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Fernsehspiele Die Amerikaner bestimmen unser Programm

02.01.2007 ·  „Ohne das Fernsehen“, so IOC-Präsident Avery Brundage, „arbeiten wir seit sechzig Jahren wunderbar, und das wird auch in den nächsten sechzig Jahren so bleiben.“ Das war 1956. In der Gegenwart sind Sport und Fernsehen untrennbar verbunden.

Von Erik Eggers
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Erinnern wir uns. 1956, vor einem halben Jahrhundert, scheiterten die Fernsehverhandlungen zwischen dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) und den damaligen Rechtebietern.

Kurz vor den Olympischen Spielen im australischen Melbourne diktierte der weiland als IOC-Präsident fungierende Avery Brundage den Reportern einen Satz in die Schreibblöcke, der wie aus Erz gegossen schien, um bald darauf wie Eis in der Sonne zu schmelzen: „Ohne das Fernsehen“, so also Brundage, „arbeiten wir seit sechzig Jahren wunderbar, und das wird auch in den nächsten sechzig Jahren so bleiben.“

Die schönste und katholischste Hochzeit der Welt

Schauen wir uns in der Gegenwart um. Sport und Fernsehen: Das ist das Lieblingsthema von Alex Gilady. Wenn er darüber spricht, verfällt er schnell ins Pathos. Die Verbindung zwischen diesen beiden Großmächten, verkündete der Israeli etwa vor vier Jahren in einem Interview mit der Zeitschrift „Sport, Culture & Society“, sei „die schönste und katholischste Hochzeit der Welt. Wir brauchen den Sport, der Sport braucht uns.“

Ein Wort aus berufenem Munde, stand Gilady doch in den vergangenen zwei Jahrzehnten häufiger im Zentrum von Feierlichkeiten. Als für „globale Operationen“ zuständiger Senior Vice-President von NBC Sport half er 1995 wesentlich mit, einen 3,5 Milliarden Dollar schweren Vertrag mit dem IOC abzuschließen: Die Tochter des Mischkonzerns General Electric erwarb damit die Fernsehrechte für den Zeitraum von Sydney 2000 bis Peking 2008.

Die Athleten wittern Verrat und Geldgier

Für den folgenden Vierjahresturnus bis London 2012 zahlt NBC weitere 2,2 Milliarden und bleibt damit der größte Finanzier der in Lausanne ansässigen olympischen Bewegung (insgesamt sollen in diesem Zeitraum 3,3 Milliarden Dollar erlöst werden). Dass Gilady, der „Delegierte von NBC“ (“Sports Illustrated“), seit 1994 selbst dem elitären olympischen Zirkel angehört und sich so gewissermaßen selbst ehelichte und beschenkte, störte bislang nicht viele. Nun aber gibt es mächtig Ärger.

Die Mitgift zum Fernsehvertrag, die Gilady dem IOC für die Olympischen Sommerspiele 2008 in Peking nun abgerungen hat, geht nämlich stark auf Kosten anderer Mitglieder der „olympischen Familie“. Das lange verheimlichte Vorhaben des IOC, für Peking 2008 die Startzeiten der Endläufe im Schwimmen auf den Vormittag vorzuverlegen, um so dem Fernsehpartner NBC die Live-Übertragung in der amerikanischen Primetime zu ermöglichen (New York liegt dreizehn Stunden hinter Peking, Los Angeles sechzehn), sorgt vor allem unter den Athleten für helle Empörung.

Hundert-Meter-Endlauf morgens um sechs

Geldgier und Verrat ihrer Interessen: Das werfen Weltstars wie der Holländer Pieter van den Hoogenband, der Österreicher Markus Rogan oder der Australier Grant Hackett dem IOC und auch dem Schwimmweltverband Fina nun öffentlich vor, da auf ihren Rhythmus keine Rücksicht genommen werde. Normalerweise springen die Sportler morgens nur zu Vorläufen ins Wasser; die Halbfinals und die Endläufe werden meist am frühen Abend ausgetragen. Da sie für den amerikanischen Markt quotenträchtig scheinen, sollen angeblich auch Turner und Basketballer am Vormittag antreten - veröffentlicht sind die Zeiten indes bisher nicht.

Ganz neu ist das Szenario nicht. Schon 1988 im koreanischen Seoul, als die Spiele in der fast gleichen Zeitzone wie Peking stattfanden (eine Stunde Unterschied), mussten Athleten und Sportfunktionäre den Zugriff von NBC abwehren. „Die ursprüngliche Absicht des Fernsehens, den Hundert-Meter-Endlauf morgens um sechs Uhr stattfinden zu lassen, wurde nach großen Protesten verworfen“, erinnert sich der Kölner Olympiahistoriker Karl Lennartz. Der Startschuss für das Duell zwischen Carl Lewis und dem gedopten Weltrekordler Ben Johnson fiel dann um 13.30 Uhr Ortszeit. Für das Schwimmen einigten sich die Parteien auf einen ähnlich faulen Kompromiss: An zwei Tagen mussten die Athleten am Vormittag auf den Startblock, an den restlichen Tagen wurde zu üblichen Zeiten gestartet.

