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Filmbiographie über Dick Cheney Nichts zu bedauern

 ·  In „The World According to Dick Cheney“ präsentiert sich der mächtigste Vizepräsident aller Zeiten als Unbelehrbarer. Die Biographie, die im amerikanischen Fernsehen lief, ist ein schockierendes Dokument.

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Nur kein Drumherumgedöns! Dick Cheney hatte nie Zeit für Nettigkeiten, seien sie rhetorischer oder weltpolitischer Art, und auch keine Lust darauf. Dementsprechend gefordert ist jetzt sein Filmbiograph. Also fackelt der nicht lang, um seine Erkundung mit ein paar kurzen Fragen zu beginnen. Cheneys Lieblingstugend ist? „Integrität.“ Was er bei Freunden am meisten schätzt? „Ehrlichkeit.“ Sein Lieblingsessen? „Spaghetti.“ Und dann dies: „Was betrachten Sie als Ihren Hauptfehler?“ George W. Bushs Vizepräsident kommt auch da nur kurz ins Stocken: „Mein Hauptfehler, ahmm. Nun, ich verschwende nicht viel Zeit, um über meine Fehler nachzudenken. Was wohl meine Antwort wäre.“

Allzu tief im historischen Schlamm wühlt Cutler nicht

Damit ist abzusehen, wie die nächsten zwei Stunden verlaufen. In „The World According to Dick Cheney“ begegnen wir nicht plötzlich einem Politiker, den die verheerenden Folgen seines Handelns in sein Gegenteil oder zumindest in eine von Zweifeln nicht ganz unberührte Person verwandelt haben. Cheney bleibt Cheney in R. J. Cutlers und Greg Fintons Filmbiographie, die beim Sundance Film Festival erstmals gezeigt wurde und gestern Abend im amerikanischen Kabelkanal Showtime zu sehen war. Kritiker des Vizepräsidenten hatten mehr erhofft, seine Fans, die es trotz allem auch noch gibt, mehr befürchtet. Denn Cutler ist der Mann, der unter anderem für „The War Room“ verantwortlich war, jener atemberaubenden, inzwischen fast legendären Reportage aus dem Hauptquartier des Präsidentschaftskandidaten Bill Clinton.

Bei Dick Cheney geht es viel behutsamer zu. Schon um dessen Werdegang nachzuzeichnen, scheut Cutler sich nicht, die Geduld des Zuschauers auf die Probe zu stellen. Wir lernen den jungen Mann als Leitungsmonteur im schönen Bundesstaat Wyoming kennen, erfahren kurz etwas von einem doppelt unrühmlichen Abstecher nach Yale und gewissen Alkoholproblemen, die er mit Hilfe seiner späteren Gattin löst. Lynne Cheney erweist sich dabei nicht weniger wirksam als später, in seltsam ähnlicher Lage, Laura Bush. Aber zu tief will Cutler wahrlich nicht im historischen Schlamm herumwühlen. Taktvoll übergeht er sogar die Manöver, mit denen Cheney sich dem Kriegsdienst in Vietnam entzieht, und auch im Umfeld der abgebrochenen Promotion im Fach Politikwissenschaft mag er nicht herumstochern.

Es folgt die Blitzkarriere in Washington, mit den bekannten Stationen in den Regierungen Nixon, Ford und George Herbert Walker Bush sowie als Kongressabgeordneter. Alles nichts, was über Wikipedia hinausginge. Aber Cutler hat ja, was Wikepedia nicht hat: Cheney selber. Das hätte ein Coup sein können. Wie der Präsident hat sich seit Ende seiner Amtszeit auch der Vizepräsident rar gemacht und tauchte allenfalls auf, um der nachfolgenden Regierung tüchtig am Zeug zu flicken. War er dazu nicht zu bewegen, übernahm in Vertretung seine Tochter Liz bei Fox News die Familiengeschäfte. Cutler erlaubt Cheney jetzt nicht nur, sich zu rechtfertigen, er bietet ihm jenseits der biographischen Skizze vielmehr die Gelegenheit, sich selbst zu porträtieren. Journalisten und Weggefährten, die zwischendurch zu Wort kommen, liefern die viel zu ausgewogene Begleitmusik.

