28.10.2009 · Frankreichs Zeitungen proben den Aufbruch in die Zukunft. Sie häuten sich, um zeitgemäß alte Tugenden zu beweisen. „Le Monde“, „Le Figaro“ und „Libération“ gehen voran. Nach radikalen Sparmaßnahmen herrscht wieder Zuversicht.
Von Jürg Altwegg, GenfSind es die Relaunchs der letzten Chance? „Libération“ und „Le Figaro“ verändern in diesem Herbst ihre Inhalte und ihre Aufmachung. „Le Monde“ legt ein Wochenendmagazin bei – die Tageszeitung wurde bereits vor ein paar Monaten mit Erfolg neu gestaltet. In den Redaktionen herrscht Aufbruchstimmung. Die Zeitungen sind dünner, aber keineswegs schlechter geworden. Verzweifelt suchen sie die Abstimmung mit dem Internet: Was gehört gedruckt, was kommt ins Netz? Pfannenfertige Rezepte mit Erfolgsgarantie hat keiner. Aber die jetzt eingeschlagenen Pfade zeigen Wege aus der Krise auf.
Wer durch das Portal von „Libération“ surft, stößt neuerdings bei jedem zweiten oder dritten Klick an die Grenzen von gratis: Sie verlassen den frei zugänglichen Bereich, dieser Artikel ist nur für Abonnenten oder gegen Einzelbezahlung zugänglich. Das ist eine für den Online-Nutzer dieser einst von Maoisten um Jean-Paul Sartre gegründeten Zeitung völlig neue und frustrierende Erfahrung. Da ist man schnell einmal versucht, die Kreditkarte zu zücken. Pro Monat kostet der Zugang zu den Inhalten sechs oder zwölf Euro. Auch die teurere Variante ist bedeutend billiger als ein halbes Jahresabonnement der gedruckten Zeitung und wird von jenen, die überhaupt zum Zahlen bereit sind, ganz offensichtlich bevorzugt. Von tausend Abonnenten spricht ein Redakteur. Diese Zwölf-Euro-Variante „Premium“ erschließt eine enge Bindung an die Zeitung – die man auch viele Stunden, bevor sie in den Kiosken oder Briefkästen liegt, als E-Paper lesen kann.
Mehr Hintergrund und Meinung
Gedruckt ist die neue „Libération“ eine attraktive und gediegene Zeitung, die Qualität auch ästhetisch verströmt. Die Zahl der aufgegriffenen Themen wurde reduziert, dafür wird ihnen mehr Raum und mehr redaktioneller Aufwand gewidmet. Mehr Tiefe und mehr Hintergrund, mehr Meinung und mehr Distanz lautet die Devise. Jeden Tag analysiert die Zeitung ein Ereignis unter dem Aspekt der Medienkritik – Titel der Rubrik: „Desintox“. Wie kam die Geschichte in die Welt, wer hat sie lanciert, was wurde von wem wo dazu gesagt. Das ist ein neuer Ansatz und sehr zeitgemäßer Umgang mit der Aktualität im Medienzeitalter – besonders im Reiche von Sarkozy, der die Manipulation der öffentlichen Meinung auf die Spitze treibt.
Die Zahl der legendären Meinungsseiten „Rebonds“ wurde auf täglich drei erhöht: Zwar sei das Echo auf eine Veröffentlichung der Debattenbeiträge im Internet oftmals größer, doch die Autoren wollen gedruckt werden. Das gilt auch für die Redakteure und Journalisten. Sie stöhnen zwar unter dem eingeschränkten Platzangebot, freuen sich aber, dass die Artikel auch wieder länger sein dürfen. Mehrere Entlassungswellen haben den Personalbestand gedrückt. Doch die Motivation ist groß wie schon lange nicht mehr und die Stimmung sehr viel zuversichtlicher. Das Echo auf die Neugestaltung, die von der Öffentlichkeit mit viel Aufmerksamkeit begleitet wird, ist erfreulich.
