Sie waren zwanzig Jahre lang bei Springer, jetzt sind Sie zwei Monate bei „Focus“. Wieso sind Sie gewechselt?
Zwanzig Jahre bei „Bild“, das war eine spannende Zeit, die letzten acht Jahre als Blattmacher und Stellvertreter des Chefredakteurs Kai Diekmann waren es erst recht. Nach einer solch langen Zeit muss man sich aber auch fragen: Wie lange willst du das noch machen? Ich wollte mich neu herausfordern. Da kam das Angebot aus München. Ich habe mir die Entscheidung nicht leichtgemacht. Am Ende habe ich mir gesagt: Es ist ein absolut spannendes Projekt, den „Focus“ weiterzuentwickeln. Mich fasziniert das Themenspektrum. Und man kann beim „Focus“ als Chefredakteur seine politische Seele ausleben. Ich habe viele Gespräche geführt und wäre nicht gewechselt, wenn ich nicht das Gefühl gehabt hätte, dass die Leitung des Unternehmens und der Verleger mich für geeignet hielten.
Welche Richtung werden Sie dem „Focus“ geben? In Ihre erste Ausgabe ist viel hineininterpretiert worden. Sie hatten einen Doppeltitel: den angeschlagenen Peer Steinbrück und einen Einschlag mit dem Thema „Selbstmotivation“ - Ratgeber und Service hier, Politik da: die alte Uli-Baur-Schule gegen den neuen Quoos-Stil?
Ich habe auch gelesen, was in diese Ausgabe hineingeheimnist wurde. Im Nachhinein muss ich sagen: Das belustigt mich sehr. Mein Vorgänger Uli Baur hatte sehr kameradschaftlich dafür gesorgt, dass ich nach dem Amtswechsel ein Thema vorfinde, schließlich hatte ich nur drei Tage Zeit, mein erstes Heft fertigzustellen. Wir hatten über das Servicethema gesprochen, ich fand aber schon in der ersten Woche eine neue Aktualität vor: der vergeigte Start der Kandidatur von Peer Steinbrück. Das wollte ich auf dem Titel haben. Das Service-Thema erschien mir aber immer noch spannend genug, um es auf den Umbinder zu heben. Eine rein journalistische Entscheidung.
Politiktitel verkaufen sich für Wochenmagazine allerdings nicht gut. Ich habe den Eindruck, dass bei Ihnen die Politik gleichwohl klar im Vordergrund steht.
Ich sehe bei uns kein Übergewicht der Politik auf der Titelseite. Ich werde aber versuchen, die Politik, wenn sie richtig wichtig ist, aufs Cover zu heben. Die Frage ist: Wann ist die Politik auch für den Leser so relevant, dass sie auf die Seite eins muss? Das ist dann der Fall, wenn sie mein Leben gravierend berührt oder außergewöhnliche Dramen erzählt.
Für Sie als Tageszeitungsmacher muss die Arbeit an einem Wochenmagazin doch wie Zeitlupe erscheinen.
Meine Empathie für Geschwindigkeit habe ich schon nach zwei Wochen ausgelebt, bei der Niedersachsenwahl. Ich habe achtzig Kollegen das Wochenende verdorben, indem ich sie gebeten habe, in die Redaktion zu kommen. Wir haben am Sonntagabend ein Wahlspecial erarbeitet, 28 Seiten, und es in einer Teilauflage nachgeschickt. Um 23.44 Uhr kam das Ergebnis des Landeswahlleiters, um zehn Minuten vor zwei sind wir fertig gewesen. Wir hatten das Wahlspecial auch auf dem iPad. Ich habe bei der Gelegenheit festgestellt: Diese Magazinredaktion ist hellwach und kann auch den Tageszeitungsspurt.
Sie nehmen also in der Redaktion keine großen Änderungen vor?
Warten Sie mal ab! Änderungen gehören zum Leben einer kreativen Redaktion. Aber das Ändern darf kein Selbstzweck sein. Wenn ich mir ansehe, wie andere an ihren Organigrammen herumschrauben und mit Ressortzuständigkeiten jonglieren, wird mir schwindlig. Ich will den Teamgedanken implementieren und die Ressorts zur Zusammenarbeit bringen. Wichtig dabei ist: Bei komplexen Recherchen, an denen viele beteiligt sind, muss einer als Verantwortlicher den Hut aufhaben und koordinieren. Es geht nicht um „mein Beritt, dein Beritt“ in den Ressorts. Der Beritt ist für uns alle da - und nur Redaktionen, die alle Kraft in Recherche stecken und nicht in interne Konkurrenzkämpfe, werden am Ende die Nase vorn haben.
Es gab beim „Focus“ Slogans, die das Wesen des Blattes vermitteln sollten: „Fakten, Fakten, Fakten“ bei Helmut Markwort. Was wäre das bei Ihnen?
Ich bin kein Freund von Marketingsprüchen. Ich fand den Claim „Fakten, Fakten, Fakten“ gut, weil er den Menschen in Erinnerung geblieben ist und wohl niemand ernstlich etwas gegen Fakten einzuwenden hat. Gut ist auch „Das Entscheidende im Focus“. Wenn Sie mich schon zu einem Motto zwingen wollen: „Spannend, spannend, spannend“. Oder: „Menschen, Menschen, Menschen“. Die besten Geschichten werden entlang von Menschen erzählt - schließlich interessieren sich Menschen für Menschen.
Wie wichtig ist es, selbst Nachrichten zu machen?
