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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Fernsehkritik „Wetten, dass..?“ „Man lebt nur zweimal“

 ·  James Bond ist dieser Tage in seiner Kinoversion gerade 50 Jahre alt geworden und hat bereits seinen sechsten Hauptdarsteller. „Wetten, dass..?“ hat nach über dreißig Jahren mit Markus Lanz seinen vierten Moderator. Die Frage ist: Wird er der Timothy Dalton oder der Pierce Brosnan des ZDF?

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© dapd Markus Lanz: „Der älteste Debütant“ als „Wetten, dass..?“-Moderator

„Das Showevent des Jahres 2012“, sagt die Stimme aus dem Off, während das Publikum frenetisch klatscht und Markus Lanz die Bühne betritt, die er jetzt drei Stunden und zwölf Minuten nicht mehr verlassen darf. „Die schlechte Nachricht zuerst“, sagt Lanz nach der Begrüßung, „ich bin der älteste Debütant als ’Wetten, dass..?’-Moderator.“ In James-Bond-Kategorien gedacht also Roger Moore. Die gute wäre, führt Lanz weiter aus, dass Düsseldorf eine höhere Pelzdichte hätte als Grönland. Deswegen hätte er den Job auch angenommen, obwohl er wie „jeder vernünftige Mensch“ gezögert hatte.

Es folgt ein schlechter Witz, in dem „Wetten, dass..?“ dreimal vorkommt und eine Geschichte in - gerade für einen Südtiroler wie Lanz - schlecht nachgemachtem österreichischen Dialekt. Lanz ist nervös. Das ist klar, und das sieht man auch ein bisschen.

„Ich wette, dass das eine oder andere in die Hose gehen wird“, sagt er und dann ist auch schon Campino von den „Toten Hosen“ auf der Bühne neben ihm. Campino, der Punker mit Krawatte und Vorstandssprecher der weltbekannten Krawallschlagertruppe aus Düsseldorf, sieht aus wie Lanz‘ verlorener Zwillingsbruder. Er ortet in Fortuna Düsseldorf den „Nimbus der Unbesiegbarkeit“, obwohl diese erst Stunden zuvor gegen Mainz 05 verloren haben. Er gibt den fest in Düsseldorf verwurzelten Jungen von nebenan, für den es mit Lederhose und Seppelhut am Oktoberfest rumzulaufen, schlimmer ist als nackt, und wird mit dieser Rolle den ganzen Abend nicht mehr aufhören.

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Seine erste Sendung  „Wetten, dass..?“ war ein Balanceakt. © REUTERS Seine erste Sendung „Wetten, dass..?“ war ein Balanceakt.

Dann kommen die Wettpaten mit „ihren“ Kandidaten. Sylvie und Rafael van der Vaart, der später erzählen wird, dass er in einem Wohnwagen aufgewachsen ist; Karl Lagerfeld, der den Muppet-Figuren Waldorf und Statler nicht nur äußerlich immer ähnlicher wird; die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, die Grippe hat und einen an Enzensbergers Essay „Habt Mitleid mit Politikern“ denken lässt; Rolando Villazón, der später mit seinen Augenbrauen morsen wird; Wotan Wilke Möhring, der mit Campino um die Wette cool ist; und Comedian Bülent Ceylan. Der wird später, von Lanz über das Verhältnis der Komiker untereinander gefragt, antworten: „Wenn Komiker andere Komiker angucken, dann lachen sie nicht dabei.“ Der Rezensent wird sich seines Zweitberufs erinnern und sich den Ratschlag zu Herzen nehmen. Endlich sitzen alle auf der Couch und wir sehen, dass sie durch das Studio fahren kann. Eine Neuerung. Für das ZDF.

Zarte Zoten

Es wird körperlich und es folgen zarte Zoten. Lanz träumt angesichts der Haarpracht von Ceylan und Lagerfeld von einer „Zusammenführung der Pferdeschwänze“. Er erzählt vom gegenseitigen Nasenhaarschneiden von Villazón und Domingo in Wien. Das Ehepaar van der Vaart wird später noch Fahrrad fahren müssen, Möhring Nacktszenen versprechen, Kraft wird zugeben, den Ruderern auf die Muckis geschaut zu haben, von Jennifer Lopez erfahren wir, dass ihr Hintern ihr Macht verleiht, Ceylan muss tanzen und Lanz selbst wird Liegestütze mit Bierkästen auf dem Rücken machen müssen. Das ist echtes Körperfernsehen. Das ist neu. Für das ZDF. Dazwischen geht es meistens um Fußball.

Und immer wieder sind es die selben Lieder

Die Showacts sind für die ganze Familie konzipiert. „Voca People“ machen technisch hochwertige A-Cappella-Cover-Versionen (natürlich ist auch ein Fußballlied dabei), die der Dame des Hauses gefallen dürften und sicherlich demnächst auch in ihrer Stadthalle spielen. Dabei tragen sie ein Outfit, das sich zwischen den Spermien aus Woody Allens „Was sie schon immer über Sex wissen wollten“ und dem Joker aus „Batman - The Dark Knight“ nicht entscheiden kann.

