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Fußball im Fernsehen : Vor dem Stadion ist im Stadion

Beim Fußball, wissen die Programmveranstalter, ist man nie im falschen Film: Blick in die Madrider Bernabéu-Arena beim Champions-League-Finale vor zwei Jahren. Bild: WITTERS

Die Fußball-Liga jubelt. Sie verkauft die Senderechte der Bundesliga für 4,64 Milliarden Euro. Der Rubel rollt und der Ball auch. Aber läuft im Fernsehen auch etwas anderes? In den nächsten Wochen nicht.

          Am Sonntag geschieht im Ersten etwas Unerhörtes: Der „Tatort“ fällt aus. Stattdessen zeigt die ARD ein Programm, mit dem sie noch mehr Zuschauer als mit dem Paradekrimi des deutschen Fernsehens erreicht. Das Spiel Deutschland gegen Ukraine wird für zweistellige Einschaltquoten sorgen, und so wird es von nun an für vier Wochen während der Europameisterschaft sein: Fußball von morgens bis abends im Ersten und im Zweiten, die dafür eine dreistellige Millionensumme vom Rundfunkbeitrag abgezweigt haben. Ein Gegenprogramm findet (fast) nicht statt. Gegen den Fußball wagt es kaum ein Sender, mit neuem, aktuellem Programm anzutreten. Um die Grundversorgung mit dem beliebtesten Mannschaftssport der Deutschen muss man sich indes keine Sorgen machen. Die Deutsche Fußball-Liga DFL hat die Senderechte für die Spielzeiten von 2017 bis 2021 zum Rekordpreis von 4,64 Milliarden Euro verkauft, und auf der Abnehmerseite sind ARD und ZDF wie gewohnt dabei.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Und so meint Volker Herres, der Programmdirektor des Ersten, denn auch: „Heute ist ein guter Tag für alle Fans, für den Fußball und auch für uns.“ Die „Sportschau“ gibt es samstags und sonntags auch weiterhin mit dem üblichen Angebot aus der ersten, zweiten und dritten Liga. Damit war nicht zwingend zu rechnen. RTL wurde zugetraut, der ARD dieses Rechtepaket streitig zu machen. Doch hat der Privatsender, wie vor ein paar Tagen verkündet, eine andere Lösung gefunden, um an den Fußball zu kommen, und hat die Senderechte an den Qualifikationsspielen der deutschen Nationalelf für die EM 2020 und die WM 2022 gekauft.

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          Das ZDF gibt mehr denn je aus

          Das ZDF, das die Champions League zeigt und von dem es zwischendurch hieß, es werde beim Fußball etwas kürzertreten, investiert nun mehr denn je. Das „Aktuelle Sportstudio“ wartet mit der „Free-TV-Erstverwertung des Top-Spiels der Woche“ auf. Hinzu kommen Live-Übertragungen der Eröffnungsspiele der Saison und der Rückrunde, ein Spiel vor der Winterpause, der DFL-Supercup und die Relegationsspiele der ersten, zweiten und dritten Liga.

          Damit engt das rundfunkbeitragsfinanzierte ZDF den Spielraum des Abosenders Sky ein, für den die Bundesliga eine conditio sine qua non ist, für die der Sender schon in der Vergangenheit im Schnitt 486 Millionen Euro pro Saison aufgewendet hat. Jetzt, da die Gesamteinnahmen der Liga von bislang 628 Millionen auf 1,159 Milliarden Euro steigen, muss Sky – wie alle anderen auch – noch tiefer in die Tasche greifen und zahlt 876 Millionen Euro pro Saison. Und das Angebot an Livespielen muss sich der Sender künftig nicht nur mit dem ZDF, sondern auch noch mit Eurosport teilen, das die Freitagsspiele der Bundesliga, die Relegation und den Supercup zeigt. Die Liga in Liveübertragung am Samstag und am Sonntag aber bleibt die Domäne von Sky. Mehr geht nicht, möchte man meinen, auch wenn die deutsche Fußball-Liga damit immer noch nicht die irren Summen vereinnahmt, die in Großbritannien und Spanien üblich sind. Die Premier League kassiert für die Spielzeiten von 2016 bis 2019 sage und schreibe sieben Milliarden Euro, die Primera División rechnet mit Einnahmen von rund 1,5 Milliarden Euro pro Saison.

          Jubel, Trubel, Heiterkeit: So wie die Bayern-Spieler im DFB-Pokal jubilieren jetzt alle Vereine über das Ergebnis des Pokers um die Senderechte.
          Jubel, Trubel, Heiterkeit: So wie die Bayern-Spieler im DFB-Pokal jubilieren jetzt alle Vereine über das Ergebnis des Pokers um die Senderechte. : Bild: dpa

          Die Besonderheit des hiesigen Bietergefechts aber bleibt: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk zockt bis zum Ende mit, in dem Wissen, dass, wer Fußball zeigt, und sei es auch bis zum Umfallen, nichts falsch machen kann. Da bekommen dann selbst Spiele wie die Relegation zur zweiten Liga zwischen dem MSV Duisburg und den Würzburger Kickers die besten Sendeplätze. Was das im Einzelnen kostet, halten die öffentlich-rechtlichen Sender geheim. Zahlen nennt nur die Gebührenkommission Kef, die empfohlen hat, den Rundfunkbeitrag um monatlich dreißig Cent zu senken, worüber die Ministerpräsidenten in der kommenden Woche beraten. Dem kürzlich vorgelegten zwanzigsten Bericht der kühl nachrechnenden Kef zufolge hat die ARD im Jahr 2014 461,8 Millionen Euro für den Programmbereich Sport ausgegeben (mehr als für alle anderen Programmposten) und das ZDF 368 Millionen Euro (auch mehr als alle anderen Programmposten). Da sieht man, wo Barthel den Most holt.

          Aber was machen diejenigen, die in diesem Sommer nicht 24/7 auf den grünen Rasen starren wollen, auch wenn sie das Ganze zwangsweise mitfinanziert haben? Sogar bei Sat1 laufen sechs EM-Spiele (ohne deutsche Beteiligung). Bleiben nur Arte, 3Sat und – bevor auch dort die Nationalelf aufspielt – ein paar Abende bei RTL, das Günther Jauch als Gladiator in „500 – Die Quizarena“ schickt. Dabei wäre auch Jauch beim Fußball gut aufgehoben, wie wir seit dem berühmten „Torfall von Madrid“ aus dem Jahr 1998 wissen, als beim Halbfinale der Champions League zwischen Real Madrid und Borussia Dortmund ein Tor umkippte und Jauch und Marcel Reif die Sendezeit mit kunstvoller Plauderei überbrücken mussten. 76 Minuten lang ruhte das Spielgeschehen. Und doch ging es nur um den Fußball.

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