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Film Festival Cologne : Kaum zu glauben, was da alles zu sehen ist

  • -Aktualisiert am

„Better Things“: Die amerikanische Serie, die von der alleinerziehenden Sam Fox (Pamela Adlon, r.) und ihren drei Töchtern handelt, war auch in Köln ein Hingucker. Bild: Festival

Impressionen vom Film Festival Cologne: Immer mehr Anbieter setzen auf immer mehr Serien. Macher und Publikum dürfen sich freuen. Und bei „Babylon Berlin“ gab es wohl auch hinter den Kulissen viel Feuer.

          Letzte Nacht noch war hier vor der Tür eine Massenschlägerei. Das ist Köln, das müssen Sie aushalten.“ Der Medienanalyst, Produzent und Festivalgründer Lutz Hachmeister eröffnete das Film Festival Cologne gewohnt verschmitzt. Das von Martina Richter wieder sympathisch unaufgeregt geleitete Festival und Branchentreffen hieß bis vor zwei Jahren noch „Cologne Conference“. Auch wenn der neue Name nach mehr Kino klingt, beruht der Schwerpunkt weiterhin auf starken Fernsehproduktionen. Worauf auch sonst?

          Aushalten musste man dann aber zunächst einmal den Eröffnungsfilm von Margarethe von Trotta, den sie selbst auf die Formel brachte, „dass Liebe manchmal blind macht“. Das gilt wohl auch für Plots: Die Grande Dame des Neuen Deutschen Films liefert just in dem Jahr, in dem sie in Köln für ihr Lebenswerk geehrt wird – eine regelrecht feministische Konferenzausgabe, geht doch zugleich der Kölner Filmpreis an die kompromisslose Jane Campion –, ihre vielleicht klapprigste Arbeit ab. Die vor Klischees strotzende Emanzipations-Farce „Forget About Nick“, in der sich zwei vom selben Mann (jeweils für eine Jüngere) verlassene Frauen ein Appartement in New York teilen und ein Gewichtswitz nach dem anderen gemacht wird, erinnert bestenfalls an hysterische amerikanische Mainstreamkomödien. Das ist wohl nicht zuletzt auf von Trottas eigenen Ex gemünzt, eine überkandidelte Antwort auf Volker Schlöndorffs altherrenduselige „Rückkehr nach Montauk“.

          Ein knallfranzösisches Diskursdrama

          Da tut es schon gut, wenn jemand nicht modern sein will. Nouvelle-Vague-Altmeister Philippe Garrel hat in schmutzigem Schwarz-Weiß ein weiteres knallfranzösisches Diskursdrama über Liebe und Eifersucht zusammengeleimt, in das man eintauchen kann wie in einen staubigen Karton voller alter Paris-Fotos: die Lebemänner noch erfolgreiche Intellektuelle, die Frauen noch gefühlsgetriebene Dummchen, die Wohnungen noch so rumpelig gemütlich wie vor einem halben Jahrhundert. Dagegen wirkte die sogar ein ganzes Jahrhundert zurückgreifende Nostalgiekrimiserie „Babylon Berlin“, einer der Höhepunkte des Festivals und von Tom Tykwer persönlich vorgestellt, ultramodern.

          Spannend war hier das zugehörige Werkstattgespräch mit dem Production Designer Uli Hanisch, denn beim Szenenbild setzt diese auch in Köln als Neustart für die deutsche Serie gehandelte Vierzig-Millionen-Euro-Produktion zweifellos Maßstäbe. Da war viel Zufall im Spiel, denn das Studio Babelsberg war nach dem Abriss der Sonnenallee-Kulisse auf der Suche nach einem Partner (und ersten Kunden) für den Aufbau einer Altberliner Fassadenstraße. So konnte Hanischs Team einen kompletten Berliner Block entwerfen. Ein Großteil der ersten Staffel wurde hier gedreht, hinzu kamen einige Außen-Sets. Und doch musste man offenbar den drei Autor-Regisseuren Tom Tykwer, Henk Handloegten und Achim von Borries manchen Spleen austreiben, denn die Drehbücher wiesen anfangs eine indiskutable Anzahl von Motiven auf. Ganze Figuren und Nebenstränge hätten die Szenenbildner abgeschossen, erzählte Hanisch. Bei Ausstattungsdetails habe man bald lieber gar nicht mehr nachgefragt. Und das von den Regisseuren stolz betonte überlappende Arbeiten von drei Drehteams hieß hier organisatorischer Albtraum, der sich nicht wiederholen dürfe.

