Den Erfolg skandinavischer Fernsehkrimis kann sich auch Gunnar Carlsson nicht erklären. Carlsson, der als Spielfilmchef beim öffentlich-rechtlichen schwedischen Fernsehen (SVT) für zahlreiche düstere Filme und Serien verantwortlich zeichnet, darunter „The Killing“, „The Bridge“ und die „Millennium“-Trilogie, nannte zwar einige Kriterien für die herausragende Qualität des nordischen Dramas, räumte aber gleich ein, dass es starke Sender, gute Filmfonds und Kreativität auch anderswo gebe. In jedem Fall ist die europaweite Beliebtheit der Schwedenkrimis ein starker Beleg für die Leithypothese des „Großen Fiction-Summits“, der jetzt erstmals - und künftig jährlich - in Köln abgehalten wurde: Die Übermacht amerikanischer Serien geht ihrem Ende entgegen. Zwar sind die weltweit meistgesehenen fiktionalen Sendungen immer noch amerikanische Serien - „CSI“ und „Desperate Housewives“ -, aber es handelt sich um betagte Formate. Zugleich steigt in den meisten Ländern die Zahl der Eigenproduktionen.
Viele Euro-Serien können sich dabei durchaus sehen lassen, wie die von der Medienberatungsagentur HMR International, der Produktionsgesellschaft Magic Media Company (MMC) und Sky Deutschland gemeinsam organisierte Zusammenkunft deutlich machte. Dass Großbritannien bei den fiktionalen Genres oftmals Schrittmacher ist, haben jüngst Serien wie „Call the Midwife“ oder „Sherlock“ gezeigt. Schweden beweist zurzeit mit „Äkta människor“ („Real Humans“), dass es auch ohne grausig entstellte Leichen zu erzählen weiß. In diesem Fall geht es um das Zusammenleben mit beinahe menschlichen Robotern, deren Hersteller an eines nicht gedacht haben: dass man sich in ihre Produkte verlieben kann.
Begrenztes Verlangen nach deutschen Produktionen
Die künstlerisch ambitionierten Miniserien des französischen Multitalents Hervé Hadmar sind „Twin Peaks“ im Quadrat, beinhalten auch einmal minutenlanges Schweigen. Hadmar berichtete, wie er mit France 3 um die Ausstrahlung seines Erstlings „Les Oubliées“ kämpfen musste, unter anderem mit einer selbst anberaumten Vorführung für Journalisten. Der Sender gab nach, das Wagnis wurde vom Zuschauer belohnt. Hadmar konnte für Canal+ nachlegen mit einer Serie über das nächtliche Vergnügungsviertel Pigalle, die tatsächlich ebendort gedreht wurde. In allen Straßenszenen sieht man echte Menschen. Der holländische Produzent Gijs van de Westelaken wiederum zeigte, wie man selbst mit schmalem Budget eine rasante Serie produzieren kann: „Crimi Clowns“ (Regie Luk Wyns) handelt von einem Häuflein verschrobener Typen, die tags als Clowns und nachts als Kriminelle unterwegs sind. Der Kniff: Einer von ihnen, gespielt von Johnny de Mol, ist Filmstudent und dokumentiert die Überfälle mit kleiner Handkamera. Tatsächlich wurde die Serie, die in Kürze in Holland ausgestrahlt wird, mit kleinen Amateurkameras gedreht: Flackern und Unschärfe sind Teil der Ästhetik.
Auch wenn man in den Kölner MMC Studios saß, wo soeben Sir Ben Kingsley, Nebendarsteller im „Medicus“, in britischer Höflichkeit kundtat, Köln sei das Hollywood Europas - um deutsche Produktionen reißt man sich jenseits der Grenzen nicht unbedingt. Zwar wäre „Danni Lowinski“ beinahe in die Vereinigten Staaten exportiert worden, doch über den Piloten kam der Deal nicht hinaus. Ob sich an dieser Lage etwas ändert, wenn Sky Deutschland verstärkt in die Eigenproduktion geht, wie der „Vice President Film“, Marcus Ammon, ankündigte, ist zumindest fraglich. Gebhard Henke, Programmbereichsleiter Fernsehfilm, Kino und Serie beim mächtigen WDR, brachte es auf den Punkt: „Sind wir eine Erzählernation, die so international erzählt, dass man auf unsere Filme scharf ist? Die Antwort ist: Nein!“
Zweifel an internationalen Koproduktionen
Das aber sieht er nicht als Manko, sondern als Auftrag, auch weiterhin auf Produktionen mit starkem regionalen Einschlag zu setzen - wenig überraschend für den obersten „Tatort“-Beauftragten. Auch Barbara Thielen, Fictionchefin bei RTL, gab sich genervt vom ewigen Starren auf amerikanische Stücke und plädierte für das radikal Eigene, lobte aber immerhin die Skurrilität der Figuren in HBO-Serien. Gerade da könne man doch mithalten, meinte Henke, siehe „Bloch“ oder „Der Dicke“. Na dann.
In erstaunlicher Einmütigkeit bestritt man den Sinn internationaler Koproduktionen. Am anschaulichsten wurde Heinrich Mis, Fernsehfilmchef beim ORF, der gerade eine Gemeinschaftsprojekt mit dem italienischen Fernsehen durchlitten hat: Man möge im Süden nun einmal Kutschen- und Ballszenen, am liebsten aber minutenlanges Miederschnüren. Aus dem Film mussten für Österreich zehn Minuten herausgeschnitten werden: „Das glaubt bei uns ja niemand mehr.“ Zwei Koproduktionen mit der BBC hat der ORF geschmissen: Man habe Aufwand und Künstlichkeit der Synchronisation, dürfe nicht nach Belieben wiederholen, „und die Preise gewinnt die BBC: Also wozu?“
Nur selten, so der Konsens dieses Fiktion-Gipfels, seien internationale Kooperationen von der Sache her geboten, in allen anderen Fällen schlicht Geldverschwendung. Muss das aber auf noch mehr mittelmäßige Eigenproduktionen hinauslaufen? Warum nicht wenige Qualitätsprodukte bis zur Reife bringen und zugleich die Vision eines televisionären Europa kultivieren?
Gegenbeispiele
beate geibel (emmapeel66)
- 03.09.2012, 22:39 Uhr
Europäische Realitätsverweigerer.
Closed via SSO (mfoe)
- 30.08.2012, 09:53 Uhr
Betagte Formate?
Christian Igel (chig)
- 30.08.2012, 07:35 Uhr
In USA, und nicht nur dort, werden seit längerer Zeit schon
erfolgreiche Serien
Closed via SSO (Dr.Moser)
- 29.08.2012, 20:20 Uhr
"...die Vision eines televisionären Europa kultivieren?"
Thomas Mirbach (lurkius)
- 29.08.2012, 20:02 Uhr