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Bedeutung des Journalismus : Voll auf die Presse

  • -Aktualisiert am

Frank-Walter Steinmeier bei der Verleihung der Lead Awards Bild: dpa

Die Verlage verlieren Geld, das Internet setzt neue Spielregeln, die Leser wollen mitbestimmen. Wie steht es um die „vierte Gewalt“? Sind Politiker nicht froh über eine Schwächung des Journalismus? Nein. Und das hat gute Gründe.

          Wenn ich Journalist wäre, würde ich den Zustand der Verlags- und Medienbranche wahrscheinlich mit solchen Schlagzeilen beschreiben: „Small is beautiful“; „Voll auf die Presse - Journalismus in der Glaubwürdigkeitskrise“; „Vor dem Bildschirm ist es duster - Werden Journalisten die Bergleute des 21. Jahrhunderts?“; „Der Letzte macht das Licht aus - Massenentlassungen erschüttern Deutschlands Redaktionen“.

          Ich bin aber kein Journalist, sondern Politiker. Außerdem fehlt mir bekanntlich die Neigung, meine Meinung in wenige Worte zu pressen. Aber der Zwang zur Kürze ist ohnehin nicht immer ideal, um einem Problem gerecht zu werden, das merkt man auch in meinem Beruf.

          Unter Diplomaten erzählt man sich die Geschichte vom Botschafter in einem schwierigen Land, der daheim seinem Minister Bericht erstatten soll. Der Minister fragt: „Wenn Sie die Lage in Ihrem Land in einem Wort zusammenfassen sollten, welches wäre das?“ Der Botschafter überlegt und sagt: „Gut.“ Das hatte der Minister nicht erwartet, er hakt nach: „Und was, wenn Sie die Lage in zwei Worten zusammenfassen sollten?“ Der Botschafter sagt: „Nicht gut.“

          Als die New-Economy-Blase platzte

          Nicht gut - dieser Befund beschreibt auch die Lage der Zeitungen und Zeitschriften. Als Demokrat sehe ich das mit einiger Sorge. Freie Medien, möglichst viele unterschiedliche freie Medien, sind die Grundlage einer stabilen Demokratie; genauso wie andersherum Medien eine Demokratie brauchen. Denn nur dann können Journalisten wirklich frei recherchieren und schreiben. Wenn Medien in die Krise geraten, kann das die demokratische Gesellschaft nicht kaltlassen. Umso mehr, als die Medien zurzeit sogar in einer doppelten Krise stecken. Ihr Wirtschaftsmodell ist in Bedrängnis geraten, und gleichzeitig beginnt eine Debatte über ihren Deutungsanspruch und ihren Informationswert.

          Als Außenminister benutze ich in meinen Reden gerne die Formulierung, die Welt sei aus den Fugen geraten - der Satz passt auch für die Presse-Welt nicht schlecht. Erstaunlich, wie schnell das ging. Vor fünfzehn Jahren wimmelten die Anzeigenabteilungen mancher großen Tageszeitung Kunden ab, damit die Samstagsausgabe noch in den Briefschlitz passte. Neue Zeitungen wurden gegründet, Büros vergrößert. Der Markt brummte, und er schien alles zum Guten zu regeln, sogar die Qualität. Dann platzte die New-Economy-Blase, und seitdem ging es bergab. In den vergangenen zehn Jahren halbierten sich die Werbeeinnahmen der Medienbranche, die Auflage schrumpfte um ein Drittel.

          Sie brennt an beiden Seiten

          An uns liegt das übrigens nicht. Das Auswärtige Amt abonniert Zeitschriften und Zeitungen im Wert von über 150.000 Euro im Jahr, dafür bezieht es unter anderem 45 Mal den „Spiegel“ und 29 Exemplare der „Zeit“, wir abonnieren die „Süddeutsche“ dreißig- und die F.A.Z. sechzigmal. Aber auch das „Hamburger Abendblatt“, die „Märkische Allgemeine“ und die „Werra Rundschau“ finden in meinem Ministerium täglich treue Leser. Einige Zehntausend Euro jährlich überweist das Amt für die Erstellung von Pressespiegeln, was sich hoffentlich auch auf Ihre VG-Wort-Ausschüttungen auswirkt.

          Den Trend kann man damit natürlich nicht stoppen, und der ist - nicht gut. Jahrzehntelang hatte die Medienwirtschaft hohe Erträge in einem Markt erzielt, der durch die Sprache von internationaler Konkurrenz abgeschottet war. Der Siegeszug des Internets hat der Presse eine Konkurrenz erwachsen lassen, die an der Wurzel des Geschäftsmodells ansetzt: der Werbung. Eine Zeitlang wurde recht erfolgreich versucht, die schrumpfenden Werbeeinnahmen durch Preiserhöhungen auszugleichen. Aber das funktioniert nicht endlos, und wenn die Auflagen einbrechen, umso weniger. Das liegt wiederum auch daran, dass das Internet die Verbreitung werbefinanzierter Gratiskonkurrenz fördert, oft genug aus den eigenen Verlagen. Die Kerze, so sagt man wohl, brennt offenbar an beiden Seiten.

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