In den ersten Tagen stieg die verkaufte Auflage, die in den letzten Jahren nochmals um sieben Prozent schrumpfte, in sensationelle Höhen. Auf Ende erhofft man sich einen stabilen Zuwachs von zehn Prozent. 150.000 Exemplare sind für die drittgrößte der drei national verbreiteten politischen Tageszeitungen eine gute Zahl. Doch je nach Aktualität und Beilagen fallen die Schwankungen ernorm aus. Am Montag, Donnerstag (Buchbeilage) und Samstag (Magazin) werden im Einzelverkauf am meisten Zeitungen abgesetzt.
Die Schulden sind weiter hoch. Doch die Defizite wurden durch radikale Sparmaßnahmen reduziert. Neun und zwei Millionen Euro betrugen die Verluste 2007 und 2008. Für 2009 will man schwarze Zahlen vorlegen können – trotz der Anzeigenflaute. „Libération“ scheint für die nächsten Jahre gerüstet zu sein.
Bekenntnis zum gedruckten Wort
„Viele Zeitungen werden sterben“, erklärt der Chef des „Figaro“, Etienne Mougeotte. Auch die konservative Zeitung des Flugzeugbauers Serge Dassault erscheint in neuer Aufmachung. Wie anderswo ist von „Mehrwert“ die Rede. Mougeotte legt ein flammendes Bekenntnis zum gedruckten Wort ab: Es gehe keineswegs darum, die Überführung der Zeitung ins Netz einzuleiten. Das Portal wird in ein paar Monaten verändert, noch weiß man nicht genau, welche Bereiche nur noch gegen Bezahlung einzusehen sind. Mehr als jeder anderen Zeitung geht es dem „Figaro“ darum, die meisten Zugriffe auszuweisen.
Doch die gedruckte Ausgabe bleibt das Flaggschiff. Das Format wurde leicht reduziert. Und mit ihm der Umfang: Zehn Prozent weniger Stoff wird geboten. Seine Aufarbeitung ist leserfreundlicher geworden. Doch gleichzeitig wird die große literarische Tradition herausgestrichen: die Feder als Logo des „Figaro“ ist wieder auf den Zeitungskopf zurückgekehrt. Und es gibt wieder die tägliche kleine Glosse auf der ersten Seite. Natürlich gehören auch mehr farbige Fotos dazu. Dank neuer Druckmaschinen werden beim Lesen die Hände nicht mehr schwarz.
Form bestimmt Inhalt
Zu den Zeitungen, die in ihrer Existenz bedroht sind, gehört die kommunistische „Humanité“. Sie muss abermals bei Lesern und Sympathisanten um Geld betteln. Und setzt jetzt ebenfalls auf ein neues Layout: Nach dem Verzicht auf die ideologischen Altlasten wird die Kulturrevolution so weit getrieben, dass die Journalisten fortan – und erstmals in der Geschichte der Zeitung – gezwungen sind, sich an Umfänge zu halten. Bislang wurde die Gestaltung den Beiträgen angepasst.
Dass man sehr wohl mit bescheidenen finanziellen Mitteln eine gute und erfolgreiche Zeitung machen kann, beweist täglich das katholische Blatt „La Croix“, dessen Auflage mit gut 100.000 Exemplaren das Doppelte der „Humanité“ beträgt – Tendenz leicht steigend. Etienne Mougeotte glaubt, dass nach der Krise für die überlebenden Zeitungen eine nicht einfache, aber wirtschaftlich bessere Zeit beginnen wird. Nicht alle Experten teilen diesen Optimismus. Aber in diesem Herbst geben sich die französischen Tageszeitungen kämpferisch. Ihre Anstrengungen überwinden die lähmende Resignation. Das letzte Wort über die Zukunft der Qualitätszeitung ist noch nicht geschrieben.