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Frankfurter Rundschau Der Tag der lebenden Toten

 ·  Die Insolvenz der „Frankfurter Rundschau“ war absehbar, dennoch ist es ein trauriges Datum für Zeitungsleser in ganz Deutschland. Eine Art Nachruf.

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© Wolfgang Eilmes Vergrößern Mit dem Insolvenzantrag der FR geht auch ein Horrorfilm zu Ende

Wann immer ich in den letzten Jahren das vertraute Grün der „Frankfurter Rundschau“ gesehen habe, musste ich an ein Modell denken, welches der Philosoph David Hume gewählt hat, um die Verwirrungen zu beschreiben, die beim Nachdenken über Identität und Wandel entstehen. Ist ein Schiff, an dem über die Jahre nach und nach alle Teile ausgetauscht werden, überhaupt noch dasselbe Schiff? Ist die „Rundschau“, deren Aus jetzt endgültig droht, noch die „Rundschau“?

Für die Tageszeitung, bei der ich acht Jahre lang Redakteur war, lässt sich diese Frage nicht ganz so einfach beantworten, auch wenn es mir, elf Jahre nach dem Weggang, so vorkommt, als sei da nicht mehr viel von dem geblieben, was ich erst als lesender Student und später als schreibender Redakteur kennen gelernt hatte. Nicht nur, weil das Rundschau-Haus an der Großen Eschenheimer Straße schon 2006 abgerissen wurde und die Zeitung damit aus dem städtischen Raum verschwand, um einer dieser Simulationen von Urbanität Platz zu machen - das von Wilhelm Berentzen entworfene Haus war, nebenbei gesagt, mit seinen eleganten Rundungen und der großzügigen Verglasung ein sehr gelungenes Exemplar der sonst oft verrufenen Architektur der fünfziger Jahre und in seiner Anmutung für mich lange auch Ausdruck einer Haltung, welche der Zeitung entsprach, die dort entstand.

Viel gespart, wenig gehofft

Fremd geworden war mir die Zeitung allerdings, weil personell und strukturell nur noch wenig an die Jahre erinnerte, die ich dort verbrachte. Wer damals weggehen konnte, der ging weg, weil das Krisengefühl eine Grundstimmung und das Klagen über schrumpfende Auflage und knappe Finanzen die Begleitmusik der neunziger Jahre gewesen waren. Im Bewusstsein vieler altgedienter Redakteure mischte sich eine gewisse Zaghaftigkeit mit der durch nichts gedeckten Gewissheit, eher werde der Main austrocknen als die „Rundschau“ untergehen.

Das war schon damals eine Haltung, mit der sich zwar überleben, mit der sich aber niemand für Aufbruch und Neuerung begeistern ließ. Was sich in dem Moment, in dem sich die Mediengruppe M. DuMont Schauberg und die DDVG, die Medienholding der SPD, an der Druck- und Verlagshaus Frankfurt am Main GmbH beteiligten, veränderte, war paradox: Vorher, in den neunziger Jahren war noch investiert und zugleich gejammert worden; jetzt, wo Geld von außen den Fortbestand des Betrieb garantierte, wurde nur noch gespart und wenig gehofft - so klang es jedenfalls bei jenen, die über all die Jahre geblieben waren.

Dass die „Rundschau“ nun das Insolvenzverfahren eröffnen will, überrascht niemanden ernstlich. Dass die Geschäftsführung zunächst weiter im Amt bleibt, aber bei jedem Cent, den sie ausgeben will, unter Kuratel steht, klingt dagegen wie ein Horrorfilm: Als wolle man aus der Zeitung eine Art Zombie machen, der nicht mehr leben kann, aber auch nicht sterben darf. Das ist, wenn man dort einmal gearbeitet hat, wenn man die politische Bedeutung und das intellektuelle Format betrachtet, welche sich die Zeitung in der Nachkriegspublizistik erworben hatte, sehr bitter und traurig.

Keinen neuen Kurs gefunden

Das Dahinsiechen hat aber auch, wenn man ohne Nostalgie an die Debatten der Neunziger zurückdenkt, eine traurige Konsequenz. Damals lagen sich immer wieder die überregional Denkenden mit den Patrioten des Lokalen in den Haaren, wenn es darum ging, wo die die Zukunft der Zeitung läge. Und weil die Richtung in diesem Konflikt sich mit wechselnden Machtkonstellationen ändern konnte, weil vor allem jedoch die politischen Analysen oft reflexhafte Züge annahmen, weil viele Beständigkeit und Starrsinn miteinander verwechselten, konnte sich kein Kurs so durchsetzen, dass noch ein attraktives Profil der Zeitung daraus geworden wäre. Und zugleich wankte, schon lange vor dem Internet, sogar die Bastion der lokalen und regionalen die Anzeigenerlöse.

Als Redakteur eines überregionalen Ressorts fehlte mir wohl das Verständnis, wie sehr ihre lokale Wurzeln die Zeitung prägten. Ich nahm sie als das, was sie fern von Frankfurt gewesen war: als eine Bühne der intellektuellen Auseinandersetzung, die in Feuilleton und Politik stattfand, als eine harte Währung im intellektuellen Diskurs - und womöglich war auch das in den Neunzigern schon mehr Nimbus als Realität. Was an der Trauer nichts ändert.

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