http://www.faz.net/-gqz-8ys2u
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 14.06.2017, 18:18 Uhr

ARD-Film „Atempause“ Was tun, wenn es nichts mehr zu tun gibt?

Der ARD-Film „Atempause“ zeigt das Schicksal zweier Familien, deren Kinder sich zwischen Leben und Tod befinden. Doch das Drehbuch macht es sich zu leicht.

von Heike Hupertz
© MDR/Volker Roloff Frank Baumann (Carlo Ljubek) trägt seinen verletzten Sohn vom Fußballplatz.

Zwei Betten in einem Raum, eins links, eins rechts, auf einer Kinderintensivstation. Rechts liegt Hannes (Mikke Rasch), verkabelt und künstlich beatmet. Es war nur ein kurzer Moment der Ablenkung im Fußballtor: ein Schuss gegen den Kopf, Ohnmacht und nun Koma. Oberarzt Heller (Ronald Kukulies) spricht von einem geplatzten Aneurysma, Kollege Berg (Matthias Brenner) geht gleich zum Thema Organspende über. Was die Sache für die Eltern noch entsetzlicher macht: Hannes wirkt rosig und ruhig. Doch nur die Maschinen erhalten die Vitalfunktionen, das Gehirn funktioniert nicht mehr. Im Bett neben Hannes liegt Yusuf (Ilyes Moutaoukkil). In seinem Fall gibt es Grund zur Freude. Eben hat er eine neue Leber bekommen.

Unser Angebot für Erstwähler
Unser Angebot für Erstwähler

Lesen Sie 6 Monate die digitalen Ausgaben von F.A.Z. PLUS und F.A.Z. Woche für nur 5 Euro im Monat

Zum Angebot

So liegen sie nebeneinander: ein klinisch totes Kind und ein genesendes. Der Zuschauer lernt nun die Mütter kennen. Esther Baumann (Katharina Marie Schubert) lebt getrennt und hat ständig ihren Chef an der Strippe. Wie immer hektisch aus dem Büro gekommen, war es ihre Ankunft, die Hannes ablenkte. Esther ist eine Macherin, beginnt sofort zu organisieren und sich zu informieren, gönnt sich keinen Moment der Realisierung. Hatice Eroglu (Ivan Anderson) dagegen strahlt Wärme und Ruhe aus. Mitfühlend ergibt sie sich in ihr Schicksal, als Yusuf innere Blutungen bekommt und zurück in den OP muss. Zwei kulturell und (a)religiös geprägte Wege, mit Schicksalsschlägen umzugehen. Zwei Mal Familie und zwei Mal Glauben.

Alle Gefühle werden fix und fertig präsentiert

„Atempause“ hätte mit mehr Nüchternheit ein berührender Film werden können. Sterbende Kinder stellen den pragmatischen Glauben an den Sinn der Zukunft auf eine harte Probe. Schnell ist man bei der theologischen Grundfrage: Wie kann Gott, wie kann das Schicksal das zulassen? Gesendet wird der Film als Beitrag der ARD-Themenwoche „Woran glaubst Du?“. Man hat sich offenbar vorgenommen, den entsprechenden Horizont zu öffnen. Aber so einfach, wie es sich das Drehbuch von Christian Schnalke, Sven Halfar und Joyce Jacobs hier macht, geht es einfach nicht. Die Figuren in „Atempause“ sind wenig komplexe Charakter- und Funktionsträger, manche gar reine Demonstrationsobjekte. Die gewollte, emotionale Überdeutlichkeit lässt weder Raum noch Luft für einen einzigen eigenen Gedanken beim Zuschauer. Alle Gefühle, seien es Trauer, Enttäuschung oder Wut, werden stets fix und fertig präsentiert. Zwischentöne gibt es nicht. Als alle, auch die einfühlsame Krankenschwester Lisa (Luise Heyer), nach weiteren Tests akzeptieren müssen, dass Hannes hirntot ist, lässt sie am Fenster seine Seele hinaus und verabschiedet sie mit einer Träne im Auge.

Mehr zum Thema

Das Problem des Films aber liegt schon in der Prämisse, im Klinikzimmer des hirntoten Jungen eine zweite Familie zu plazieren (Kamera Tomas Erhart). Bei Hannes beginnen Esther und ihr getrennt lebender Mann Frank (Carlo Ljubek) sofort, vor dem Kind das Scheitern ihrer Beziehung aufzuarbeiten – Streit statt Solidarität. Die ältere Tochter Tina (Sarah Mahita) ist das Klischee einer Aufsässigen.

Was spendet Halt?

Es ist das Kontrastprogramm zum liebevollen Respekt der Kinder auf der anderen Seite des Raums. Denn als nahezu idyllisches Gegenbild muss die einander zugewandte Großfamilie bei Yusuf mit herzhaftem Appetit Köfte und gerollte Weinblätter verspeisen, während Yusufs Vater Bülent (Özgür Karadeniz) schnell noch einen herzigen Hundewelpen einschmuggelt. Auf Hannes’ Bett liegt bloß ein plattes Hundestofftier. Wem das noch nicht genügt: Vor dem Schmerz aufs Krankenhausdach geflüchtet, beneidet die pubertätsgeschüttelte Tina den gleichaltrigen Samet (Aram Arami) um seinen Halt in der Religion und der Familie. Vater Frank versucht derweil, im „Raum der Stille“ das Vaterunser zu beten, bekommt aber den Text nicht mehr zusammen und schmeißt frustriert mit Stühlen.

© ARD Fernsehtrailer: „Atempause“

Regisseurin Aelrun Goette hat vielfach schon von Kindern und ihren Eltern erzählt und wurde für ihre Filme mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Der kühlere, dokumentarische Blick stand am Anfang ihrer Arbeiten, etwa in „Die Kinder sind tot“ (Doku) oder „Unter dem Eis“ (Spielfilm). Schon im Spielfilm „Keine Angst“ über eine Vierzehnjährige, die in einem sozialen Brennpunkt die Rolle der Ersatzmutter für ihre Geschwister übernimmt, gab sie den Beobachtungsstil zugunsten stärkerer Emotionalisierung auf. Emotionale Achterbahnfahrten sind nun ihre Spezialität. Eine künstlerische Entscheidung. In „Atempause“ aber funktioniert sie nicht.

Glosse

Inkasso furioso

Von Oliver Jungen

Einnahmen in Höhe von acht Milliarden Euro reichen den Öffentlich-Rechtlichen nicht. Noch jeder säumige Zahlungspflichtige soll gestellt werden. Als Geldeintreiber will man aber nicht dastehen. Mehr 2 4

Zur Homepage