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Filmkritik : Schwarzer Jäger, weißes Herz

Die Braut traut sich, aber dem Falschen: Mélanie Thierry als Heiratskandidatin und Gaspard Ulliel als Henri de Guise Bild: Studiocanal

Bertrand Tavernier bringt in seiner „Prinzessin von Montpensier“ den Kostümfilm zum Leuchten. Dafür braucht er keine großen Ereignisse, sondern Gefühl.

          Einmal hat die Prinzessin von Montpensier eine Audienz bei Katharina de’ Medici. Die Königin von Frankreich, eine Wolke aus dunklem Brokat, sitzt zwischen ihren Pagen auf einem Thron und schwadroniert mit italienischem Akzent über den Einfluss der Sterne auf den Charakter. Im Nebenraum hört man ihren Sohn, den König, husten. „Bringt den Hustensaft!“ Dann ist die Audienz vorbei. Röcke rauschen, Schuhe klappern über den Boden, der Staat hat Wichtigeres zu tun.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die große Geschichte, der Tanz der Nationen, spielt eine Nebenrolle in Bertrand Taverniers „Prinzessin von Montpensier“. Am Anfang des Films sieht man ein mit Leichen bedecktes Schlachtfeld, später gibt es ein Gefecht an einem kleinen Fluss, aber wer hier gegen wen kämpft und warum, bleibt ungeklärt. Auch religiöse Fragen treten nur am Rande auf. Die Realpräsenz, heißt es einmal, sei die Verwandlung von Brot und Wein in Christi Fleisch und Blut beim Abendmahl, und daran müsse man eben glauben, basta. Taverniers Film führt uns mitten in die Hugenottenkriege, in die Jahre vor und nach der Bartholomäusnacht von 1572, aber der Anlass all der Intrigen und Gemetzel ist dem Erzähler kaum der Rede wert. Es geht um Kreuz, Kelch und Hostie, aber es könnte auch um Strumpfbänder und Bettlaken gehen. Das Ergebnis, Unglück und Tod, wäre dasselbe.

          Die verworrenen Wege der Liebe

          Nur eine Figur trifft eine Gewissensentscheidung in der Geschichte, und mit ihr kommt alles in Gang. Als der Graf von Chabannes (Lambert Wilson) erkennt, dass er im Handgemenge ein Kind und seine schwangere Mutter getötet hat, sinkt er in die Knie, säubert seinen Degen und entsagt dem Krieg. Mit dieser Barbarei sei für ihn Schluss, erklärt der alte Kämpe, aber bei seinen Hugenottenbrüdern stößt sein Feingefühl auf taube Ohren, sie verbannen ihn von seinem Besitz. Auf der Landstraße fällt er unter die Räuber und wird knapp von seinem einstigen Schüler und jetzigen Glaubensfeind Philippe von Montpensier (Grégoire Leprince-Ringuet) gerettet. Chabannes schließt sich dem katholischen Prinzen an, der kurz vor seiner Heirat mit der reichen Marie de Mézières (Mélanie Thierry) steht. Marie aber vergöttert Henri de Guise (Gaspard Ulliel), einen Kriegsprotz und Anführer der Katholiken am Hof. Die Heirat wird dennoch arrangiert.

          Das klingt vertrackt, aber im Grunde lässt sich die Geschichte, mit der die schriftstellernde Gräfin von La Fayette im Jahr 1662 das Genre der moralischen Erzählung begründete, auf eine schlichte Formel bringen: eine Frau zwischen drei Männern. Den einen liebt sie, den anderen heiratet sie, der dritte wird ihr Lehrer. Denn schon kurz nach der Hochzeit, die Tavernier als hochnotpeinliches Gelage mit öffentlicher Defloration und anschließender Inspektion des Lakens inszeniert, muss der Prinz von Montpensier wieder in den Kampf gegen die Hugenotten ziehen. Seine Braut sendet er zu ihrem Schutz auf ein abgelegenes Schloss, und zu ihrem Erzieher bestimmt er seinen Freund Chabannes.

          Sie zieht die Blicke und Begierden der Männer auf sich: Marie de Mézières in Bertrand Taverniers Film „Prinzessin von Montpensier“

          Er lehrt sie das Wissen seiner Zeit: Latein, Poesie, Astrologie. Nachts stehen sie im Schlossgarten und betrachten den Sternenhimmel. Was die Sterne uns lehrten, fragt Marie. Gehorsam, antwortet Chabannes, und Bescheidenheit. Es ist klar, dass er sie liebt und dass diese Liebe keine Chance hat. Dennoch gesteht er sie, und Marie weist ihn ab: „Ich habe eure Worte bereits vergessen. Wir reden nie mehr davon.“ Der Film aber hört nicht auf, davon zu reden, er betrachtet Marie durch den Blick von Chabannes. Was er sieht, ist die Tragödie eines Herzens, das in sich selbst keinen Halt hat und deshalb an der Welt zerbricht.

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