03.11.2006 · Berlusconi ante portas - als es um Springers Interesse an Pro Sieben Sat.1 ging, haben die Gegner dieser Übernahme ein solches Szenario noch als Polemik abgetan. Jetzt bahnt sich ein Konglomerat an, von dem sie nicht einmal geträumt haben.
Von Michael HanfeldWas nützt es jetzt noch, recht zu behalten? Man konnte, man mußte es kommen sehen. Aber diejenigen, die das letzte Wort hatten, als Springer im vergangenen Jahr die Pro-Sieben-Sat.1-Gruppe kaufen wollte, sahen es anders. Das Bundeskartellamt und - vor allem - die Kommission zur Ermittlung der Konzentration (Kek), die seinerzeit beide ihr Veto einlegten. Letztere spielten ihre Macht aus gegen die Bedenken aus den Reihen der Landesmedienanstalten, die die privaten Fernsehsender in diesem Land beaufsichtigen.
Einige der Privatsenderaufseher wiesen schon damals darauf hin, daß, wenn nicht Springer die Sender bekäme, der nächste Käufer für eine um ein Vielfaches größere Konzentration sorgen könnte - dem nationalen Riesen folgt der Goliath. Jetzt bahnt es sich an: Silvio Berlusconi will die zweitgrößte deutsche Senderkette kaufen, und zwar mit Sack und Pack, also der Aktienmehrheit von 50,5 Prozent. Und da ist niemand, der ihn daran hindern könnte außer dem Verwaltungsrat seiner Firma Mediasat, der am kommenden Dienstag darüber entscheiden will, ob man ein sogenanntes „nicht bindendes“ Angebot für Pro Sieben Sat.1 abgibt.
Davon haben die Kleinkrämer der KeK nicht einmal geträumt
Berlusconi ante portas - diese Vorstellung wurde, als es um Springers Pläne ging, von den Gegnern der Übernahme noch als Polemik abgetan - wider alle Gesetze des globalisierten Marktes, wider das erkennbare Profitinteresse der Investoren, denen die Sender im Augenblick gehören, wider die Einreden der Privatfunkaufsicht und wider die Wortmeldungen aus der Produzentenbranche. Denn mit Pro Sieben Sat.1 verbindet sich nicht nur eine inzwischen ausgesprochen lukrative Sendergruppe, sondern ein bestimmender Faktor des gesamten deutschen Fernsehgeschäfts, setzt doch gerade Sat.1 - zuletzt mit weniger Erfolg beim Publikum - auf hiesige Produktionen.
Was wird daraus nun? Für Haim Saban und seine Mitinvestoren waren die Sender nie etwas anderes als ein Schnäppchen, das in kürzester Zeit großen Profit abwerfen sollte. Gekauft für gerade mal 525 Millionen Euro, sollten die Sender beim Verkauf an Springer rund 2,5 Milliarden Euro einbringen. Und nun soll es noch mehr sein. Und es bahnt sich ein Konglomerat an, von dem die Kleinkrämer der Kommission zur Ermittlung der Konzentration nicht einmal geträumt haben. Zu Berlusconis Mediaset-Gruppe gehören unter anderem die drei größten Privatsender Italiens. Käme Berlusconi zum Zug und mit ihm zum Beispiel die Finanzinvestoren der Firmen KKR und Permira, denen der europäische Medienkonzern SBS gehört, entstünde auf einen Schlag ein Medienriese, dessen Wirkungskreis von Skandinavien bis nach Sizilien reicht, neben dem sich Springer als Winzling und Bertelsmann bescheiden ausnimmt.
Springer wäre der Spatz in der Hand gewesen
Käme es zu diesem Szenario, dann, sagte der Direktor der nordrhein-westfälischen Landesmedienanstalt, Norbert Schneider, dieser Zeitung, würde sich die Frage stellen, ob man mit Springer nicht doch den Spatz in der Hand gehabt hätte, anstatt sich später die Taube aufs Dach setzen zu lassen. Schneider, der nicht im Verdacht steht, den großen Medienkonzernen zu huldigen, zählte zu jenen, die vor den Folgen der Springer-Ausbootung bei Pro Sieben Sat.1 warnten. Doch was nützt es auch ihm, nun recht zu behalten? Oder dem Springer-Vorstandsvorsitzenden Mathias Döpfner, der sich (siehe auch: Döpfner gibt Medienfusion nicht verloren) bitter über die Kurzsichtigkeit der Konzentrationswächter und deren ideologische Verblendung beklagte? „Käme ein Rupert Murdoch“, sagte Döpfner damals, „und wollte an einem Tag Pro Sieben Sat.1 und Springer gleichzeitig kaufen, hätte er keine Probleme.“
Statt Murdoch kommt nun Berlusconi und die Taube landet in jedem Fall auf dem Dach, selbst wenn andere Investoren wie Apax oder Goldman Sachs bei Pro Sieben Sat.1 zum Zuge kämen. Der globalisierte Markt interessiert sich keinen Deut für die Beschränkungen, die man bei uns nationalen Unternehmen auferlegt. Da können die Medienaufseher nur zusehen und staunen. Sie haben den Grundstein für das nächste große Medienreich à Silvio Berlusconi oder Rupert Murdoch gelegt, mit allen politischen Implikationen.
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