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Filmkritik : Schneller als der schnelle Dollar

  • -Aktualisiert am

Rennt um sein Leben: Jon Øigarden spielt den Reporter Peter Verås. Bild: ARD Degeto/NRK Drama/Glenn Melin

Im norwegischen Dreiteiler „Mammon“ kommt ein Journalist skrupellosen Finanzjongleuren auf die Spur. Die Macher zeigen ein Norwegen, das vom Profitdenken beherrscht wird.

          Die Zeiten, in denen Norwegen von einer kuscheligen Murmeltier-Blockhaus-Fraktion regiert wurde, sind vorbei. In Oslo sind Jackett und Designerhemd an die Stelle von Regenjacke und Strickpulli getreten, die Gesichter sind verhärtet, die Gespräche kühl. Aus Menschen sind Manager geworden, und als sei dies nicht Schrecken genug, wird die Hauptstadt, diese Modellbauwelt mit Königsschloss, Fjordfähren und Straßenbahn in die Nordmarka, östlich des Zentrums von Stahl und Glas dominiert. Wer hier im Zwielicht durch die „Barcode“-Architektur zwischen dem Bahnhof und der neuen Marmoroper lustwandelt, über Power-Spenden und nicht den Wohlfahrtsstaat plaudernd, dem wird Champagner und Popjazz serviert.

          „Niemand weiß, was bei diesem Abenteuer herauskommen wird und ob ihm die Bewohner des Landes politisch, psychisch und moralisch gewachsen sind“, schrieb Hans Magnus Enzensberger vor dreißig Jahren in den „Norwegischen Anachronismen“. Es beschäftigte ihn, ob sich das bodenständige, unprätentiöse Norwegen durch den Reichtum aus der Nordsee und die Erdölindustrie verwandeln würde. Damals hatte der „schnelle Dollar“ dem Land noch nicht den Kopf verdreht.

          In der vom Norwegischen Rundfunk NRK produzierten Miniserie „Mammon“ sehen wir nun, wie sich der „schnelle Dollar“ des ganzen Landes bemächtigt. Sie spielt in den Jahren 2008 und 2013, beschreibt Norwegen als Heimstatt der Berufssöhne und Finanzjongleure. Und sie betont, wie klein die elitären Kreise im Fünf-Millionen-Einwohner-Staat sind.

          Schnelle Bilder und Dialoge

          Die Recherchen des Journalisten Peter Verås (Jon Øigarden) bringen den eigenen Bruder zu Fall: Nach der nächtlichen Aussprache in der Garage schießt sich Daniel eine Kugel ins Hirn. Er hinterlässt eine Frau, mit der Peter schon einmal geknutscht hat, einen Sohn, der keine anderen Träume als den von der Karriere als Betriebswirt kennt, und die Frage, was der Skandal, dem Peter dank eines anonymen Whistleblowers auf der Spur war, mit der Familiengeschichte und der Bibel zu tun hat. In der Kirche des Vaters, eines schwermütigen Pfarrers, hängt ein dunkles Gemälde, das Abraham und Isaak zeigt.

          Mit nokturnen Luftaufnahmen, wuchtigen Orchesterklängen und schnell einem ins Politische ausgeweiteten Figurenkreis will „Mammon“ es sowohl mit dänischen Vorbildern wie „Kommissarin Lund“, der dänisch-schwedischen Serie „Die Brücke“ oder den Stieg-Larsson-Verfilmungen aufnehmen können. Atmosphärisch kann „Mammon“ das auch. Doch die Glaubwürdigkeit der Geschichte, in der Peter von einer depressiven Computerspezialistin (Lena Kristin Ellingsen) unterstützt wird wie einst Michael Blomkvist von Lisbeth Salander, wird durch die Mystery-Elemente, das Religiöse und Sektenhafte also, noch vor der ersten Szene getrübt. An der Ausleuchtung der einzelnen Handlungsstränge, am Interesse für die Biographien und das wandlungsfähige Innenleben der Protagonisten, hapert es ebenfalls.

          In die Mikrokosmen, zwischen denen sich die Story bewegt, lässt Drehbuchautor Gjermund Stenberg Eriksen den Zuschauer nicht wirklich abtauchen: Die Politik-Redaktion, die Peter kaltstellen wird, wie es sich für einsame Thrillerhelden gehört, bleibt uns fremd; sie muss mit gekürzten Budgets, hohlen Praktikanten, schwangeren Kolleginnen und der Boulevardisierung der Öffentlichkeit zurechtkommen. Die Ermittlungsbehörde „Ökokrim“, wo man lieber den schlichten als den komplexen, womöglich in Regierungskreise führenden Spuren folgt, taucht mal hier auf, mal da. Und auch das Leben im Pfarrhaus, dem Elternhaus von Peter und Daniel, das womöglich der Kern des ganzen Schlamassels ist, wird bloß skizziert. Dafür verlässt sich das Produktionsteam von „Mammon“ auf schnelle Bilder und Dialoge. Die Handlung springt wie ein Auto, bei dem man die Kupplung zu schnell kommen ließ.

          Dass sie trotzdem in Fahrt kommt, liegt an Jon Øigarden, der den zusehends verzweifelten, bald um sein Leben rennenden Investigativjournalisten Peter mimt, ohne zu vergessen, dass dieser Peter auch ein liebender Bruder, ein besorgter Onkel und Schwager ist. Wir werden ihn wiedersehen: Die Aufnahmen für die zweite, tiefer im politischen Milieu Norwegens verankerte Staffel von „Mammon“ haben gerade begonnen.

          Den Dreiteiler Mammon zeigt das Erste am 1., 2. und 4. Januar um jeweils 21.45 Uhr.

          Quelle: F.A.Z.

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