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Frank Elstner Der Weg zurück in die Zukunft

27.12.2011 ·  Frank Elstner hat Generationen geprägt. Was er zu bieten hat, ist mittlerweile kostbarer als Gold: gutes Karma. Jetzt hat er angefangen zu twittern und gewinnt ganz neue Fans.

Von Melanie Mühl
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© dpa Eigentlich hat er nur Freunde: Frank Elstner

Unsere Gesellschaft hat so viele Planstellen besetzt für Skandale, für Peinlichkeiten, für Scham und Revolte, da kann es nicht schaden, eine zu haben, die all das nicht ist, sondern einfach nur lebensfreundlich und normal. Eben genauso, wie Frank Elstner ist. Anders gesagt: Frank Elstner ist der Mann des guten Karmas. Und im Moment ist gutes Karma eine ziemlich wichtige Währung, vielleicht ist sie die wichtigste überhaupt.

Kurz vor Weihnachten twitterte Elstner, der gerade einen Hundert-Tage-Twitter-Versuch absolviert und begeistert erzählt, dass er schon mehr als fünftausend Follower habe, folgende Sätze: „lieber das Image eines Sparkassen Direktors als das eines Investment Brokers. Besonders zur Zeit ;-)“. Mit „zur Zeit“ meint er nichts anderes als einen Bundespräsidenten, der in eine Kreditaffäre verstrickt ist und sein moralisches Kapital verzockt hat, er meint ein Europa am Abgrund, die Finanzkrise, über Rettungsschirme verhandelnde Politiker, fragwürdige Netzwerke und eine Demokratie, die mit Füßen getreten wird. „Zur Zeit“ bedeutet Vertrauensverlust.

Er wollte etwas Neues ausprobieren

Frank Elstner verkörpert das Gegenteil. Er trägt einen lilafarbenen Pullover, ein Jackett, er ist kleiner, als es im Fernsehen den Anschein hat, aber genauso freundlich. Er sitzt in seinem Redaktionsbüro in Baden-Baden, ein überschaubarer Raum, der Schreibtisch ist aufgeräumt, davor zwei Plastikstühle in Blau, die Wandschränke sind weiß, das Sofa könnte bei Ikea stehen. Diesen Ort hatte man sich anders vorgestellt, ungefähr so, wie Baden-Baden ist: schick, edel, repräsentativ, doch das sind Begriffe, die nicht zu Elstner passen. Elstner gibt nicht vor, jemand zu sein, der er nicht ist.

Ein paar Fakten: Frank Elstner fing beim Radio Luxemburg an, mit einundzwanzig. Er moderierte die Fernsehlotterie, „Punkt, Punkt, Komma, Strich“, „Die Montagsmaler“. 1981 kam er mit „Wetten, dass...?“ ins ZDF. Er hatte die Sendung erfunden, sie wurde ein gigantischer Erfolg. 1986 trat er zurück, er wollte etwas Neues ausprobieren wie die Quiz-Sendung „Nase vorn“, „Jeopardy“ und noch vieles mehr, das aufzuzählen würde allerdings die Seite füllen. Heute, da selbst das Festhalten an Erfolglosigkeit keinen Menschen mehr wirklich irritiert, würde man so jemanden für verrückt erklären. Frank Elstner sagt: „Es war das Beste, was ich tun konnte.“

Die peinliche Suche nach einem „Wetten, dass...?-Nachfolger ist deshalb umso erschütternder. Deren Inszenierung begann mit Hape Kerkeling, sie ging mit teilweise absurden Vorschlägen weiter und mit jedem Namen, der dazukam, wurde das Unterfangen beliebiger. Thomas Gottschalk, der eigentlich auf seine Gäste hätte verzichten können, weil er sich sowieso am liebsten mit sich selbst beschäftigt, bezeichnete „Wetten, dass...?“ als einen „abgenagten Knochen“. Das ist logisch, er geht ja auch zur ARD.

Ein sicheres Grab

Man fragt Frank Elstner, wie es ist, beim Verramschen von „Wetten, dass...?“ zuzusehen. „Äußerst unerfreulich“, sagt er, als ginge es nicht um sein Erbe, sondern darum, dass er für einen Monat seinen Führerschein abgeben muss. Im Alter tue es immer weniger weh. Sein Lachen kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es tatsächlich weh tut. Und was ist mit ihm? Er selbst könnte doch Gottschalks Nachfolger werden? Da schaut er einen an, als hätte man ihn gefragt, ob er ins Dschungelcamp gehen möchte. „Es wäre“, sagt er, „das völlig falsche Signal, eine Show zu übernehmen, die ich selbst vor so vielen Jahren erfunden habe.“ Die Bankrotterklärung eines Kreativen, es hätte etwas Verzweifeltes. Er sei außerdem zu alt, nächstes Jahr werde er siebzig, und er möchte nicht wie ein Zirkuspferdchen auf „zeitgemäß“ getrimmt werden. Mehr will er dazu nicht sagen, was nicht automatisch heißt, dass Frank Elstner sich nicht auf irgendeine Weise um die Nachfolgerfrage kümmern würde - und eigentlich liegt genau das auf der Hand. Nur geschieht es erstaunlicherweise nicht. Dabei glaubt wohl niemand so sehr an einen erfolgreichen Samstagabend im Fernsehprogramm der Zukunft wie Elstner. Die meisten bezeichnen diesen Platz als sicheres Grab.