Aufhebung des Amateurparagraphen

Der wachsende Einfluss der Fernsehsender erklärt sich aus der existenzbedrohenden finanziellen Krise der olympischen Bewegung in den siebziger und achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Da das IOC bis zum olympischen Kongress 1981 in Baden-Baden auf dem anachronistischen Amateurparagraphen beharrte und so die Spiele unfinanzierbar geworden waren, bewarb sich für 1984 nur noch eine Stadt (Los Angeles) für die Ausrichtung, für 1988 gab es nur zwei (Seoul und Nagoya).

Als der damalige Präsident Juan Antonio Samaranch das IOC modernisierte und mit den amerikanischen Basketballern auch die Ikonen des Profisports teilnahmen, explodierte das Interesse der Sender. Nicht zufällig wurden die Medien 1981 in Baden-Baden vom IOC offiziell in die „olympische Familie“ aufgenommen. Für die Fernsehrechte von Seoul 1988 zahlte NBC bereits 302 Millionen Dollar.

Tie-Break gegen Sendezeitverzögerung

Nun ist der direkte Einfluss des Fernsehens auf kommerziell interessante Sportarten, den übrigens Gilady in besagtem Interview bestritt („nichts Bedeutungsvolles“), nichts Neues. Bereits bei der Weltmeisterschaft 1970 in Mexiko ließ der Fußballweltverband Fifa die Spiele in der gleißenden Mittagssonne anpfeifen, um so die Sponsoren auf dem europäischen Markt zu befriedigen.

Fehlstarts in der Leichtathletik und im Schwimmen, die das Reglement ursprünglich vorsah, werden schon seit Jahren mit sofortiger Disqualifikation der Athleten bestraft, damit die straffen Zeitpläne der Fernsehsender nicht durcheinandergeraten. Aus ähnlichen Motiven wurde im Tennis der Tie-Break eingeführt. Und im Frauen-Volleyball erhoffen sich die Funktionäre mehr Aufmerksamkeit durch strikte Bekleidungsvorschriften, die Sportlerinnen in denkbar knappen Outfits attraktiver erscheinen lassen sollen. Mit den vorgezogenen Startzeiten für Peking aber sehen die Beteiligten nun den Rubikon der olympischen Moral überschritten.

Die Wettkämpfe laufen mitten in der Nacht

Zu ihnen gehört Manfred Thiesmann, Schwimm-Bundestrainer seit sechsundzwanzig Jahren. „Das ist äußerst kompliziert“, warnt er, „denn der biologische Ablauf der Athleten ist extrem gestört“, er sieht „die Leistungserbringung“ in höchstem Maße gefährdet. Dass sich die Mitteleuropäer und Australier darauf einstellen können, hält er für unmöglich: „Die Sportler müssten ein ganzes Jahr gegen die Gewohnheiten und Gepflogenheiten ankämpfen.“ Das heißt: spätestens um 20 Uhr ins Bett, Training in Nachtschichten. „Die Engländer wollen es so machen“, hat Thiesmann erfahren, er hält das aber „für eine Fehlentscheidung“.

Sollte es bei den Startzeiten bleiben, wird er seine Athleten in Peking nur eine „Feinabstimmung“ vornehmen lassen. Die Schwimmer sollen erst zwei oder drei Tage vorher ihren Rhythmus ändern, „damit man sich an die Abläufe gewöhnen kann“. Aus trainingsmethodischer Perspektive wird es, da ist er sich sicher, ein Blindflug werden im fernen China. Illusionen macht er sich nicht: „Alle Aufregung in Europa wird nichts bringen. Die Amerikaner haben das gekauft und bestimmen die Zeiten.“

Ideale des Weltsportfestes als Farce

Vor diesem Hintergrund entpuppen sich die Ideale des Weltsportfestes als Farce. Fackelläufe, olympisches Feuer, der Eid - das gesamte weihevolle Zeremoniell wirkt in dem Moment hohl, in dem die Interessen von Medien, Sponsoren, Athleten, Funktionären und Trainern nicht mehr sorgfältig austariert sind. Auf diese Gefahr weist der Saarbrücker Ökonom Eike Emrich hin. Kurzfristig könne das IOC durch seine Medienpolitik sicher die Profite zwar maximieren, erklärte Emrich jüngst auf einer Tagung in Speyer: „Aber auch in einer modernen Gesellschaft muss beim Tausch auf Ausgewogenheit geachtet werden; niemals darf Höherwertiges wie olympische Ideale oder die Ehre des IOC gegen Minderwertiges, beispielsweise Geld, weggegeben werden.“

Von den Funktionären müsse erwartet werden, dass sie „analog zu Gralshütern um diesen Sachverhalt wissen und die Marke Olympia und das in ihr enthaltene komplexe Versprechen“ schützen. Nicht zum ersten Mal in seiner nun 112 Jahre währenden Geschichte steht das IOC an einem Scheideweg.

Quelle: F.A.Z., 02.01.2007, Nr. 1 / Seite 40
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