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Fernsehserien : Warum wollen alle bloß die Amis sehen?

  • -Aktualisiert am

Sat.1 startet „Blackout” - und zittert mit Bild: Sat.1

An diesem Wochenende zittern sie bei Sat.1. Mit dem Vierteiler „Blackout“ steht und fällt die Serienoffensive des Senders. Die Lage ist schwierig: Die deutsche Fernsehserie steckt in einer handfesten Krise - das Publikum bevorzugt Amerikanisches.

          An diesem Wochenende zittern sie bei Sat.1. Weil der Vierteiler „Blackout - Die Erinnerung ist tödlich“ anläuft. Das mag man in Berlin nicht gerne zugeben, aber immerhin entscheidet sich von Sonntag an, was von der Serienoffensive übrigbleibt, die Senderchef Roger Schawinski vor einem Jahr mit „Bis in die Spitzen“ begonnen hat. Modern, gewagt und zeitgemäß sollten die neuen Sat.1-Serien sein. Und was wurden sie? Flops. Das Eifersuchtsdrama „Bis in die Spitzen“ schreckte die Zuschauer ab, Sönke Wortmanns Fußballserie „Freunde fürs Leben“ (siehe: Sönke Wortmanns Fußball-Serie) wollte vor der WM kaum jemand sehen, und die enttäuschende Historienserie „Unter den Linden“ wurde sonntags früh versendet.

          „Blackout“ ist anders. Der düstere Krimi, in dem ein Berliner Drogenfahnder den Mord an seiner Frau aufzuklären versucht, obwohl er sich nach einem Unfall an nichts mehr aus seinem früheren Leben erinnern kann, ist eine fürs deutsche Fernsehen außergewöhnliche Produktion mit Charakteren, die man selten sieht. Überall lauern Loser, Abzocker, Falschspieler und gescheiterte Existenzen, die Geschichte ist spannend und authentisch erzählt.

          Um die deutsche Serie steht es miserabel

          Das aber ist längst keine Garantie dafür, daß die Zuschauer sie auch sehen wollen. Eigentlich war der Stoff als achtteilige Serie konzipiert. Daß nun ein Vierteiler daraus wird, habe allein inhaltliche Gründe, heißt es in Berlin, und habe nichts damit zu tun, daß man den nächsten Flop in Serie fürchte. Dabei wäre die Skepsis berechtigt: Deutsche Serien stehen gerade nicht besonders hoch in der Gunst des Publikums. Nachdem die allgemeine Telenovela-Begeisterung einen deutlichen Dämpfer bekommen hat, wird vielen bewußt, wie es um die deutsche Serie steht: miserabel nämlich - und das, obwohl bei den meisten Sendern die Bereitschaft da ist, auszuprobieren. Die Zuschauer schalten bloß lieber amerikanische Serien ein, mit denen RTL zweimal in der Woche den Abend zupflastert, Vox Rekorde aufstellt und Sat.1 am Sonntag dem „Tatort“ die Stirn bietet. „CSI“, „Dr. House“, „Navy CIS“ - mehr braucht das Publikum scheinbar nicht.

          Neuer ZDF-Ermittler: Rudolf Kowalski als „Stolberg”

          „Was die Erfolgserwartungen angeht, sind wir alle etwas bescheidener geworden“, sagt Thomas Bellut, der Programmchef des ZDF. Die Mainzer haben ihre Enttäuschung 2005 mit „Kanzleramt“ erlebt. Die Politserie kam trotz Wahljahr nicht an. Den Plan, am Vorabend eine tägliche Serie zu testen, hat Bellut abgeblasen und sagt, das sei eine seiner besten Entscheidungen gewesen, allein, weil RTL und Sat.1 sich mit ihren Dailys einen harten Kampf ums Publikum liefern. Im ZDF sollen auch künftig Serien um halb acht laufen, im Idealfall das Jahr durch, damit sich die Zuschauer daran gewöhnen.

          Mehrere Serien in Kurzstaffeln

          Dafür läßt Bellut mehrere neue Serien in Kurzstaffeln produzieren. Das ist zwar aufwendiger, als zehn oder zwanzig Folgen in Auftrag zu geben, aber auch weniger risikoreich. Am Krimifreitag läuft jetzt „Stolberg“, es folgen „Der Kriminalist“ und die Ensembleserie „Kriminaldauerdienst“. Für den Mittwoch sind neue Folgen von „Der Fürst und das Mädchen“ geplant, außerdem wird die BBC-Serie „Doc Martin“ adaptiert, in der ein Großstadtarzt aufs Land versetzt wird und sich mit schrulligen Patienten herumärgert. Mehr Serienplätze am Abend stehen im ZDF nicht zur Verfügung - das würde Bellut gerne ändern.

          „Es ist derzeit unglaublich schwer, das jüngere Publikum für deutsche Serien zu gewinnen“, sagt der ZDF-Programmchef. Wenn man modern sein wolle, müsse man Marktanteile von zwölf bis dreizehn Prozent als Erfolg werten. Einen „Winzerkönig“ werde es im ZDF nicht geben. „Wir werden ganz bestimmt nicht die ARD-Programmreform nachmachen und so eine Art RTL für Ältere werden“, sagt Bellut.

