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Fernsehserie um „Kiss“-Bassist Schatz, willst du lieber Sex oder Essen?

21.09.2006 ·  Gene Simmons in einer Reality-Serie über sein Familienleben auftauchen zu sehen, ist nicht überraschend. Was seine Lieben der Selbstverliebtheit des ehemaligen „Kiss“-Frontmanns entgegenzusetzen haben, allerdings schon.

Von Nina Rehfeld, Phoenix
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Überraschend war es nicht, den ehemaligen „Kiss“-Frontmann Gene Simmons in einer Reality-Serie über sein Familienleben auftauchen zu sehen. Schließlich pappt der Mann seit Jahren allem nur Denkbaren einen „Kiss“-Aufkleber auf. Simmons' Marketinguniversum umfaßt mehr als 2500 Lizenzen, es gibt „Kiss“- Cola. „Kiss“-Kameras, „Kiss“-Visakarten. Simmons hat mit „My Father The Rockstar“ bei dem Sender Nickelodeon und der in Entwicklung befindlichen Serie „Kiss Babies“ zwei Fernsehserien produziert, mit „Gene Simmons Tongue“ eine Zeitschrift herausgebracht und zwei Bücher publiziert.

Die Veröffentlichung seiner Familie war in der amerikanischen Medienlandschaft, die seit Ozzy Osbournes MTV-Erfolg hinter die Schrank- und Toilettentüren von Prominenten wie Britney Spears, Paris Hilton und Farrah Fawcett gelinst hat, eigentlich überfällig. Und so ging „Gene Simmons' Family Jewels“ nun beim Kabelkanal A&E auf Sendung.

Mit ätzendem Witz gegen die Selbstverliebtheit

Star der Show sind Simmons, seine Dauerfreundin Shannon Tweed, ein ehemaliges Playboy-Model, und die Kinder der beiden, Nick (17) und Sophie (14), die eine in beige gehaltene Villa mit Billardtisch und weitläufigem „Kiss“-Devotionalienkeller in Beverly Hills bewohnen. Die Serie lebt ganz vom Charme der Familie - der Grummelbär-Mentalität von Simmons, dem fröhlichen Blondinenwitz, den Shannon gibt, und vor allem vom cleveren Sarkasmus von Nick und Sophie, die die pralle Selbstverliebtheit ihres Vaters mit ätzendem Witz kommentieren.

Überhaupt neckt man sich gern und oft in dieser Familie, und so stand im Mittelpunkt der ersten Episode, in der Nick mit den Worten „Dad nennt es glücklich unverheiratet, Mom wartet immer noch auf den Antrag“ das Familienkonzept umreißt, die Versuche von Shannon und Gene, sich gegenseitig in peinliche Lagen zu bringen. Gene organisiert zu Shannons Geburtstag eine Überraschungsparty, obwohl sie Überraschungen haßt, und sie rächt sich mit einer improvisierten Hochzeit, die ihn in helle Panik geraten läßt.

Man hätte ihm lieber eine Talkshow geben sollen

Man mag staunen, was für ein sensibler und humorvoller Familienvater der „Kiss“-Bassist ist (und daß er dennoch keinesfalls darauf verzichten will, regelmäßig die Wirkung seines Altrocker-Status auf vollbusige Fünfundzwanzigjährige zu testen), mit welch wacher Intelligenz sein Sohn ausgestattet ist und wie leichthändig Shannon, mit Hollywood-typisch glattgebügeltem Blondhaar und aufgespritzter Oberlippe, sich selbst auf die Schippe nimmt. Doch in Zeiten, in denen Radau-Talk-Shows wie „Jerry Springer“ oder Selbstbekenntnisse wie „Britney and Kevin: Chaotic“ die schrillsten Unarten menschlichen Miteinanders zur Unterhaltung erhoben haben, herrscht bei Familie Tweed-Simmons, „Kiss“-Keller hin oder her, gepflegte Vorstadt-Langeweile.

Kostümproben im alten „Kiss“-Outfit und Las-Vegas-Ausflüge mit drallen Damen im Arm wirken um so aufgesetzter, als ausgerechnet der Mann, der mit mehr als 4.000 Frauen geschlafen haben will, beim Thema Sex - „Sex oder Essen Schatz, was würdest du wählen?“ fragt ihn Shannon kichernd - seltsam maulfaul wird.

Natürlich muß sich jeder Altrocker, der seine Sippe zum Gegenstand einer Realityshow macht, an Ozzy Osbourne messen lassen. Die schräge Extravaganz, die den Osbourne-Clan auszeichnet, geht dieser Familie ab. Hier kotzt kein Mops, sondern wackelt ein artig Tennisbälle apportierender Retriever durchs Bild, und nicht einmal ein sorgsam inszenierter Schenkelklopfer wie Simmons' angewiderte Reinigung des Katzenklos („hast du hier etwas geboren?“) hat Ozzys genuscheltem Dauergefluche etwas entgegenzusetzen. Gene Simmons ist einfach zu nett, zu aufgeräumt, vor allem aber: zu besessen von der Vermarktung seines Familienlebens. Vielleicht hätte man ihm lieber eine Talkshow geben sollen.

Quelle: F.A.Z., 21.09.2006, Nr. 220 / Seite 40
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