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Frankreichs Medienlandschaft Wird es der Staat jetzt wieder richten?

 ·  Frankreichs mediale Landschaft wird wohl bald anders aussehen. Sarkozys Niederlage war auch eine für das Privatfernsehen. Nach der Parlamentswahl am Wochenende könnte ein staatlicher Kulturkampf folgen.

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Zum ersten Fernsehinterview nach seiner Amtseinsetzung begab sich François Hollande in die Studios des öffentlich-rechtlichen Senders France 2. Er nahm Platz wie jeder Gast in Frankreichs Pendant zur „Tagesschau“ und wartete, bis er an die Reihe kam. Allerdings schwächt der Präsident die Kraft seiner symbolischen Handlungen mit rhetorischen Erklärungen. Er wird nicht müde zu bezeugen, dass mit ihm wieder einmal eine neue Ära begonnen habe. Bei Mitterrand hieß es „post tenebras lux“. Für Hollande ist es „die Epoche der Normalität“.

Schon am Tag nach Hollandes Sieg gab Laurence Ferrari ihren Rücktritt als Tagesschaumoderatorin beim privaten Rivalen Tf1 bekannt. Er wurde umgehend vollzogen. Vor vier Jahren hatte Ferrari den legendären Patrick Poivre d’Arvor abgelöst. Der blonden Journalistin wurde ein Verhältnis mit Sarkozy angedichtet. Wann Poivre d’Arvor beim Präsidenten in Ungnade gefallen war, hatte man anlässlich eines Interviews live miterleben können: als er eine unziemliche Frage stellte. Auch Laurence Ferrari wurde von der Chefredaktion gerüffelt, als sie Sarkozy auf die Vorwürfe ansprach, wonach er 2007 von Gaddafi finanziert worden sei.

Notfalls Zensur und Entlassungen

Tf1-Eigentümer Martin Bouygues ist - wie alle Medienunternehmer - mit Sarkozy befreundet und dieser der Pate seines Sohnes. Für Bouygues ist der Machtwechsel ebenso brisant wie für den Waffen- und Flugzeugbauer Dassault, der seinen „Figaro“ zum Kampfblatt für Sarkozy aufgerüstet hatte. Beide leben von Aufträgen des Staats in Milliardenhöhe.

Mit dem Staat ist über Airbus auch der Medienkonzern Lagardère verstrickt, der den weltweit größten Zeitschriftenverlag Hachette besitzt. Für Arnaud Lagardère hatte Sarkozy als Anwalt die Übernahme des Imperiums vom verstorbenen Vater geregelt. In politischer Hinsicht sind die Hachette-Magazine pluralistischer als Tf1 und der „Figaro“. Doch für Sarkozy gab es notfalls Zensur und Entlassungen, bei der führenden Sonntagszeitung „Journal du Dimanche“ wie bei der Illustrierten „Paris-Match“. Deren Chefredakteur Alain Genestar musste gehen, nachdem er Sarkozys ehemalige Gattin mit ihrem neuen Partner auf die Titelseite hievte. Seit zwanzig Jahren ist Valéry Trierweiler bei „Paris-Match“ als Kulturredakteurin tätig. Während des Wahlkampfs wurde die neue First Lady von den Redaktionskonferenzen ausgeschlossen.

Mit Empörung reagierte sie auf Twitter auf eine Story, der sie die Verletzung der Privatsphäre vorwarf und von Paparazzi geschossene Fotos, die ihr Arbeitgeber aufs Titelblatt brachte. Jetzt kehrt sie in die Redaktion zurück. „Aber die Berichterstattung über das Präsidenten-Paar wird unabhängig und gerecht bleiben“, kommentierte am Montag Chefredakteur Olivier Royan die Vertragsverlängerung. „Man kann davon ausgehen, dass es Höhen und Tiefen geben wird.“ Mit einigem Opportunismus haben Verlage und private Sender auf den Machtwechsel reagiert. Auf die öffentlich-rechtlichen Medien ist er bislang ohne Auswirkungen geblieben. Bloß keine Hexenjagden und politisch motivierte Entlassungen, lautet die Vorgabe des neuen Staatspräsidenten. Dass er sein erstes Interview France 2 gewährte, war eine logische Entscheidung. Schon im Wahlkampf hatten die öffentlich-rechtlichen Sender den privaten Konkurrenten Tf1 überholt und an beiden Wahlsonntagen mehr Zuschauer erreicht.

