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Fotojournalismusfestival Lumix : Was es mit dem Körper macht und mit der Seele

  • -Aktualisiert am

Für ihre Reportage „Stray Kids“ über Straßenkinder in Berlin erhielt Fara Phoebe Zetzsche, Volontärin in der Bildredaktion der F.A.Z., beim Lumix-Festival den Lammerhuber Photography Award Bild: Fara Phoebe Zetzsche

Das Festival Lumix präsentiert alle zwei Jahre die besten Arbeiten der besten jungen Fotojournalisten aus aller Welt. Gelegenheit zu sehen, wie rasch sich die Nachwuchsfotografie verändert.

          Glaube, Wasser, Schönheitswettbewerbe. Wer glaubt, junge Fotojournalisten seien nur aus auf das schnelle Bild, auf Gewalt oder Zerstörung, der irrt. Was die Elite unter ihnen an ihrer Arbeit reizt, ist bis zu diesem Sonntag in Hannover auf dem alten Expo-Gelände zu sehen - Bildreihen voller Feinheiten und innerer Ruhe. Einig ist den Porträtierten wie auch den Fotografen vor allem eines: Hingabe, auch Fürsorglichkeit. Sechzig junge Fotografen durften hier - ausgewählt aus 1300 Bewerbern aus 73 Ländern - Bildergeschichten zeigen, die Maßstab sind für den Stand des Fotojournalismus. Immerhin zehn der sechzig Erwählten haben schon den World Press Photo Award gewonnen, den Oscar der Fotografiebranche, und andere viele vergleichbare Auszeichnungen.

          Zum vierten Mal, alle zwei Jahre, zeigen die Hochschule Hannover und ein neugegründeter Trägerverein eine Fotoschau der Superlative. Mit diesem Festival könnten sich in Europa allenfalls noch jene in Arles und Perpignan messen. Die Hochschule Hannover hat sich binnen weniger Jahre unter Professor Rolf Nobel zur wichtigsten Ausbildungsstätte von Fotojournalisten in Europa gemausert. Auch die jüngeren Fotografen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung kommen durchgehend aus der Nobel-Schule. Neu war diesmal neben der veränderten Bildersprache zweierlei - der Trägerverein, der Lumix eine größere Beständigkeit sichern soll, und die Zuwendung von Stadt und Hochschule, die in früheren Jahren dieses Juwel nicht pflegten.

          Acht der sechzig ausgewählten besten Nachwuchsfotografen aus aller Welt hatten an dieser Hochschule studiert. Und sechs von ihnen waren oder sind jeweils für ein halbes Jahr zur Hospitanz bei der F.A.Z.: Fabian Fiechter, Jonas Wresch, Franz Bischof, Henning Bode, Fara Phoebe Zetzsche und Patrick Slesiona. Zwei von ihnen gehörten schließlich zu den Preisträgern des Festivals: Den mit fünftausend Euro dotierten Lammerhuber Photography Award bekam Fara Phoebe Zetzsche, die als Volontärin in der Bildredaktion der Frankfurter Allgemeinen arbeitet, für ihre Reportage „Stray Kids“ über die Straßenkinder in Berlin. Patrick Slesiona (22), gegenwärtig Hospitant in der Bildredaktion der F.A.Z., teilt sich den Lumix Multimedia Award mit dem Amerikaner Christopher Capozziello (34). Slesiona wurde für seine Produktion „Zwei Seiten – Leben mit der unverzeihlichen Tat“ ausgezeichnet, Capozziello (34)  mit seiner Multimedia-Reportage „A State of Mind“. Den Hauptpreis, den mit 10.000 Euro dotierten Freelens Award, erhielt die 26 Jahre alte finnische Fotografin Meeri Koutaniemi mit ihrer Reportage „Taken“ über die Beschneidung der jungen Frauen in Kenia.

          Der neue Oberbürgermeister wie auch der neue Hochschulpräsident hoben die „Weltklasse“ hervor, die jeder Betrachter - unter ihnen große Foto-Namen - bestätigt sehen konnte. Etwa bei den Aufnahmen des Spaniers Jordi Pizarro. Er spürt als Langzeitvorhaben in zehn Ländern auf vier Kontinenten religiösen Gemeinschaften nach: Wie wird Glaube gefestigt, wie kann religiöse Inbrunst auch Menschen oder Länder zerstören? Ebenso intensiv in Motiven und Bildsprache sind Aufnahmen des Amerikaners Mustafah Abdulaziz. Er stellte auf Reisen in - bisher - Sierra Leone, Äthiopien, Somalia und Pakistan Wasser in den Mittelpunkt seiner Farbaufnahmen. Wie Mütter zwei Stunden lang in die Berge gehen oder tief graben, um ihren Kindern einen Kanister halbwegs sauberen Wassers zu bringen. Malariamücken, Müll, Cholera erschweren die Suche nach Überleben ohne allzu viele Krankheiten.

          Trostlosigkeit, Stolz, Energie

          Im Vergleich zu früheren Jahren fällt auf, wie rasch der Wandel in der jungen Fotografie ist: äußerlich eine Rückkehr zu Mittelformaten, ohne gleich auf die Vorteile digitalen Fotografierens zu verzichten; und der Hang zu Porträts. Es geht um belgische Häftlinge, iranische Brandopfer, russische Traditionalisten, eine Balletttänzerin, die nach zwanzig Jahren auf der Bühne nicht mehr tanzen kann. Eindrücklich sind Fotos der Überlebenden, die dem rechtsextremen Attentäter auf der norwegischen Insel Utøya entkamen, aber gezeichnet blieben, oder die junger Bandenmitglieder einer Pariser Vorstadt. Kriegsfotos gibt es in Hannover praktisch nicht - und soweit es um Konflikte ging, von Nordirland über die Ukraine bis Syrien, konzentrieren sich die Fotografen auf die Auswirkungen auf die Opfer, die von ihr gezeichnet sind.

          Stattdessen gab es gleich zwei Bilderserien über Schönheitswettbewerbe junger Mädchen und die damit einhergehenden Verformungen des Körpers und der Seele. Oder die Freude bei einer polnischen Hochzeit. Viele der Serien zeichnet aus, was herausragende Fotografen haben müssen: Einfühlungsgabe, Gespür und Vertrauen. Im entscheidenden Moment müssen die Abgebildeten vergessen, dass die Kamera dabei ist - etwa bei einer Geschichte, in der ein Mann seiner Freundin körperliche Gewalt antut und ihre Kinder sich schützend dazwischen stellen. Trostlosigkeit, Stolz, Energie: Viele Bildergeschichten, nicht wenige in schwarz-weiß, vermögen diese Gefühle einzufangen und die Betrachter in das Bild hineinzusaugen.

          Lumix zeigt: die vielbeschworene Krise des Fotojournalismus ist allenfalls eine Krise herkömmlicher Veröffentlichungsformen und -medien. Die Gelegenheiten zur Publikation bei Glanzdruckmagazinen und vielen Zeitungen brechen weg, die Entlohnung ist oft nahezu lächerlich. Bei der Qualität und der Kraft, der Vielfalt und der Phantasie, neue Formen der Veröffentlichungen und der Finanzierungen zu finden, gibt es dagegen genügend Grund zur Zuversicht.

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