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Kirche und Kino in Russland : In rasend frommer Wut

Versteckt sich hinter vielen Masken: Die Schauspielerin Michalina Olszanska in der Rolle der Matilda Kshesinskaya. Bild: AP

Das Kino-Melodram „Matilda“ über den letzten Zaren treibt Russlands Gläubige auf die Barrikaden. Die Kirche sieht der Hetze zu und schweigt.

          Russland, das in anderen Ländern einen Rechtsruck aktiv befördert, erlebt derzeit einen eigenen. Je näher der Jahrestag des Oktoberrevolution kommt, desto mehr bestimmen archaische Kräfte, die freilich von den Machthabern konsequent gehätschelt wurden, die Agenda. Insbesondere die Anhänger des Korruptionsbekämpfers Alexej Nawalnyj, die für dessen Präsidentschaftskandidatur Unterschriften sammeln, leben gefährlich. In Moskau, wo die Unterstützung für Nawalnyj besonders groß ist, wurde sein Stabschef Nikolai Ljaskin von einem Attentäter mit einer Eisenstange auf den Kopf geschlagen. Ljaskin trug eine Gehirnerschütterung davon. Im südrussischen Krasnodar demolierte ein Rentnertrupp Nawalnyjs Büro.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Fast täglich müssen wegen anonymer Bombendrohungen Schulen, Universitäten, Einkaufszentren evakuiert werden. Man rätselt, wer dahintersteckt. Viele glauben, der Staatssicherheitsdienst FSB versuche so, Präsident Putin für seine Wiederwahl im kommenden März Stimmen zuzuführen. Vor allem aber läuft die militant-fromme Kampagne gegen den Film „Matilda“ immer mehr aus dem Ruder.

          Sie ist nicht zuletzt ein Konflikt darum, welche Lehren die Gesellschaft aus der Revolution, die aus Sicht der Russischen Orthodoxen Kirche vor allem ein Abfall vom rechten Glauben war, ziehen soll. Der Mord am gesalbten Zaren war in den Augen der Patriarchatskirche ein schreckliches Symptom dieses Abfalls, so wie umgekehrt der Märtyrertod Nikolais II. seine Treue zu diesem Glauben bewies – weshalb er heiliggesprochen wurde. Das Kinomelodram „Matilda“, in dem der Regisseur Alexej Utschitel die historisch verbürgte voreheliche Affäre des letzten Zaren Nikolai II. mit der Ballerina Matilda Kschessinskaja hollywoodesk ausschmückt, zeigt indes den Zaren als jungen Mann in Liebesnöten. Dazu gehören romantische Bettszenen. Man erlebt einen höchst heutigen Temperamentsausbruch der Kschessinskaja bei den Krönungsfeierlichkeiten, Eifersuchtsanfälle der Ballerina, aber auch der späteren Zarin „Alix“ von Hessen-Darmstadt. Dabei scheint die Tänzerin die freie, wahre Liebe zu symbolisieren, die dem Zaren verwehrt ist, die deutsche Prinzessin aber die den Mächtigen knechtende Staatsräson.

          Pompös: Lars Eidinger (links) als Zar Nikolaus II. und Luise Wolfram als Alexandra Fjodorowna, die letzte Kaiserin von Russland.

          Der junge Herrscher im Bann romantischer Gefühle, das lenkt ab von dem politischen Versagen des späten Zarenreichs. Vielleicht bekam Utschitel deshalb für sein Projekt Geld vom Staat. Doch da der Film den späteren Heiligen in erotischen Turbulenzen schildert, fühlen sich manche verletzt in ihren religiösen Gefühlen, die seit 2013 strafrechtlich geschützt werden. Die Duma-Abgeordnete Natalja Poklonskaja hat sich zu ihrer Sprecherin gemacht und versucht, mit Eingaben an die Staatsanwaltschaft zu erreichen, dass Utschitels „blasphemischer“ Film verboten werde. Poklonskaja wird unterstützt vom orthodoxen Schlägertrupp „Sorok sorokov“, der in Moskau gern Gegner von Kirchenneubauten einschüchtert.

          Eine radikale Zelle namens „Christlicher Staat“ kündigte an, dass, sollte „Matilda“ gezeigt werden, Kinos Feuer fangen, vielleicht sogar Menschen zu Schaden kommen würden. Nach mehreren Brandanschlägen, bei denen man Briefe mit der Aufschrift „Brennen für Matilda“ fand, nahm die Polizei den Anführer des „Christlichen Staates“, Alexander Kalinin, fest. Der früher drogenabhängige Kalinin behauptet, auch die Bombendrohungen seien eine Folge von „Matilda“. Kalinin, der bei einer Nahtoderfahrung mit Jesus Christus Zwiesprache gehalten haben will, wünscht sich einen streng orthodoxen Staat nach iranischem Modell.

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