          Schamlose Werbung und übertriebene Katzbuckelei

          Dass die internationale Konkurrenz nicht schläft, machte schon die ästhetisch herausragende Weltproduktion „The Handmaid’s Tale“ deutlich, die kapuzenvernarrte Neuverfilmung von Margaret Atwoods immer noch aktueller dystopischer Parabel von 1985. Auch die frostige kanadische Kriminalserie „Cardinal“ und die von Louis C.K. und Pamela Adlon realisierte Alleinerziehenden-Chaoscomedy „Better Things“ können sich sehen lassen. In Deutschland werden alle drei genannten Serien exklusiv von Entertain TV der Deutschen Telekom angeboten. Das war offenbar Grund genug für viel schamlose Werbung für diesen Neueinsteiger unter den Streaming-Anbietern, wobei es besonders der Youtuber Dominik Porschen mit der Katzbuckelei übertrieb. Auch wenn die Telekom inzwischen eine erste eigene deutsche Serie produzieren lässt – dreihundert Angebote sind nach der Ankündigung im Mai dieses Jahres eingetrudelt; man hat sich für Culture-Clash mit Christoph Maria Herbst entschieden –, ist laut Sven Philipp, dem für das Content-Portfolio zuständigen Manager, die Struktur des Angebots noch im Aufbau. Unklar ist beispielsweise, ob man eine veritable Redaktion installieren und sich in die Entwicklung einbringen wolle. Bislang regiere noch allein das Bauchgefühl.

          Serientrailer : „Babylon Berlin“

          In einem Punkt ähneln sich alle Anbieter: Sie buhlen offen um die besten Autoren, Geschichten und Produzenten. Jean-Michel Ciszewski von der auf Weltvertrieb spezialisierten französischen Produktionsfirma Federation Entertainment („Marseille“; „The Bureau“) rief den anwesenden Autoren zu: „Die Welt gehört euch!“ Derweil scheinen auch die lange dahindümpelnden Webserien, zumal jene für mobile Online-User, einer neuen Morgenröte entgegenzusehen. Allerdings stehen Anbieter wie Blackpills eher für provokative Sex-, Drogen- und Gewalt-Inhalte. Dass Tiefgang hier kaum gefragt ist, zeigte die von dem Autor Curro Serrano vorgestellte alberne Blackpills-Serie „All Wrong“, in der ein Mann mit seinem besten Stück hadert. Angesichts all des locker sitzenden Geldes bei immer mehr neuen Anbietern – nicht alle werden sich durchsetzen – ist aber verständlich, dass die Hauptbotschaft des Kölner Treffens an die Branche lautet: Die Goldgräber-Ära hat gerade erst begonnen. Eine Massenschlägerei um Stoffe und Autoren scheint nicht mehr fern.

          Das brachte niemand so gut zum Ausdruck wie der italienische Drehbuch-Berater Nicola Lusuardi, der zur Frage staffelübergreifender Serialität Stellung nahm. Viele Serien seien heute in Wahrheit abgeschlossene Miniserien und diese in Wahrheit lange Kinofilme. Lusuardi riet zu systematischem Vorgehen. Statt eines Plots gelte es einen Problem-Mechanismus zu erschaffen, der dann unendlich viele Erzählungen in einer wiedererkennbaren Sprache generiere. Zur fulminanten Serie „The Young Pope“ von Paolo Sorrentino, die nach einem resoluten Staffel-Finale genau mit diesem Problem zu kämpfen hat, durfte Lusuardi freilich nichts sagen, weil er daran selbst beteiligt ist. Aber ihm war etwas anderes ohnehin wichtiger: Wie ein entfesselter Motivationstrainer – bei einem Filmschulen-Seminar am Morgen soll er gar auf Tische gesprungen sein – beschwor er Macher und Autoren, groß zu denken, die goldene Kuh zu melken. „Alles kann jetzt passieren!“ Erstmals seit Jahrzehnten halte man in Europa endlich mit amerikanischen Budgets mit.

          Fernsehtrailer : „The Young Pope“

          Dass es gar nicht immer das ganz große Budget braucht, um eine fesselnde Geschichte zu erzählen, macht das englische „Liar“ aus der Feder der Williams-Brüder („The Missing“) deutlich, auch wenn die ersten Folgen allzu parteiisch angelegt wirken. In der dicht bei den Figuren bleibenden ITV-Serie beschuldigt eine Grundschullehrerin (die aus „Downton Abbey“ bekannte Joanne Froggatt) einen Arzt (Ioan Gruffudd) nach einem Date der Vergewaltigung, was zu einer Kaskade von zerstörerischen Entblößungen führt. Ob die Wende nun wohl tatsächlich geschafft ist und derart gutes Fernsehen auch unsere Witznonnen allmählich vom Bildschirm drängt? Ein Zweifel bleibt.

          Quelle: F.A.Z.

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