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„My Sweet Pepperland“ auf Arte : Für mehr als eine Handvoll Landschaft

Baran (Korkmaz Arslan) und Govend (Golshifteh Farahani) kommen sich näher. Beide verbindet ein starker Idealismus und der Drang, ihrem jungen Land zu helfen. Bild: Arte

Wildes Kurdistan: Der Film „My Sweet Pepperland“ wirft in Western-Manier den Blick auf ein Land, das um seinen Platz in der Welt kämpft. Es geht auch um den Kampf Frauen gegen Männer.

          Wie weit und schön und voller Liebe ist dieses kalte und oft karge Kurdistan. Und dann doch auch wieder: Männer mit Bärten, darunter ein Arzt, ein Richter und ein Mullah, die einen Menschen hängen wollen. Das Todesurteil erscheint ihnen geboten im Namen der Demokratie – wie sie voreinander immer wieder beteuern –, die im Niemandsland zwischen der Türkei, dem Irak und Iran nach dem Fall Saddam Husseins Früchte tragen soll. Die angegrauten Männer betrachten dies quasi als Grundsteinlegung des demokratischen Wiederaufbaus.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Das wirkt bitter, böse und ist doch ein Auftakt voll schwarzem Humor, mit dem der kurdische Regisseur Hinar Saleem seinen Film „My Sweet Pepperland“ inszeniert. Es ist ein bärbeißiger, existentialistischer Humor, den seine Landsleute dem Leben im stetigen Kampf um ihre Identität abtrotzen. Und wie er sich in einem von Saleem in einer Handreichung zum Film zitierten selbstironischen Sprichwort findet: „Gott erschuf zehn Kurden und dann noch einen, damit sie etwas zu lachen hatten.“

          Mutter wartet mit dem Hochzeitsplan

          Man hat sich also auf dem umfunktionierten Schulhof zusammengefunden, um zu richten. Ein Galgen steht dort nicht, also improvisiert die neue Elite. Sie lässt den Mann vom Basketballkorb baumeln. Dieser bricht, die Männer sind ratlos. Aber es muss eben der Strick sein. Als Zuschauer weiß man noch nicht so recht, ob man das eigentlich so komisch finden darf, wie es dargeboten wird.

          Baran (Korkmaz Arslan) hingegen, ein Held des kurdischen Unabhängigkeitskampfes, der dieser tödlichen Posse beiwohnt, findet das alles gar nicht komisch. Nicht dafür hat er sein halbes Leben lang gekämpft. Er will nach Hause. Dort allerdings wartet seiner Mutter, die ihren Sohn endlich verheiratet wissen will. Auch hier findet er nicht die Freiheit, die er sucht. Kurzerhand lässt er sich als Kommandant einer Zweipersonen-Polizeiwache nach Qamarian versetzen, ein Kaff im Norden, das man nur mit dem Pferd erreichen kann. Die einzige Brücke, die in die entlegene Bergregion führte ist gesprengt worden.

          Pferd und Reiter sind wohlauf

          In diesem letzten Winkel des wilden Kurdistan beginnt der Film als Western – der Galgen war schon ein Wink – mit all seinen Genre-Merkmalen. Da gibt es den Sheriff (Baran); eine mutige, aber doch schutzbedürftige Frau (Govend, gespielt von Golshifteh Farahani); den Gangsterboss (Aziz Aga, etwas blass Tarik Akreyi), der das Dorf in seiner Gewalt hält, und natürlich Pferde – die hier wie in kaum einem Western in ihrer ganzen beeindruckenden Unbändigkeit zur Geltung kommen. Die opulenten Landschaftsaufnahmen von Pascal Auffray – weite Geröllfelder, Gebirgstäler mit winzigen Rinnsalen, nebelverhangene Bergkämme – spielen eine ebenso tragende Rolle wie das Wetter, das einen Großteil des filmischen Geschehens aufnimmt oder vorwegnimmt.

          Baran (Korkmaz Arslan, links) und sein Kollege Reber (Suat Usta, Mitte) stellen einen Schergen (Feyyaz Duman) des örtlichen Gangsterbosses.
          Baran (Korkmaz Arslan, links) und sein Kollege Reber (Suat Usta, Mitte) stellen einen Schergen (Feyyaz Duman) des örtlichen Gangsterbosses. : Bild: Arte

          Baran, das war zu erwarten, legt sich mit dem Schmuggler Aziz Aga an und kommt Govend näher, die ganz allein als Lehrerin nach Qamarian gekommen ist. Gegen den Widerstand ihres Vaters und vieler ihrer zehn Brüder. Der Handlung nach bietet der Film von Hinar Saleem zunächst keine Überraschungen. Doch die Grenzen verlaufen hier nicht nur zwischen Mensch und Natur oder zwischen rechtschaffen und verschlagen – Saleem zeigt vor allem einen Kampf zwischen Mann und Frau. Und zwar auf Augenhöhe. Am Ende bekommt das Patriarchat ordentlich eine auf's Dach.

          Das eigentliche Gefecht darf Govend zwar nicht selbst austragen, dafür aber äußerst taffe Widerstandskämpferinnen, die es in die Berge um Qamarian verschlagen hat. Bevor sich der Film in einer gemächlichen Westerngefälligkeit verliert, fegen sie schnell, präzise, stumm und blutig durch den Hort des Unrechts. Der Auslöser für den harten Zugriff, der Baran und Govend unverhofft dem Happy End näher bringt, erscheint etwas willkürlich, doch das hat man schnell vergessen. Denn da ist man – trotz all der erzählerischen Gleichmäßigkeit – längst mitten in einer Geschichte, die ihren rauhen Charme von dort bezieht, wo Ende und Neuanfang sich küssen dürfen.

          My Sweet Pepperland läuft heute, Mittwoch 1. März, um 20.15 auf Arte.

          Quelle: F.A.Z.

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