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TV-Film „Das weiße Kaninchen“ : Im Netz der Kinderschänder

  • -Aktualisiert am

Im Netz kursieren Bilder von ihr: Sara (Lena Urzendowsky) begreift zu spät, mit wem sie es im Chatroom zu tun hatte. Bild: SWR/Andreas Wünschirs

Der Film „Das weiße Kaninchen“ zeigt, wie sich Pädophile im Internet an Kinder heranmachen. Die Geschichte einer Dreizehnjährigen, die den Falschen vertraut, ist schwer zu ertragen, aber unbedingt sehenswert.

          Lustig, so ein interaktives Quiz im Netz. Man spielt gegen Unbekannte, löst ähnliche Fragen wie bei „Wer wird Millionär?“, nur ohne Moderator. Benutzt wird vorsichtshalber nicht der Klarname, sondern ein erfundener Avatar. Das wissen schon die Kleinsten, dass man seine Daten und Privatsphäre schützen muss. Mädchen wählen gewöhnlich Niedliches, Welpen oder Ponys, als ihre Online-Stellvertreter. Und geraten genau dadurch ins Visier von Kinderschändern. Niedlich ist auch das weiße Kaninchen, das der schüchternen dreizehnjährigen Sara (Lena Urzendowsky) im Internet begegnet, sie in einen Chatroom einlädt und sich dort als siebzehnjähriger Benny zu erkennen gibt. Benny ist verständnisvoll und nett, kein Draufgänger. Er hat die gleichen Probleme wie Sara und einen Haufen guter Tipps auf Lager. Nichts könnte harmloser sein als diese moderne Form der Brieffreundschaft. Davon erzählt man seinen Eltern nichts. Wer würde schon sein Tagebuch offen auf dem Tisch liegen lassen, mit dreizehn? Vor allem, wenn Mutter und Vater (Julia Jäger und Patrick Heyn) in ihrem Verständnis so peinlich sind? Einen Porno will die Mutter gemeinsam mit Sara gucken, um die Fragen der Tochter zur Sexualität zu beantworten. Das ist schon seltsam.

          „Ein trauriges Märchen über ein Mädchen, das perfiden Kräften ausgesetzt ist und immer mehr die Kontrolle verliert“, nennt Regisseur Florian Schwarz seinen Film „Das weiße Kaninchen“, der auf der Klaviatur des Unbehagens spielt. Neben Schwarz sind mit Holger Karsten Schmidt und Michael Proehl (Buch), sowie Philipp Sichler (Kamera) Könner am Werk. Hier wird gezeigt und nicht gepredigt. Das Cinemascopeformat erforscht die Räume, in denen diese Geschichte von sexueller Ausbeutung, Erpressung und Vergewaltigung sich auf beklemmende Weise abspielt, als Spiegelung von Stimmungen und Gefahren.

          Im virtuellen „Katzencafé“

          Surreal verfremdet, trifft sich Sara mit einer weiteren Online-Bekanntschaft, die sich als Kevin ausgibt, im virtuellen „Katzencafé“. Ein höflicher Hund serviert Milch. Mit dem netten Benny chattet sie in einem grenzenlosen Raum im Nirgendwo, den ein romantisch funkelndes Firmament überspannt. Nur ein Bildschirm trennt die zwei, die füreinander bestimmt scheinen (Szenenbild Károly Pákozdy).

          Alles zu schön, um wahr zu sein. Es ist ja auch nicht wahr. Und ein manipulatives, verbrecherisches Spiel mit den Phantasien einer unsicheren Dreizehnjährigen, hervorragend besetzt mit der fünfzehnjährigen Lena Urzendowsky. Perfekt getarnt, verbirgt sich hinter Benny der Mittvierziger Simon Keller, ein engagierter Lehrer und liebevoller Familienvater, der an seiner Schule medienpädagogische Aufklärungsarbeit leistet und den beeindruckten Schülern demonstriert, wie leicht ihre Daten zu hacken sind. Devid Striesow spielt den doppelgesichtigen Pädagogen und Pädophilen in allen empathischen Facetten schillernd: ein verständnisvoller Kümmerer, platonischer Freund mit Einfühlungsvermögen, Elternversteher und Warner vor den Gefahren des Internets für junge Seelen, eiskalter Kindersexbesessener. Die Perfidie dieses Charakters wiederholt sich in einer Perfidie der Dramaturgie und der Bildgestaltung, die Haken und Volten schlagen, dem Zuschauer immer wieder seine Ahnungslosigkeit gegenüber den Abgründen der Pädophilie und des Geschäftsmodells „Cybergrooming“ - der „onlinebasierten Anbahnung des sexuellen Missbrauchs eines Kindes“ - vor Augen führen.

          Erst nach einer Dreiviertelstunde entsetzter Talfahrt bringt „Das weiße Kaninchen“ Hoffnung in Gestalt einer chronisch übermüdeten, ob der Menge an Straftaten überforderten LKA-Ermittlungstruppe ins Spiel. Die Polizisten um Miki Witt (Shenja Lacher) sind eigentlich „Kevin“ (Louis Hofmann) auf der Spur, einem Jugendlichen aus gutem Haus, der mit immer gleicher Masche Zwölfjährige zu Oben-ohne-Fotos überredet und dann Selbstbefriedigungsvideos von ihnen erpresst. Auch Sara geht ihm auf den Leim. Benny schlägt der Verzweifelten, die sich ihren Eltern aus Scham um keinen Preis anvertrauen will, den netten Vertrauenslehrer vor. Er soll „Kevin“ konfrontieren, Sara den Lockvogel geben. Als der Junge Sara in einer abgelegenen Hütte zum Oralsex zwingt, greift der nette Herr Keller nicht ein. Er will den Missbrauch keineswegs verhindern, sondern das Video in seinen Besitz bringen.

          „Kevin“ wird gefasst, aber Saras Spießrutenlauf an der Schule beginnt erst. An Keller aber, dem Meister des Weißwaschens, beißt Ermittler Witt sich fest. Das weiße Kaninchen macht sich verdächtig. Es entstammt einer anderen Liga als die Kätzchen und Pferdchen. In Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“ ist es die Figur, durch die das Mädchen in die magische Welt mit rätselhaften Regeln gelangt. Als Geschichte einer sexuellen Initiation wurde das Werk eines notorischen Mädchenliebhabers auch gelesen. Darauf zielt der Film, der Szenen enthält, die man Kindern im entsprechenden Alter nicht zeigen möchte. Eltern hingegen hilft dieser Film, einer der besten engagierten Fernsehfilme des Jahres, auf die Sprünge.

          Der Lehrer Simon Keller (Devid Striesow) ist scheinbar ein guter Freund. Nur scheinbar.

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