10.02.2010 · Beim Themenabend „Journalismus auf Abwegen“ im Fernsehsender Arte dürfen „Frankreichs Meinungsmacher auspacken“ und ihrem Unmut über den Niedergang des seriösen Journalismus freien Lauf lassen. Sie sprachen über Verschwörungstheorien im Internet und Anrufe eines brüskierten Staatspräsidenten.
Von Jürg Altwegg, GenfWenn beim Chefredakteur von „Le Monde“ das Handy piepst, kann es auch schon mal der Staatspräsident sein. Immer öfter soll das sogar der Fall sein. „Kein Wunder, dass Ihre Auflage sinkt“, schnauzt Sarkozy dann Eric Fottorino an. Er war gerade auf Staatsbesuch in Spanien und ärgerte sich, dass das Weltblatt nur am ersten Tag über die so erfolgreiche Visite berichtet habe.
Eric Fottorino erzählte jetzt erstmals in der Öffentlichkeit von den Anrufen: gestern Abend, im Rahmen des Themenabends „Journalismus auf Abwegen“ im deutsch-französischen Kulturkanal Arte. Er umfasste eine Dokumentation über die Verschwörungstheorien, die im Internet kursieren, und endete mit einer Diskussion zwischen Michael Jürgs und dem angelsächsischen Journalisten Jonathan Fenby. Dazwischen sendete Arte einen dreißigminütigen Bericht: „Frankreichs Meinungsmacher packen aus.“
So richtig ausgepackt haben sie zwar nicht. Aber die kurzen Statements von acht prominenten Journalisten - die zu den einflussreichsten des Landes gehören - waren doch eine seltene Sternstunde der Selbstkritik. Eric Fottorino gab an, dass ihn die Anrufe von Sarkozy durchaus kalt lassen.
Etwas anderes wäre es, wenn sie von seinen Aktionären kämen oder von den Presseunternehmern, die Sarkozy nahe stehen. Und auch bei „Monde“ mitreden: Lagardère etwa, der am Internetportal Lemonde.fr beteiligt ist. Oder Bolloré, auf dessen Yacht Sarkozy urlaubte: Er hat „Le Monde“ gerade den Druckauftrag für seine Gratiszeitung entzogen und plant ein Konkurrenzblatt.
„Das Sagen hat der Besitzer“
Zusammengestellt hatte die Dokumentation Denis Jeambar, der früher Chefredakteur von 'L'Express“ war und heute im Verlagswesen tätig ist. Um die französische Presse ist es ganz besonders schlecht bestellt, das erklärten alle Chefredakteure. „Das Sagen hat der Besitzer“, räumte Frantz Olivier Giesbert ein, der - unter ihm - die Nummer eins beim „Nouvel Observateur“ und beim „Figaro“ war. Heute leitet er „Le Point“, der ebenfalls einem Großindustriellen gehört: „Die Zeitungen und Magazine verlieren Geld und Leser, sie schreiben rote Zahlen. Defizite machen sie krank. Das gefährdet ihre Unabhängigkeit. Jeder, der in die Presse investiert, will dafür eine Gegenleistung.“
Auch Axel Ganz, der lange die Pariser Bertelsmann-Filiale leitete und mit Neugründungen extrem erfolgreich war, warnte: „Zu viel Information tötet die Information. Es gibt eine Explosion von Informationen. Sie aber müssen gefiltert, sortiert, gedeutet werden. Google-News ist stolz darauf, ohne Journalisten zu funktionieren.“
Jean-Pierre Elkabach forderte seine Kollegen auf, die Welt nicht länger durch das Schema von Gut und Böse zu betrachten. Wie eine Meute zu funktionieren. Er leitete das Privatradio Europe 1 und ist heute Chef des Parlamentsfernsehens. Nach dem Wahlsieg Mitterrands 1981 hatte er seinen Posten als Informationschef des öffentlich-rechtlichen Senders Antenne 2 räumen müssen. Die Abhängigkeit vom Staat ist seither kaum geringer geworden. Bei der Presse wird sie immer größer.
„Leerlauf produziert das mediale Geräusch der Epoche“
„Am Tropf“ hängen Zeitungen und Magazine, war zu vernehmen: überleben können viele nur dank den insgesamt zwei Milliarden Subventionen. Selbstkritisch gab sich auch der Tagesschau-Moderator von France 2, dessen Sendung täglich fünf Millionen Zuschauer erreicht: Nicht der politische und wirtschaftliche Druck ist entscheidend - viel schlimmer seien Konformismus und Mimesis des französischen Journalismus: „Die Zeitungsredaktionen richten sich nach dem Fernsehen, das Fernsehen hört die Morgensendungen des Rundfunks, der Rundfunk orientiert sich an den Zeitungen. Dieser Leerlauf produziert das mediale Geräusch der Epoche - alles unisono. Die gleichen Themen, der gleiche Ton.“
Nach all der Selbstkritik, dem Ärger und den paar Enthüllungen fragte sich der Arte-Zuschauer, der täglich die Zeitungen und Magazine liest: was machen diese zornigen und berühmten Journalisten an der Spitze der französischen Medien den lieben langen Tag? Worauf warten sie noch? Arte-Themenabend: Journalismus auf Abwegen?