Seit Jahren befindet sich Tf1 im Niedergang. Der Marktanteil von einst vierzig und mehr Prozent bricht ein - und mit ihm der Aktienkurs. Ein Analyst hat gerade errechnet, dass der Börsenwert von Tf1 eigentlich nur noch null Euro betrage - falls man den realistischen Wert seiner Filialen vom Börsenwert abzieht. Die Trennung von Laurence Ferrari ist mehr als ein Bauernopfer zugunsten des neuen Staatschefs. Das Privatfernsehen steckt in der Kulturkrise, sein Geschäftsmodell der üppigen Finanzierung ausschließlich durch Werbung funktioniert nicht mehr.

Sarkozy wollte die Privaten stärken, indem er den staatlichen Sendern die Werbung entzog. Es war eine trügerische Maßnahme, von der die Opfer profitierten. Sie zogen mehr Zuschauer an und konnten ihr Profil stärken. Nur das Geld fehlt. Der Staat wird es richten: durch eine Ausweitung der Gebühren auf die Ferienwohnungen und andere Empfangsgeräte, Smartphones inklusive. Auch die Rückkehr der Werbung wird zweifellos kommen. Noch hält sich die Linke bedeckt. Doch im Falle eines Siegs bei den Parlamentswahlen am kommenden Wochenende könnte sie sehr wohl versucht sein, ihrer alten ideologischen Leidenschaft für den Kulturkampf gegen Privatschulen und Privatfernsehen zu verfallen: für die Staatssender als Medium der Volkserziehung und Stimme der Macht. Dann werden auch die Köpfe rollen.

Verlierer sind die medialen Humoristen und Komiker

Nicolas Sarkozy ist derweil aus dem Urlaub in Marrakesch zurückgekehrt, wo er sich von der Niederlage erholte. Erstmals gab es keine Bilder von ihm. Er hatte den Nachrichtenmagazinen, die ihn aufs Titelblatt nahmen, über die Jahre hinweg die höchsten Auflagen beschert. Personalien aus den Chefetagen der Zeitungen und Zeitschriften wurden von ihm verkündet und eingeleitet. Schon als Innenminister hatte er die Terroristenfahndung nach dem Takt der Tagesschau organisiert. Er versprach den Journalisten Quellenschutz und ließ ihnen nachspionieren. Auch den Verkauf von „Le Monde“ wollte er bestimmen.

Niemand trauert seinen Fernsehinterviews aus dem Elysée nach, die als Audienzen zelebriert wurden. Verlierer sind wohl die medialen Humoristen und Komiker, die in den fünf Jahren von Sarkozys Präsidentschaft eine Beliebtheit und gesellschaftliche Bedeutung erreichten wie nie mehr seit der Monarchie. Ihnen ist mit dem Verlust der Figur zumindest vorübergehend der Stoff ausgegangen. Es wird nicht mehr so richtig laut und hämisch gelacht. Noch ist der „normale“ Präsident Hollande unfassbar.

Selbst den Oppositionspolitikern hat es die Sprache verschlagen. Die noch immer auf Sarkozy fixierte Kritik an Hollande gipfelte bislang im Ratschlag, aus Brüssel vielleicht doch besser das Flugzeug zu benutzen, um zwei Stunden länger schlafen zu können: Nach Brüssel pflegt Hollande auch als Präsident im Zug zu reisen und in der Nacht mit dem Auto zurück. Das macht müde. Etwas müde und erschöpft sind nach fünf Jahren Sarkozy auch die Medien. Frankreich ist mit dem Machtwechsel zweifellos demokratischer, aber eben auch durchschnittlicher geworden. Allerdings auch ein bisschen langweiliger. Und wenn sich Frankreich langweilt, droht die Revolution.

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Jahrgang 1951, Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

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