisse dürfte ein handfestes ökonomisches Kalkül sein: Der schnell wachsende Luxusartikel-Markt in chinesischen Großstädten macht es für Weltmarken erforderlich, in ihr globales Image auch chinesische Gesichter zu integrieren, die in China selbst akzeptiert werden. Den Trend eines größeren Einflusses asiatischer Ästhetik halten Marketing-Experten für „irreversibel“. Doch noch wird der Schönheitsmarkt in China zu achtzig Prozent von westlichen Firmen beherrscht.

Quelle: F.A.Z., 24.08.2006, Nr. 196 / Seite 31
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