„Cro“ sampelt den Welthit „Sunny“ und macht daraus ein weitaus schlechteres neues Lied, was aber egal ist, da seine Zielgruppe die Enkel derer sind, die sich an das Original erinnern können. Seine Streetcredibility beweist er mit einer Panda-Maske und einem T-Shirt, auf dem sehr, sehr provokant vorne „Was reimt sich auf Lanz?“ steht und hinten sehr, sehr lustig „Gans“. Korrekterweise müsste da zwar „ganz“ stehen, aber der deutschsprachige HipHop hat es ja nicht so mit den reinen Reimen.

Für den männlichen, adoleszenten Zuschauer, der am Samstagabend nichts Besseres zu tun hat, als mit der Familie „Wetten, dass..?“ zu schauen, tut Jennifer Lopez so, als würde sie den blitzblanken Studioboden nochmal feucht aufwischen. Rhythmisch beutelt sie sich hin und her und reibt sich vor einer Studiokulissen wie aus Fritz Langs „Metropolis“ an ihrem Freund, während jemand anders ihr Lied fertig singt.

Und für den Herrn des Hauses gibt es natürlich die „Toten Hosen“. Die perfekte Musik, um sich noch ein Bier aufzumachen. In der Deko dahinter ist ein roter Adler mit Hammer und Zirkel zu einem Emblem verwoben. Das Logo der Band? Ein Hinweis für den frisch gekürten sozialdemokratischen Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück, die Partei-interne Linke „mitzunehmen“? Doch wieder irgendwas mit Fortuna Düsseldorf? Egal, wird schon was Symbolisches sein. So wie auch der Text des Liedes: „Und immer wieder/ sind es die selben Lieder/ die sich anfühlen als würde die Zeit still stehen“. Wie wahr.

Nackte Düsseldorfer

Ach ja, Wetten gibt es natürlich auch. Spektakuläre, sportliche und skurrile. Und dann die mit dem Kind. In diesem Fall ein Junge aus Düsseldorf, der das Berliner S-Bahn-Netz nicht nur auswendig kennt, sondern auch noch fehlerfrei aufsagen kann. Das ist ein bisschen unheimlich und vermittelt kurz den Eindruck, im Gegensatz zu der Kindheit van der Vaarts im Camper, der arme Junge ist in seinem bisherigen Leben nie aus der S-Bahn rausgekommen.

Selbstverständlich ist auch ein Österreicher unter den Kandidaten. Und wie immer bleibt es dem betrachtenden Landsmann auch diesmal ein Rätsel, warum es in seiner Heimat anscheinend sehr viele Menschen gibt, die im deutschen Fernsehen ausschließlich mit ihren Landwirtschaftsmaschinen zu sehen sein wollen. Kein Wunder, dass der Deutsche den Österreicher bisweilen für einen Hinterwäldler hält, wenn jede dritte „Wetten, dass..?“-Ausgabe ein Tiroler, Steirer oder Oberösterreicher mit Traktor antanzt. Die Deutschen können da ganz andere Dinge.

Mit den Ohren morsen etwa, oder zweiundzwanzig Hunderassen blind an ihren abgeschnittenen Haaren erkennen. Auch sehr schnell rudern können sie. Und dabei sogar einen Jungen auf einem Wakeboard über Wasser halten.

Der spätere Wettkönig hat allerdings einen „Migräne-Hintergrund“, wie das Ceylan nennt, und verpasst derart knapp seinen Wetterfolg, dass es eigentlich nach der ersten Wette klar war, dass der Mann später als Sieger vom Platz gehen wird. Zu Recht.

Da hätte man eigentlich auch abdrehen können, aber genau das ist ja das Geheimnis dieser Sendung: Tief drinnen ahnt man schon, dass es nur einen, maximal zwei spektakuläre Höhepunkte geben wird, aber es könnte ja noch einer kommen. Ähnlich wie ein Fußballspiel zwischen Österreich und Deutschland. Natürlich gewinnt am Ende Deutschland, aber vielleicht wird es ja diesmal was.

Am Ende dieser „Wetten, dass..?“-Ausgabe liegen hunderte Düsseldorfer nackt rot und weiss bemalt am Boden und formieren das Logo der Fortuna. Campino liegt - trotz Ankündigung - nicht dabei. Cihan Calin ist verdienter Maßen Wettkönig und nächstes Mal in Bremen sind Selma Hayek, Robbie Williams und Oliver Welke dabei. Schlussignation. Applaus. Lanz fragt: „Sind wir spät geworden, oder geht’s?“ Aus.