Elstner sagt: „Es ist immer noch möglich, viele Generationen vor dem Fernseher zusammenzubringen, man braucht nur ein gutes Konzept.“ Gute Konzepte benötigen dummerweise Zeit. Die Branche aber sei zu ungeduldig, entweder ein Format sei sofort ein Erfolg, oder es sei tot. Und das Internet? Darin sieht Elstner den perfekten „Talent Pool“. Nehmen wir Katrin Bauerfeind: Die Internetsendung „Ehrensenf“ hat sie groß gemacht. Auch deshalb twittert Elstner, um Begabungen wie Bauerfeind zu finden. Das Neue wird das Alte auch dieses Mal nicht ersetzen. Es wird es nur entfalten.

Frank Elstner hat eine Firma, sie heißt Elstnertainment, er entwickelt Fernsehformate, und seit mittlerweile zehn Jahren moderiert er im SWR die Talkshow „Menschen der Woche“, die sein Sohn produziert. Mit den Gästen, darunter Ethnologen, Mundartschauspieler, Sänger, Köche, Priester, Schlagerstars, Physiker oder Springreiter, verhandelt Elstner nicht die großen Themen. Er versucht auch nicht, seinen Zuschauern die Welt zu erklären, was eine Talkshow bekanntlich sowieso nicht leisten kann, und dennoch wird es in einigen unermüdlich versucht, weshalb man am Ende nicht selten das Gefühl hat, weniger zu verstehen als vorher.

Während jemand wie Markus Lanz moralapostelhaft darüber spricht, dass viel Geld unglücklich macht und dabei betroffen in die Runde blickt, redet Elstner nicht ständig über Moral. Er praktiziert sie. Es muss nicht jeder sein wie Elstner, aber einer muss so sein. Man erinnert sich an einen Satz aus Florian Illies‘ Buch „Generation Golf“. Er schreibt, dass er nie wieder ein so sicheres Gefühl gehabt hätte, genau das Richtige zu tun, wie Anfang der achtziger Jahre „Wetten, dass . . .?“ mit Frank Elstner zu gucken.

Der Anti-Wulff

Frank Elstner ist tatsächlich Frank Elstner geblieben, was im Mediengeschäft erstaunlich ist. Dadurch lässt sich auch erklären, weshalb seine Twitter-Fans in einem für dieses Medium ungewöhnlich respektvollen Ton mit ihm kommunizieren. Elstner gibt diesen Ton zurück. Das tut er auch im Gespräch mit den „Menschen der Woche“. Er unterhält sich mit ihnen nicht weniger aufmerksam, als er es in „Wetten dass...?“ mit Mario Adorf oder Franz Beckenbauer getan hat. Manche nennen Elstners Gesprächsführung Anbiederei. Sie übersehen, dass sich hinter ihr nichts weiter verbirgt als Respekt. Zwischen all den Pilawas und Kerners und technokratischen Spaßmachern, die ihren Professionalitätshumor ausstellen und manchen Gesprächspartner gnadenlos vorführen, wirkt Frank Elstner wie ein Anachronismus. Man denkt an Hans-Joachim Kulenkampff, Peter Frankenfeld, Rudi Carrell. Es fallen einem Wörter wie Seriosität, Verbindlichkeit, Vertrauen und Kontinuität ein, die seltsam altmodisch klingen, obwohl sie es gar nicht sind. Da steht jemand vor der Kamera, der eine Haltung hat, ein Glasauge und ungegelte, weiße Haare. Jemand, der Sätze sagt wie: „Eine Samstagabend-Sendung heißt, wochenlang nicht schlafen zu können und mit Pickeln aufzuwachen“, „ich hatte damals einen Schuldenberg abzuarbeiten, das war eine gute Voraussetzung für meinen Erfolg“, „heute sind viele Moderatoren zu satt, sie haben zu schnell zu viel Geld verdient“, „es reicht nicht, Lady Gaga aufs Sofa zu setzen, man muss sich auch überlegen, was will ich von ihr?“ und: „Rudi Carrell war ein besessener Arbeiter. Solche Leute sind selten geworden.“ Frank Elstner ist der Anti-Wulff.

Das Beruhigendste an ihm ist, dass er uns nicht böse überraschen wird. Es gibt keine Fotos von diesem Mann, die zeigen, wie er betrunken über dem Steuer hängt, Nächte durchzecht oder mit sehr jungen Models Poolpartys auf Ibiza feiert, während seine Frau heulend in der Baden-Badener Villa hockt. Es melden sich auch keine ehemaligen Geliebten in der „Bunten“ zu Wort, die ein uneheliches Kind mit ihm haben und nun Unterhalt fordern. Nirgendwo war je von Schweizer Konten und Steuerhinterziehung die Rede. Frank Elstner eignet sich nicht für Klatsch, weil nichts an ihm skandalös ist. Das macht jedes größere mediale Interesse zunichte. Genau genommen führt Frank Elstner ein unaufgeregtes Leben. Vergleicht man es mit dem anderer Prominenter, könnte man auch behaupten, es ist langweilig. Was sollte daran verkehrt sein? Gerade twitterte er: „Gestern Abend Dalli-Dalli mit Kai Pflaume im NDR gesehen. Ich bin der Meinung: ,Das war spitze‘;-).“ Vielleicht ist Frank Elstner ja der Weg zurück in die Zukunft.

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Jahrgang 1976, Redakteurin im Feuilleton.

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