Auch ein Selbstporträt kann enthüllen

Kein Wunder, dass Cutler schon vorgeworfen wird, er habe den Vize nicht energisch genug befragt und ihm viel zu viele Ausweichmöglichkeiten belassen. Inquisitorisch hat der kurzatmig zusammengeschnipselte Film tatsächlich nichts zu bieten. Aber auch ein Selbstporträt kann aufschlussreich sein, wenn nicht enthüllend. Was Cheney jetzt in dem Rahmen liefert, den Cutler ihm dienstfertig zur Verfügung stellt, bietet jedoch nur wenig Überraschungen. Ganz so, wie der ausgebuffte Taktiker es offenbar geplant hat. Er dürfte mit dem Ergebnis des Besuchs der Filmcrew hochzufrieden sein und einen angenehmen Fernsehabend im Kreise seiner Lieben und Getreuen verbracht haben. Trotzdem ist „The World According to Dick Cheney“ ein schockierendes Dokument. Es mag keine neuen Einsichten in militärische Strategien und politische Entscheidungen bereithalten, aber dafür übersteigt das Maß an Selbstgerechtigkeit und lakonischer Unbelehrbarkeit, die hier vorgeführt werden, auch die krassesten Erwartungen.

Cheneys kriegerischer, bis heute umstrittener Schwenk von Usama Bin Ladin auf Saddam Hussein? Seine falschen Hinweise auf Massenvernichtungswaffen in der Hand des Feindes? Seine längst widerlegten Prognosen triumphaler Siege? Seine Verteidigung der Folter? Nichts, aber auch gar nichts davon wird von ihm in Zweifel gezogen. „Ich gehe nicht herum und denke: Mensch, ich wünschte, wir hätten das getan oder besser das.“ Sein Fazit lautet: „Ich habe getan, was ich getan habe. Und das ist alles Teil des öffentlichen Registers, und ich fühle mich sehr gut dabei. Wenn ich es noch einmal zu tun hätte, würde ich’s in einer Minute wieder genauso tun.“ Das schließt die Zustimmung zum Waterboarding ein: „Würden Sie das Leben einer Anzahl von Leuten opfern, um Ihre Ehre zu bewahren?“

Vom Glauben an die eigene Unfehlbarkeit

Folglich opfert er seine Ehre, um die Sicherheit der Nation zu garantieren. Wer noch nach einer Erklärung für den Starrsinn und die geradezu zwanghafte Verbohrtheit der damaligen Regierung gesucht hätte, könnte sie im weiterhin unerschütterlichen Glauben des Vizepräsidenten an sich und seine Unfehlbarkeit finden. Dass er der mächtigste Vize aller Zeiten war, ein zweiter Mann, ohne den der erste verloren gewesen wäre, versucht er überhaupt nicht mehr zu leugnen. Seine Erinnerung an die Terrorangriffe auf Amerika und die Reaktionen darauf werden vom souveränen „Ich“ beherrscht: „Ich hatte einen Job zu erledigen“. „Ich gab die Anweisungen, dass...“ „Nachdem ich den Befehl gegeben hatte...“ Bush durfte noch Lokführer spielen, aber Cheney stellte die Weichen. Bisweilen, ohne den Lokführer davon zu unterrichten. Das Zerwürfnis war am Ende unvermeidlich. Der Präsident verbat sich jede Besuche und jede Telefonanrufe des Vizepräsidenten. Doch nicht nur im texanischen Ruhestand des dreiundvierzigsten Präsidenten wird der Film für Unruhe sorgen. Auch Condoleezza Rice, Bushs engste Vertraute und Cheneys gefährlichste Gegenspielerin im Kabinett, bekommt ihr Fett ab: „Condi war auf der falschen Seite bei all den Entscheidungen.“

Dick Cheney, zweiundsiebzig Jahre alt, schlanker als damals in seiner Washingtoner Machtfülle und mit einem neuen, jüngeren Herzen versehen, hat gelernt, sich jeder Kritik zu verschließen. Er ist sich sicher, dass er Recht hat, immer Recht hatte und haben wird. Der Film wird seinen Glauben nicht erschüttern.

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Jahrgang 1949, Feuilletonkorrespondent in New York.

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