Sehr wichtig. Ein Nachrichtenmagazin kann nicht überleben, wenn es nur erklären will. Sie brauchen eigene Zugänge, sie brauchen eigene Geschichten, sie brauchen exklusive Hintergründe. Aber nur Nachrichten sind auch zu wenig. Sie müssen den Lesern in einer immer komplexeren Welt den Weg weisen. Auch mit gut recherchierten Nutzwert-Geschichten, die eine Stärke des „Focus“ sind. Das funktioniert dann besonders gut, wenn der Leser einer starken Marke vertrauen kann.
Zu wem steht „Focus“ heute in direkter Konkurrenz?
Ich empfinde alle als Konkurrenten, die eine Geschichte auf dem Titel haben, die ich auch gerne hätte.
Im Internet lesen wir täglich, der auf Papier gedruckte Journalismus sei bald am Ende...
Ich lese diese Abgesänge auch. Aber ehrlich gesagt: Sie öden mich an. Es gibt Millionen von Menschen, denen etwas fehlte, würde man sie nur mit Online und Fernsehen versorgen. Um die Aufmerksamkeit dieser Leute kämpfe ich als Chefredakteur, kämpft der „Focus“, kämpft das Medienunternehmen Burda. Und das mit Erfolg. Die Titel von Burda erreichen rund fünfzig Millionen Leser - Leser, die bezahlen. Das ist für mich ein täglicher Ansporn. Und bei diesem Kampf um Aufmerksamkeit muss man genau auf die Lesegewohnheiten achten - und die verschieben sich. Daher ist der „Focus“ schon am Samstagabend digital verfügbar und am Sonntagmorgen wird die Tablet-App aktualisiert. Wenn sie so wollen: Sonntag ist schon „Focus-Tag“.
Der Journalismus verliert nicht an Bedeutung, durch das Internet aber an seiner wirtschaftlichen Basis, nicht zuletzt durch Konzerne, die selbst keine Inhalte erstellen, aber von diesen profitieren. Die deutschen Verlage fordern ein Leistungsschutzrecht, vor allem Google macht dagegen Front. Wie ist Ihre Haltung in dieser Debatte?
Als - wenn Sie so wollen - Print-Dinosaurier habe ich eine klare Haltung: Google bereichert sich an unseren Inhalten, und das ist eine Erzsauerei. Wir brauchen ein Leistungsschutzrecht. Dass sich die französischen Verlage mit sechzig Millionen Euro, die Google in einen Digitalfonds zahlt, abspeisen lassen, halte ich für einen schlechten Witz. Das kann für uns kein Vorbild sein.
Wir hatten gerade eine etwas verquere Sexismus-Debatte. Glauben Sie, dass das generell Auswirkungen auf den Umgang zwischen Politikern und Journalisten hat?
Ich glaube schon. Männliche Politiker werden künftig sehr viel vorsichtiger gegenüber jungen Journalistinnen sein.
Führen wir richtige Debatten? Oder sind wir in einem Daueraufregungszustand?
Zeitungen brauchen Schlagzeilen, Talkshows brauchen Themen. Aber es wird für Journalisten immer schwerer, eigene agendataugliche Themen zu setzen. Wir begleiten Themen, lenken Diskussionen. Sie gänzlich zu initiieren, das wird immer schwieriger. Sich immer an die Spitze des Wolfsrudels zu setzen ist allerdings kein Ausweis für guten Journalismus. Da muss man auch gelegentlich die eigene Aufregung herunterfahren, nicht dem Leser nach dem Mund schreiben und sich auch einmal mutig dem Mainstream entgegenstellen.
Das scheint im „Focus“ dem Herausgeber Helmut Markwort in seinem am Ende des Hefts erscheinenden „Tagebuch“ vorbehalten zu sein.
Nein, das ist nicht Helmut Markwort vorbehalten. Aber ich freue mich sehr darüber, dass er in seinem Tagebuch so meinungsstark ist. Auch ich schätze die klare Meinung und erlaube mir, sie in meinem Editorial zu formulieren. Aber es muss nicht in jedem Absatz eine steile, skurrile These sein. Und was den Mainstream angeht: Schauen Sie doch nur einmal auf unseren Titel „Wir wollen keine Frauen-Quote!“ Da haben wir mal wirklich gegen den Strich gebürstet und festgestellt, dass ganz viele Frauen gegen eine solche Quote sind, aber es nicht wagen, es öffentlich auszusprechen.
Haben Sie eine Zielvorgabe, was die Auflage angeht?
Der Verlag hält mir keine Zahl vor die Nase. Ich habe den Eindruck, dass Inhaber und Geschäftsführer mindestens genauso auf die Qualität des Heftes achten. Der Verlag hat einen langen Atem und macht den Erfolg von Veränderungen bei „Focus“ nicht ausschließlich von Montagszahlen abhängig.
Welche Rolle spielen Ihre beiden Herausgeber Uli Baur und Helmut Markwort? Sitzen die Ihnen im Nacken? Bei Ihrem Vorgänger, der nicht lang blieb, konnte man das denken.
Uli Baur hat mich schon früh sehr fair eingebunden und ein Gefühl für die Redaktion gegeben. Ich vergebe mir überhaupt nichts, wenn ich ihn mal um Rat frage. Er mischt sich, genau so wie Helmut Markwort, nicht in mein Tagesgeschäft ein und steht mir zur Seite, wenn ich ihn brauche. Und wenn ich nicht vom Erfahrungsschatz von Helmut Markwort profitieren wollte, wäre ich ziemlich dämlich. Er hat das Heft erfunden und Mediengeschichte geschrieben.
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