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Fernsehfilm : Die vielen Gesichter des Missbrauchs

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Gute Miene zum perfiden Spiel: Schulleiter Pistorius (Ulrich Tukur, Mitte) präsentiert Politikern das vermeintliche Idyll Bild: WDR/Denkewitz

Der WDR hat einen Spielfilm über den Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule gedreht. Die Premiere auf dem Münchner Filmfest gerät zur beklemmenden Lektion.

          Viele Fragen bleiben. Vieles wissen wir heute mit jahrzehntelanger Verspätung über die Verbrechen an der Odenwaldschule, oder wenigstens meinen wir das. Denn seit 132 missbrauchte und lebenslang versehrte ehemalige Schüler den Mut gefunden haben, über das, was ihnen widerfahren ist, zu sprechen, kennen wir viele erschütternde Fakten.

          Die lange verborgenen Taten sind bekannt, und dennoch: Warum konnte der Keim des Missbrauchs derart wuchern? Wie war es möglich, dass Lehrer und Erzieher mit ihrer Pervertiertheit den ihnen zum Schutz befohlenen Kindern jahrzehntelang Schaden zufügen konnten? Auch der mit Mitteln des WDR produzierte Film „Die Auserwählten“, der am Donnerstag auf dem Filmfest München zum ersten Mal gezeigt wurde und am 1. Oktober zur besten Sendezeit im Ersten laufen wird, kann keine endgültigen Antworten geben. Kein Film, kein Text kann das. Darum geht es auch nicht.

          Der größte Trumpf des Films

          Schon während der Dreharbeiten in der Gebrüder-Grimm-haften Kulisse des Hambachtals im vergangenen Jahr hatte der Regisseur Christoph Röhl, der vor mehr als zwanzig Jahren selbst als Tutor an der Odenwaldschule gearbeitet hat, erklärt, sich dem Thema emotional nähern zu wollen. Dazu muss man wissen, dass Röhl sich 2011 schon einmal mit einem Dokumentarfilm desselben Themas angenommen hat, nachdem knapp ein Jahr zuvor die Taten von mindestens sechs Lehrern ans Licht gekommen waren. Sie hatten sich über einen Zeitraum von zwanzig Jahren an Kindern vergangen. In seiner für den Deutschen Filmpreis nominierten Dokumentation „Wir sind nicht die Einzigen“ hatte Röhl die Kamera nur auf die Betroffenen gerichtet. Er ließ sie reden und konfrontierte die Zuschauer auf diese Weise mit der Wahrheit.

          Das Thema ließ Röhl nicht los. Nach der Konzentration auf Sachlichkeit in der Dokumentation soll der mit Ulrich Tukur und Julia Jentsch besetzte Spielfilm nun einen Zugang „mit dem Herzen“ ermöglichen. Denn genau der fehle uns, sagt Röhl.

          Darum bekommen wir nun mit „Die Auserwählten“, fiktional auf den Punkt gebracht und dramaturgisch zugespitzt, eine - wenn auch nur vage, mehr wird nie möglich sein - Ahnung davon, welches Leid es verursacht, jenen ausgeliefert zu sein, die unter dem Deckmantel der reformierten Lehre ihre perversen Phantasien auslebten. Sämtliche Beteiligte, das wurde schon am Set deutlich und bestätigte sich nun bei der Premiere, haben alles dafür getan, das Thema einer möglichst großen Öffentlichkeit nahezubringen. „Wenn es einen Sinn dahinter gibt“, sagte die Drehbuchautorin Sylvia Leuker, dann, „dass jeder, der das sieht, es anders machen und nicht wegsehen würde“. Das Skript, das Sylvia Leuker gemeinsam mit ihrem Mann Benedikt Röskau („Contergan“) auf der Basis der Berichte von Opfern geschrieben hat, ist neben dem überragenden Hauptdarstellerduo der größte Trumpf des Films.

