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Veröffentlicht: 21.10.2012, 17:00 Uhr

Gottschalk bei Reich-Ranicki Der Besuch

Wie Thomas Gottschalk einmal Marcel Reich-Ranicki zu Hause besuchte, um seine künftige Kolumne für das Feuilleton der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ zu besprechen.

von
© Julia Zimmermann „Und du hast wirklich Walsers Tagebuch?“

Also, es war ja höchste Zeit, dass die beiden Herren sich endlich einmal wiedersehen. Mehr als vier Jahre, nachdem Marcel Reich-Ranicki Thomas Gottschalk vor die härteste Moderatorenprüfung seiner Karriere gestellt hat, als er, der Kritiker, auf offener Bühne, vor tausend Menschen, die sich ehrerbietig erhoben hatten, Gottschalk seinen Glaspokal nicht abnehmen wollte, mit dem das deutsche Fernsehen Reich-Ranicki für dessen Lebenswerk auszeichnen wollte. „Ich habe nicht gewusst, was mich hier erwartet“, sagte er, konsterniert über all den Unsinn, der an jenem Abend mit Preisen überhäuft worden war, und fügte hinzu: „Ich gehöre nicht in diese Reihe.“

Der ganze festliche Saal war wie schockgefroren in diesem Moment, und Gottschalk stand da mit dem Pokal, den keiner haben wollte. Sekunden der Ratlosigkeit. Und dann konnte man zwei Unterhaltungsprofis dabei zusehen, wie man eine irgendwie unmögliche Situation auf offener Bühne in eine Show verwandelt.

„Sagen wir uns ,Du’ ab heute“

Wie Gottschalk spontan ein großes Gespräch über das Fernsehen der Gegenwart zwischen ihnen beiden vorschlug, die anwesenden Intendanten aller großen deutschen Sender in der ersten Reihe direkt zur Übertragung dieser Sendung ermutigte, sich über die zögerliche RTL-Chefin lustig machte und wie dann Marcel Reich-Ranicki die Geschichte des Cellisten Rostropowitsch erzählte, dem ein verzauberter Herbert von Karajan, als er ihn zum ersten Mal Cello spielen hörte, überwältigt das „Du“ angeboten hatte und wie der Kritiker dann, auf den inzwischen wirklich auf alles gefassten Gottschalk zulief, ihn umarmte und sagte „Mein Lieber, sagen wir uns ,Du‘ ab heute“ - das war ein Fernsehmoment für die Ewigkeit.

Thomas Gottschalk und Marcel Reich-Ranicki - Der Fernsehmoderator besucht den Literaturkritiker in seiner Wohnung in Frankfurt. Vorsichtiger Eintritt in die Kritikerwelt © Julia Zimmermann Bilderstrecke 

Und jetzt also haben sie sich endlich wiedergetroffen. Thomas Gottschalk hat Marcel Reich-Ranicki in dessen Wohnung in Frankfurt besucht. Erstens, um ihn einmal wiederzusehen und das „Du“ zu erproben, und zweitens, um ein neues Projekt zu besprechen, ein Projekt, das man beinahe ein gemeinsames nennen kann. Thomas Gottschalk soll, so haben wir in der Redaktion uns das zusammen mit Reich-Ranicki ausgedacht, eine Kolumne schreiben, die einem ähnlichen Prinzip folgt wie die des Kritikers: „Fragen Sie Gottschalk“ wird die Kolumne heißen, und Sie, unsere Leser, können Thomas Gottschalk ab sofort unter der E-Mail-Adresse „Gottschalkfragen@faz.de“ oder per Post alles fragen, was Sie ihn schon immer fragen wollten.

Vor allem: alles zum Thema Fernsehen. Und er wird eine Auswahl dieser Fragen jeden Sonntag im Feuilleton der F.A.S. beantworten. Der ideale Nebenmann zu Reich-Ranicki, so scheint es uns. Thomas Gottschalk ist im Grunde immer schon ein Feuilletonist gewesen, ein Bildungsbürger, einer, der von der Lebendigkeit dessen zeugt, was wir unter Kunst verstehen. Manchmal werden die beiden sich vielleicht auch gegenseitig Fragen stellen, wenn es Dinge zu klären gibt. Meist jedoch bleibt jeder in seiner eigenen Kolumne.

Ein Geschenk des Himmels

Diese Sache war bei Gottschalks Besuch in der sonnendurchfluteten Wohnung Reich-Ranickis schnell durchgesprochen. Seine Wertschätzung für Thomas Gottschalk ist seit vielen Jahren jedermann bekannt; es gibt nur wenige Unterhaltungskünstler der Gegenwart, die der Kritiker so schätzt wie Gottschalk. Er mag seine Spontaneität, seine Menschenfreundlichkeit, seine Lebensklugheit, seine ganze unzynische Art. Und wer die beiden Reden gehört oder gelesen hat, die Thomas Gottschalk in seinem Leben auf Reich-Ranicki gehalten hat, der weiß, dass kaum ein Zweiter das Wesen Reich-Ranickis, den Kern seiner Kritikerkunst so schön und klug und heiter und selbstironisch beschrieben hat wie er.

Dabei steht an erster Stelle der Respekt, der Respekt vor diesem Mann, diesem Leben, diesem Wissen und der Fähigkeit, dieses Wissen aufs unterhaltsamste zu vermitteln. Als die beiden sich zum ersten Mal begegnet sind, 1992, als Marcel Reich-Ranicki auf der Couch von „Wetten, dass. .?“ erklären musste, ob er Johannes Hallbacher zutraut, zwanzig Mosel-Rieslinge ihrem Jahrgang zuzuordnen, da sagte Gottschalk nach der Sendung über seinen Gast, den Kritiker, der auf dem Sofa eine große Show geliefert hatte: „Er ist ein Geschenk des Himmels.“

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