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Film-Synchronisation : Der Kampf um die Krümel

  • -Aktualisiert am

Arbeit in der Dunkelkammer: Die Synchronisationsbranche ist hart umkämpft Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Sparzwang, Preisverfall: In der deutschen Synchronbranche kracht es. Die Sprecher beschweren sich über Hungerlöhne, Studios streiten um Aufträge, mancher fürchtet um seine Existenz. Droht nun durch Streik das große Verstummen?

          Synchronisation war lange Zeit wie ein gelungener Kindergeburtstag: Filmverleihe und Sender spendierten einen großen Kuchen, Synchronstudios und Sprecher saßen zusammen und verstanden sich prächtig. Von Neid keine Spur, denn es war genug für jeden da. Sprecher und Studios übersetzten Filme für Kinobesucher und Fernsehpublikum. Jedem sollte der Filmgenuss in seiner Muttersprache vergönnt sein. Die Harmonie ist vorbei.

          „Es herrscht ein großer Leidensdruck in der Branche“, sagt Niko Macoulis. Der Münchner ist einer von etwa 450 hauptberuflichen Synchronschauspielern in Deutschland. Macoulis spricht in Filmen und Sendungen, hat die Hauptrolle in der Disney-Zeichentrickserie „Kuzcos Königsklasse“ auf Super RTL. Schon als Schüler verlieh er seine Stimme an Filmhelden und Zeichentrickfiguren. 1988 machte er den Nebenverdienst zum Beruf. „Seitdem sind die Gagen in etwa gleich geblieben“, sagt Macoulis. „Von Kaufkraftanpassung keine Rede.“

          200 Takes pro Arbeitstag

          Bei einem Engagement verdient er eine Grundgage von 75 Euro, plus 3,50 Euro pro Take. Ein Take, das ist ein Wort oder ein Satz, dauert einige Sekunden und ist die Maßeinheit der Synchronbranche. Macoulis hat damit eine relativ teure Stimme. Für Einsteiger sind die Gagen wesentlich niedriger. Trotzdem verdient Macoulis gerade genug, um über die Runden zu kommen. Nicht jeden Tag hat er einen Auftrag, und das Vorsprechen für eine neue Rolle kostet Zeit. „Im Moment versuche ich es noch mit Synchron. Ich weiß aber nicht, wie lange das noch geht“, sagt Macoulis.

          Stars wie Hella von Sinnen verleihen den deutschen Synchronfassungen zusätzlichen Reiz

          Christian Wunder hat dafür Verständnis. Der Geschäftsführer von R.C. Production in Berlin sitzt im Vorstand des Bundesverbandes Deutscher Synchronproduzenten (BVDSP), der seit 2006 rund zwanzig große Synchronstudios vertritt. „Die Sprecher sollen definitiv ihr Geld kriegen“, sagt Wunder. Um dann seine Position zu erklären, die sich mit der des Synchronschauspielers nicht wirklich verträgt. Er erinnert sich an die Anfangszeiten des Privatfernsehens in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts: „Da haben wir in drei Schichten synchronisiert.“ Doch spätestens seit der Kirch-Pleite 2002 sei der Boom vorbei. Den Sprechern gehe es noch gut, sagt Wunder, deren Gagen seien gleich geblieben oder leicht gestiegen, während die Synchronfirmen weniger Geld bekämen. Wunder spricht von einem „verdeckten Gehaltsanstieg“ der Sprecher. Früher seien nur 60 bis 80 Takes am Tag aufgenommen worden, heute 200.

          Im Würgegriff des Preisdumpings

          Die Synchronisation von Filmen hat in Deutschland Tradition und ist wohl nirgends so weit entwickelt wie hierzulande. Der BVDSP schätzt das Gesamtvolumen der Branche auf 90 bis 100 Millionen Euro pro Jahr. Es gibt wenige Marktführer, ein gutes Dutzend Firmen im Mittelfeld und eine Reihe Kleinbetriebe. Genauere Zahlen gibt es nicht, die Synchronproduktion ist eine verschwiegene Branche. Sicher ist nur so viel: Hinter den Kulissen brodelt es.

          Ein paar hundert Euro Unterschied entscheiden über einen Auftrag, die Studios werfen sich gegenseitig Preisdumping vor. Offen will keiner Namen nennen, keiner will sich in die Bücher schauen lassen. Es ist ein harter Wettbewerb, alle wissen, dass so mancher dabei auf der Strecke bleiben wird. Die Wirtschaftskrise verschärft die Situation. Der Kuchen wird immer kleiner, und längst werden nicht mehr alle satt. Der Kampf um die Krümel hat begonnen.

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