          Was es heißt, gegen die Obrigkeit aufzubegehren

          Weil all die Fragen nach dem Wie und Warum unabwendbar bleiben und auch die im Film vorgestellte junge Biologie-Lehrerin Petra Grust sie sich gestellt haben könnte, durchläuft die von Julia Jentsch verkörperte Pädagogin mit den Zuschauern im Rückblick das Geschehen an der Odenwaldschule. Es sind die sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Petra Grust wird von dem ebenso eloquenten wie charmanten Schulleiter an ihrem neuen Arbeitsplatz empfangen. Der wahre Schulleiter der Odenwaldschule hieß Gerold Becker, hier heißt der Direktor Simon Pistorius. Ulrich Tukur spielt einen Mann, der in seiner scheinbar harmlosen Fröhlichkeit für die Offenheit der Reformpädagogik zu stehen scheint: Freiheit des Geistes und der Körper.

          Doch dann beginnt Petra Grust sich zu wundern - und wir tun es mit ihr. Wir sehen zwei Paar Schuhe vor dem Duschraum stehen, ein kleines und ein großes. Wir hören die Gemeinplätze ihrer vom Zeitgeist beseelten, moralisch tiefenentspannten Kollegen, die die pädokriminellen Vergehen des mit harter Hand herrschenden Schulleiters abtun, als handele es sich beim täglichen „Morgenritual“ unter der Dusche nicht um sexuelle Übergriffe, sondern um die mit der immer wieder betonten „Erziehung auf Augenhöhe“ zu rechtfertigende Leistung eines Pädagogen zur Charakterstärkung. Und wie Petra Grust fühlen wir den Schmerz des emotional verwahrlosten Schülers Frank (Leon Seidel), eines der auserwählten Lieblingsknaben des Schulleiters. Petra Grust bahnt sich mit Zuwendung einen Weg in die Gefühlswelt des verstörten Jungen, doch sie endet selbst als Opfer. Sie bekommt zu spüren, was es heißt, in einem derart abgeriegelten System gegen die Obrigkeit aufzubegehren.

          Keine vorbildhafte Aufarbeitung

          „Die Auserwählten“ bleibt, man muss das so sagen, eine Primetime-Produktion: mit den Vorteilen des unmittelbaren Zugangs, aber auch mit den sich aus der raschen Auf- und Abarbeitung der Tatsachen ergebenden Mängeln - das notwendige Herzeigen des Wissens etwa um die vielen Mosaiksteinchen, ohne sie im feinen Licht zeigen zu können. Ein müßiger Gedanke, wie subtil man sich dem Thema hätte nähern können, wie ungleich intensiver einzelne Stränge hätten erzählt werden können: die Einflussnahme politischer Figuren oder die Unmöglichkeit des Entkommens der Opfer aus den Wohnräumen ihrer „Familien“, wie an der Odenwaldschule die Lehrer-Schüler-Wohngruppen genannt wurden.

          Es bleibt zu hoffen, dass der Film eine Art Eigenleben für die Präventionsarbeit entwickelt. Man kann gar nicht oft genug darauf hinweisen, wie erstaunlich es ist, dass „Die Auserwählten“ am Originalschauplatz in Südhessen gedreht werden durfte. Zum Start der Dreharbeiten wurde von der Schule, die tief in den roten Zahlen steckt, erklärt, sie müsse sich ihrer Geschichte stellen, wolle sie eine Zukunft haben. Am Ende des Films, wenn der Abspann beginnt, läuft ein Satz über den Bildschirm, der angesichts der soeben erzählten Geschichte schal klingt: „Die Odenwaldschule tritt ein für die Verarbeitung der Vergangenheit.“

          Die Aufarbeitung der Geschichte der Odenwaldschule läuft bekanntlich nicht vorbildhaft, im Gegenteil, es kommen immer neue Verschleierungstaktiken der Verantwortlichen ans Licht. Und wer weiß, was wir alles noch gar nicht wissen.

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