„Es soll ja keine Strafe sein“

Was war neu?
Cindy aus Marzahn war da. Nicht beruflich, sondern als Assistentin. Anfangs versucht sie einem Wohnwagen entsteigend einen Scherz zu machen. Als der untergeht, wie ein Sack Steine im Rhein bei Düsseldorf, sagt sie: „Der war lustig!“, bleibt aber mit ihrer Meinung im Saal alleine. Sie hat gezählte sechs unterschiedliche Kostüme an und wird Karl Lagerfeld als Tanzpartnerin anempfohlen. „Es soll ja eine Strafe sein“, sagt Lanz. Düsseldorf ist nicht Marzahn und Cindy bleibt außen vor. Das hier ist nicht ihr natürliches Habitat und es scheint, ihr dämmert das während der Sendung auch.

Als Ersatz wäre Karl Lagerfeld gut. Der verbreitet trockenen Humor: „Er würde es ja nicht vorschlagen, wenn er es nicht könnte.“ Lebensweisheiten: „Ein Hosenbund kann nicht lügen.“ Und geht sich dabei selbst auf den Leim: „Meine Art zu sein, ist natürlich!“ Da fällt einem natürlich Oscar Wilde ein: Being natural is nothing but a pose.

Womit wir bei Markus Lanz wären. Wird er nun der Timothy Dalton, der er als vierter Hauptdarsteller der Reihe eigentlich nun numerisch sein müsste? Oder schafft er es, diesen schwarzen Peter zu gleichen Teilen an Michelle Hunziker und Cindy aus Marzahn weiter zu reichen und sich so die Pierce-Brosnan-Position zu sichern?

„Top, die Wette gilt“ sagt er fast mit Understatement, seine Garderobe ist weitaus angenehmer anzusehen, als die seines Vorgängers und nach einem Tag des Kennens einen Heiratsantrag zu bekommen, findet er immerhin „sehr schnell“. Das ist doch schon was. Vielleicht sagt er aber nächstes Mal zu den Kandidaten, die im Hintergrund aufgereiht sitzen wie Zöglinge, nicht mehr „die Lounge da oben“ und muss sich auch nicht mehr von den Klitschkos die Schuhe kritisieren lassen. In Liegestützen schlägt er seinen Vorgänger auf jeden Fall um Längen.

Wie auch immer, man sollte nicht vergessen, dass sowohl Timothy Dalton mit „Hot Fuzzs“, als auch Pierce Brosnan mit „The Matador“ ihre besten Rollen nach James Bond gespielt haben. Und wer den Daniel Craig des ZDF geben wird, möchte man sich gar nicht ausdenken. Oliver Pocher? Steh uns bei! Dann bitte die „heute-show“ auf drei Stunden und zwölf Minuten verlängern.

Der Autor der Fernsehkritik, Severin Groebner, stammt aus Wien. Er ist Kabarettist und Schauspieler. Im Augenblick ist er mit seinem Programm „Servus Piefke“ auf Tour.

13,62 Millionen Zuschauer: Lanz sticht Gottschalk aus

Der neue „Wetten, dass..?“-Moderator Markus Lanz hat bei seiner Premiere am Samstagabend eine große Fernsehgemeinde an den Bildschirm gelockt. Nach Angaben des ZDF schalteten im Durchschnitt 13,62 Millionen Zuschauer die mehr als drei Stunden Live-Sendung aus aus Düsseldorf ein. Der Marktanteil lag damit bei 43,7 Prozent. Der Unterhaltungsklassiker hatte eine zehnmonatige Pause eingelegt.

Damit lag Lanz deutlich vor seinem „Wetten, dass..?“-Vorgänger Thomas Gottschalk, der mit der dritten Ausgabe der RTL-Show „Das Supertalent“ gleichzeitig auf RTL auf 4,57 Millionen Zuschauer (14,1 Prozent) kam.

Ein rund 45 Minuten langes Spezial vor der um 20.15 Uhr begonnenen Show verfolgten den Angaben zufolge durchschnittlich 3,38 Millionen Zuschauer am Fernseher (Marktanteil 13,2 Prozent), wie der Sender am Sonntag weiter mitteilte.

Einmal abgesehen von der letzten „Wetten, dass ..?“-Ausgabe im Dezember 2011, mit der sich Thomas Gottschalk vor 14,8 Millioen Zuschauern verabschiedete, erzielte der Show-Klassiker nach Angaben des Mediendienstes „Kress-Report“ unter neuer Führung somit die beste Reichweite seit Anfang 2005. Auch mit den 4,85 Millionen Zuschauern bei den 14- bis 49-Jährigen (Marktanteil: 39,2 Prozent) ließ das ZDF dem RTL-“Supertalent“ keine Chance. Das ZDF erwartet durchschnittlich rund acht Millionen Zuschauer von Lanz pro Show.

Komplett unter ging die ARD am Samstagabend mit „Melodien der Berge“: Die Volksmusiksendung fand bei lediglich 2,11 Millionen Zuschauern Anklang, darunter nur 110.000 Jüngere (0,8%).

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