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Fernsehserie „Lilyhammer“ : Wer nicht spurt, wandert ins Eisloch

Ihm reicht’s: Frank Tagliano (Steven Van Zandt) war mal ein großer Mafioso. Jetzt friert er sich im Zeugenschutzprogramm in Norwegen den Hintern ab. Bild: © Rubicon TV

Der ehemalige Mafioso Frank Tagliano ist ein Mann der Tat. Auch im Kühlschrank-Exil in Norwegen fällt ihm immer etwas ein, um seine Gegner aufzutauen. Dabei sehen wir ihm wirklich gern zu.

          Am Ende des Tunnels strahlt das weiße Licht - nicht etwa, weil Mafiaboss Frank Tagliano (Steven Van Zandt) von seinen Widersachern aus der New Yorker Unterwelt in die ewige Finsternis geschossen worden wäre. Doch der letzte Versuch, ihn auszuknipsen, ging nur knapp daneben, da hat Tagliano Konsequenzen gezogen: Aussage gegen den verfeindeten Paten, Zeugenschutzprogramm und einen Neuanfang in Weiß. In Norwegen, wo der Schnee die Farbe der Unschuld trägt und niemand den Mafioso suchen wird, braust er als Giovanni Henriksen im Zug seiner zukünftigen Heimatstadt entgegen: Lillehammer. Ein Wolf im Schafspelz.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Wobei, so ganz stimmt das nicht. Frank alias Giovanni hat das Herz am rechten Fleck. Nur seine Methoden sind, sagen wir, ein bisschen direkt. Dem Jugendlichen im Zug, der alle mit dröhnendem Rap terrorisiert, packt er am Kragen, schlägt seinen Schädel ein paarmal gegen die Wand (diskret natürlich, keiner schaut zu), und Ruhe ist. Die anderen Fahrgäste lächeln dankbar, vor allem die zarte Blonde, die bald Giovannis Norwegischlehrerin wird und mehr. Sigrid (Marian Saastad) ahnt ja nichts von den „kulturellen Anpassungsschwierigkeiten“, die der Mann auf dem Arbeitsamt dem Immigranten mit den angeblich norwegischen Wurzeln zu Recht attestiert. Weil der ihn hat schmieren wollen. Doch der Alt-Mafioso findet heraus, welche Schweinereien sich der Beamte geleistet hat, lässt es ihn wissen, und schon klappt es mit der Lizenz für die Bar in der ehemaligen Olympiastadt und den Bedienungen in den knappen Höschen auch.

          Es ist einfach herrlich, was sich so alles aus der Welt schaffen lässt, wenn einer die Sache richtig anpackt. Und Giovanni, der auf Ledersohlen und im Wollmantel zwischen all den Arglosen in Strickpullis und Pudelmützen reichlich deplaziert wirkt, trifft immer die Richtigen. Daraus zieht die norwegisch-amerikanische Serie „Lilyhammer“, für die die Online-Videoplattform Netflix zum ersten Mal Produzent spielte, Folge um Folge ihren komödiantischen Charme. Säumige Kunden? Ab ins nächste Eisloch. Ärger auf dem Schulhof? Tipp an den schüchternen Sohn der Angebeteten: einen Fäustling mit Steinen füllen und dem Klassenbösewicht auf die Nase hauen.

          Wie er den Laden aufmischt

          Nein, das ist alles nicht zur Nachahmung empfohlen, denn in Wirklichkeit wollen wir, dass es so zivilisiert und friedlich zugeht wie bei den sanft überzeichneten Norwegern in ihrer beschaulichen Kleinstadt: Da lernen Kinder, Konflikte durch Gespräche zu lösen, und die Polizeichefin (Anne Kigsvoll) jagt höchstens Wilderer. (Überflüssig zu erwähnen, wer unter Verdacht steht.) Doch gerade weil niemand in diesem Lillehammer etwas zu befürchten hat, sieht man Giovanni so gern dabei zu, wie er den Laden aufmischt. „Lilyhammer“ ist schon in die dritte Staffel gegangen. Die erste gibt es bei uns nun auf Arte zu sehen.

          Kommt er damit durch, oder fliegt er auf? Wird Lillehammer ihn bessern, oder verwandelt er den Ort in eine Kreuzung aus Nordisch-Corleone und Neu-LasVegas? Solche Fragen spielen nur eine untergeordnete Rolle. Die Schau ist der Hauptdarsteller Steven Van Zandt, der schon in der Mafia-Serie „The Sopranos“ mitspielte - wenn er nicht als Gitarrist mit Bruce Springsteens Band unterwegs war.

          Van Zandt ist ein Spätberufener, erst mit knapp fünfzig Jahren entdeckte er die Schauspielerei für sich. Wie er mit vorgeschobenem Unterkiefer, herabgezogenen Mundwinkeln und fröstelnd hochgezogenen Schultern durch den scheinbar ewigen Schnee stapft, wie er Freund und Feind findet, charmiert und droht, zeichnet ganz das Klischee eines Westentaschen-Paten - und doch keinen platten Charakter. Das ist ein Kunststück, welches in „Lilyhammer“ (Regie: Simen Alvik und andere) einer Reihe von Darstellern gelingt - weil das Drehbuch (Eilif Skodvin, Anne Bjørnstad, Steven Van Zandt) ihnen den Raum dazu lässt.

          Da treten verblüffend alltäglich aussehende Figuren mit schlecht sitzenden Haaren und ohne Hollywood-Gebiss auf, da wird nicht alles auserzählt und im Dialog erstickt, dafür aber werden leichterhand Themen wie Fremdenfeindlichkeit und Angst vor Terroristen angerissen, ohne sie zu klären. Was Giovanni tut, schwebt in den gern als Zweierkonstellation aufgebauten Szenen stets in schönster Fragwürdigkeit: sei es, dass er sich einen Muslim vorknöpft, weil der Frauen nicht die Hand gibt, oder auf Wolfsjagd geht. Die Sympathien sind öfter auf seiner Seite als der Verstand, und dann doch wieder nicht: weil in jedem von uns beides steckt, das idyllische Norwegen und ein Mafioso mit Knarre in der Tasche.

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