          Der Zuschauer will Verläßlichkeit

          Bei Sat.1 greift man derweil die Beliebtheit der amerikanischen Krimis auf. Im Frühjahr startet die Reihe „GSG9“, die die in Italien und Frankreich erfolgreich gelaufene Krimiserie „RIS“ wird adaptiert. Die Sat.1-Fiktionschefin Alicia Remirez erklärt: „Beim Zuschauer kommt Verläßlichkeit an, das bieten Serien wie ,CSI' allein schon durch ihren Look. Wenn man deutsche Krimiserien macht, wird man gut beraten sein, das stärker zu berücksichtigen.“ Für „RIS“ orientiert sich Sat.1 am amerikanischen Prinzip des „Writer's Room“. Statt eines Autors arbeiten mehrere am Buch. „Wir können, was das Handwerk geht, sicher viel von den Amerikanern lernen,“ sagt Remirez. „Aber die Sonne Miamis scheint hier nun mal nicht, deshalb werden deutsche Geschichten immer anders aussehen als die aus den USA.“

          In der Branche setzt sich die Auffassung durch, daß die etablierten Produktionsstrukturen nicht mehr greifen. Den Sendern mißfällt, daß Autoren teilweise Monate brauchen, um Bücher fertigzustellen, die Produzenten kritisieren, daß zu viele Entscheider beteiligt sind, bis es zur Abnahme kommt. Das hat weniger mit gegenseitiger Schuldzuweisung zu tun als mit Ursachenforschung: Wie lassen sich auf organisatorischer Ebene Verbesserungen durchsetzen, um erfolgreicher zu arbeiten?

          Klare Serien, klaren Helden, klare Strukturen

          Der Autor Christoph Darnstädt ist überzeugt: Die Zuschauer wollen klare Serien, klaren Helden, klare Strukturen. „Es hat doch keinen Sinn, nun nur noch ,CSI' zu kopieren, weil die Zielgruppe, die sich das ansieht, enttäuscht sein wird, wenn es nicht genauso hochwertig aussieht wie das Original.“ Darnstädt gilt als einer der wenigen Autoren, die wieder für so etwas wie eine deutsche Serientradition sorgen könnten. Für RTL hat er die Polizeiserie „Abschnitt 40“ geschrieben, die beim Deutschen Fernsehpreis drei Jahre nacheinander als beste Serie galt, deren vierte Staffel der Sender aber gerade vorzeitig abgesetzt hat, weil der Marktanteil nicht stimmte.

          Daß die Privatsender auf den wirtschaftlichen Erfolg achten müssen, sei nachzuvollziehen, sagt Darnstädt. Allerdings führe das selbst bei Erfolgen dazu, daß die Experimentierlust eingeschränkt werde: „Wenn man einen erfolgreichen TV-Film schreibt, hat man sofort den Auftrag, noch einmal fünf ähnliche nachzulegen.“ Besonders ärgert sich Darnstädt darüber, daß ARD und ZDF sowenig Mut zeigen. Die Innovation, die die Privatsender mit einigen Produktionen geleistet haben, hätte bei ARD und ZDF schon viel länger vorhanden sein müssen, sagt er und provoziert: „Die werberelevante Zielgruppe geht die Öffentlich-Rechtlichen einen feuchten Kehricht an!“

          Anwälte oder Gerichtsmediziner

          Gerade schreibt Darnstädt für RTL einen neuen Serienpiloten. Was Kommentare zur Entwicklung der deutschen Serie betrifft, ist man in Köln zurückhaltend. Das mag daran liegen, daß die Hoffnungsträgerin Barbara Thielen, die seit einem Jahr als Fiktionschefin bei RTL ist, ihre Feuerprobe noch vor sich hat. Im Frühjahr starten die Gerichtsmedizinerserie „Post Mortem“ mit Hannes Jaenicke und „Die Anwälte“ mit Kai Wiesinger, außerdem wird „Die Familienanwältin“ fortgesetzt. Aber selbst wenn Barbara Thielen verspricht, daß sich die Formate deutlich voneinander unterscheiden werden: Daß RTL sich bei neuen Projekten nur zwischen Anwälten und Gerichtsmedizinern als Protagonisten entscheiden kann, wirkt merkwürdig.

          „Ich glaube nicht, daß es bei den Zuschauern ein nachlassendes Interesse für deutsche Serienstoffe gibt“, sagt Barbara Thielen und meint: „Wenn im Herbst weitere neue Formate starten, werden dafür auch die richtigen Sendeplätze dasein.“ Das ist nicht selbstverständlich, da RTL den Donnerstag zum US-Serientag macht. Und den Dienstag mit „CSI Miami“, „Dr. House und „Monk“ wird sich in Köln keiner kaputtmachen wollen. Dennoch hat RTL sechs Piloten für neue Serien in Auftrag gegeben, unter anderen eine Arztserie mit einer Bridget Jones-ähnlichen Protagonistin, die vom „Türkisch für Anfänger“-Autor Bora Dagtekin stammt. Diese einzige innovative Serie der ARD bekam gerade den Deutschen Fernsehpreis.

          Bei Pro Sieben, das amerikanische Importware en masse sendet, glaubt man, den Sender mit Eigenproduktionen zu stärken. 2007 läuft die zweite „Alles außer Sex“-Staffel, hinzu kommt „Clara Scheller“ nach einem französischen Serienvorbild, in dem eine junge Frau allerlei Beziehungsturbulenzen durchstehen muß. Klingt bei den Vorlieben der Zuschauer nicht nach sicherem Hit. Der Pro-Sieben-Fiktionschef Christian Balz glaubt an den Erfolg. Daß in den vergangenen Monaten so viele deutsche Serien nicht funktioniert haben, hält er für normal. Die amerikanischen Serien, die hierzulande laufen, seien schließlich auch nur ein Best-of dessen, was in Übersee ausprobiert werde. Flops seien unvermeidlich. „Das ist in den Vereinigten Staaten nicht anders. Die produzieren nur mehr.“ Wenn es aus dieser Perspektive betrachtet, wirkt die Krise gleich nicht mehr so furchtbar.

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