10.05.2010 · Freundklischee statt Feindklischee: Die Fotoausstellung „Kunduz, 4. September 2009“ in Potsdam widmet sich den Opfern des deutschen Militäreinsatzes und ihren Angehörigen. Auch sie lässt viele Fragen offen.
Von Andreas KilbDie Galerie Kunstraum in Potsdam liegt fernab von den Stätten des Preußenkults. Wer sie besucht, braucht einen guten Grund, die touristischen Hauptwege zu verlassen. Die Ausstellung „Kunduz, 4. September 2009“ liefert ihn. Sie dokumentiert ein ehrgeiziges Fotoprojekt und spitzt es zugleich polemisch zu. Es geht um die Opfer und Hinterbliebenen des Bombenangriffs auf zwei entführte Tanklaster, den der deutsche Oberst Klein an jenem frühen Septembermorgen des vergangenen Jahres bei einer amerikanischen Luftleitzentrale in Nordafghanistan anforderte. Und es geht, natürlich, um den Einsatz selbst - um seine Darstellung im Spiegel einer visuellen und medialen Geschichtsschreibung, welche die traditionelle schriftliche Historiographie seit ein paar Jahren mehr und mehr verdrängt.
Der im Auftrag des „stern“ arbeitende Fotograf Marcel Mettelsiefen und der in Afghanistan lebende Journalist Christoph Reuter haben sich gefragt, wie viele Menschen bei dem Bombardement der Lastwagen tatsächlich ums Leben gekommen sind. Der offizielle Untersuchungsbericht der Internationalen Schutztruppe Isaf spricht von siebzehn bis 142 Toten; Reuter und Mettelsiefen legen sich nach ausgiebigen Recherchen auf eine Zahl von neunzig Opfern fest. Deren Passfotos, Krankenhaus- und Familienbilder kombinierte der „stern“-Fotograf mit eigens angefertigten Porträtaufnahmen der Hinterbliebenen: Brüder, Väter, Großväter, Söhne und Neffen.
Ein Talibankämpfer, möchte man meinen, blickt anders in die Kamera
In den drei Sälen der Potsdamer Galerie sind diese Fotografien teils zu Bilderwänden geschichtet, teils als vergrößerte Einzelporträts raumfüllend arrangiert. Auch hier herrscht, wie in anderen Fotoausstellungen, das Prinzip der visuellen Attraktivität: Die durch Einzelhängung Hervorgehobenen scheinen ausdrucksvoller zu trauern als ihre Landsleute, ihre Kleidung, vom farbigen Kaftan bis zum „Diesel“-Logo auf der Mütze eines Jungen, spricht den westlichen Betrachter stärker an.
Informationen über die Toten und ihre Angehörigen aber gibt es nur auf den vier Fotowänden. Sie sind spärlich genug: Rahmatullah, der erst im Krankenhaus seinen Verletzungen erlag, wurde von einem Freund zu den Tanklastern mitgenommen, Abdul Qayum lief aus der Moschee direkt zu der Furt im Fluss, Abdul Rahim und Samiullah zogen mit einem Ölfass los, um Sprit aus den feststeckenden Lastwagen abzuzapfen.
Viele der Toten wurden nicht gefunden, von anderen blieben nur Körperteile oder Fleischfetzen übrig. Die Überlebenden hätten allen Grund zur Verzweiflung, zum Zorn, vielleicht zum Hass. Aber nichts dergleichen liest man in den Gesichtern. Manche wirken wie im Schock erstarrt, andere strahlen stille Resignation aus, grimmigen Stolz oder hilflosen Schmerz. Ein Talibankämpfer, möchte man meinen, blickt anders in die Kamera.
Warum fehlt der von den Taliban erschossene Fahrer?
Ebendies ist der Pferdefuß dieser Ausstellung: Sie ersetzt ein Feindklischee durch ein Freundklischee. Die Taliban, liest man in Christoph Reuters Katalogaufsatz, haben in der Provinz Chardara, aus der sämtliche Opfer des Bombardements stammten, einen starken Rückhalt in der Bevölkerung; auf Mettelsiefens Fotos und in den Begleittexten haben sie ihn nicht. Hat niemand unter den Dorfleuten gewusst, wer die Tanklaster entführt hatte? Und warum kommen die Toten alle aus denselben fünf Orten, während andere, ebenso nah an der Furt im Fluss gelegene Dörfer keine Opfer zu verzeichnen haben? Bei der Entführung der Tanklaster erschossen die Taliban einen der beiden Fahrer; warum fehlt sein Bild in der Ausstellung? Zudem zeigen die Aufnahmen ausschließlich Hinterbliebene männlichen Geschlechts. Hatten die Toten keine Schwestern, Mütter und Großmütter?
So lässt die Ausstellung viele Fragen offen, ohne deren Beantwortung auch die visuellen Dokumente kein vollständiges Bild ergeben. Im Begleitband, der allemal zu empfehlen ist, bemüht sich Christoph Reuter um eine abwägende, historisch informierte Deutung der Ereignisse in Kundus. Die Fotos aber sprechen eine andere Sprache. Sie laden zur Identifikation mit den Trauernden und ihren toten Angehörigen ein. Ihr Pathos macht es dem Betrachter zu einfach. Wie vielschichtig der Stoff ist, aus dem diese Katastrophe gewoben wurde, zeigt einer der wenigen ausführlicheren Texte, die Marcel Mettelsiefen seinen Aufnahmen beigefügt hat. Darin klagt ein Vater den Freund seines toten Sohnes an, dessen Leben für ein paar Tropfen Diesel geopfert zu haben: „Du hast unser Haus zerstört!“ Auch das ist eine wahrhaftige Ansicht der Ereignisse. In der Potsdamer Ausstellung kommt sie zu kurz.
Noch kein Mahnmal
Norbert Czech (nczech)
- 10.05.2010, 18:10 Uhr
Wie sieht denn ein Taliban aus?
fritz Teich (fazfazfaz123)
- 10.05.2010, 21:15 Uhr
Nur mal so
Torsten Klier (TorstenKlier)
- 10.05.2010, 22:08 Uhr