08.10.2010 · Hinter der fadenscheinigen Warnung vor „Zensur“ im Internet verschanzen sich Männer, die es auf Sex mit Minderjährigen anlegen. Stephanie zu Guttenberg dokumentiert in der neuen Sendereihe „Tatort Internet“, wie Kinder und Jugendliche leichte Beute für Chat-Täter werden.
Von Christian GeyerNein, das knallige RTL II-Format ist für dieses Thema nicht zu reißerisch. Denn so viel zeigen die ergebnislosen Verhandlungen über eine wirksame Strafverfolgung der Kinderpornographie im Internet: Ohne prominente Köpfe und Kampagnen-Journalismus bewegt sich bei dem Thema überhaupt nichts. Hierzulande können sich die Täter immer noch hinter der fadenscheinigen Warnung vor „Zensur“ im Internet verschanzen, um sich ungehindert an Minderjährige heranzumachen.
Ob man sich bewusst sei, dass in jedem kinderpornographischen Bild ein realer Missbrauch dargestellt werde, fragt Stephanie zu Guttenberg, die sich als Präsidentin von „Innocence in Danger“ seit Jahren gegen den Kindesmissbrauch engagiert. Zusammen mit Udo Nagel, dem früheren Hamburger Innensenator, moderiert sie die neue Sendereihe „Tatort Internet“, in der grell auf das Problem aufmerksam gemacht wird. Dokumentiert wird, wie Männer in Chaträumen versuchen, mit Dreizehnjährigen Kontakt aufzunehmen, um sich dann mit ihnen zu sexuellen Handlungen zu verabreden.
Protokolle der Chatgespräche belegen die eindeutige Absicht. Während jedoch die Männer -- Lehrer, Steuerberater, Arbeitslose, oft Familienväter -- den Kindern eine Falle stellen, tappen sie selbst in die Falle. Denn hinter den vermeintlichen Kinderprofilen, an die sich heranschleichen, steht in Wirklichkeit die Journalistin Beate Krafft-Schöning. Sie lässt sich im Chat ansprechen und in anzügliche Gespräche verwickeln, freilich immer darauf bedacht, nicht selbst die Initiative zu ergreifen.
Überraschte und erschrockene Mädchenverführer
Kommt es dann nach wochenlangen Chatkontakten und Telefonaten tatsächlich zu einem Treffen, treffen die „väterlichen Freunde“ regelmäßig auf eine für sie zunächst nicht zu durchschauende präparierte Situation: In Restaurants oder eigens angemieteten Wohnungen, die sie für die sturmfreie Bude ihrer minderjährigen Opfer halten, erwartet sie in der Rolle der vermeintlichen Chatpartnerin eine mädchenhaft wirkende Schauspielerin.
Nach ersten Wortwechseln räumt diese dann das Feld, um es der unvermutet aus dem Nebenzimmer tretenden Journalistin Krafft-Schöning zu überlassen, die den überraschten und erschrockenen Mädchenverführer zur Rede stellt, ihn mit den Chatprotokollen und dem arrangierten Treffen konfrontiert. Das alles geschieht vor laufender, zunächst versteckter Kamera, im Kleiderschrank verborgene Personenschützer stellen sicher, dass es nicht zum Äußersten kommen kann.
Eindeutige Absichten
Der Zuschauer erkennt die Täter nicht. Gepixelt und mit verzerrter Stimme versuchen sie, sich herauszureden: Sie hätten natürlich keinen Sex im Sinn gehabt, hätten den Minderjährigen im Gegenteil nur demonstrieren wollen, wohin es führen könne, wenn man im Internet zu arglos sei. Diesen und anderen Ausreden stehen die dokumentierten eindeutigen Absichten entgegen.
Wer sind diese Täter? Der in der Sendung auftretende forensische Psychiater Michael Osterheider erklärt, dass das klinische Bild der Pädophilie zu kurz greife. „Ihr Verhalten und die Reaktionen stimmen eher mit klinischen Erfahrungen von Tätern überein, die aus Frust in ihren erwachsenen Beziehungen oder auch im Job auf Kinder oder Jugendliche ausweichen, um ihr Selbstwertgefühlt zu stabilisieren, die Kinder also nur als Mittel zum Zweck sehen und deshalb oft besonders aggressiv reagieren, um sie gefügig zu machen.“
Die Strafbarkeit solcher als „Versuche“ gewerteter Verbrechen ist hierzulande immer noch ungeklärt. Dass selbst eindeutige Aufforderungen an die Kinder, sich vor Webcams zu befriedigen, Nacktbilder von sich zu schicken, mit denen sie dann erpresst werden, keinen Anfangsverdacht begründen können, ist ein Justizskandal, der in den nächsten, künftig immer montags ausgestrahlten Folgen von „Tatort Internet“ noch von sich reden machen wird. Die Materie, die bei den Strafverfolgungsbehörden unter dem verniedlichenden Namen „Cyber Grooming“ läuft, ist zu widerlich, um sich wirklich mit ihr beschäftigen zu wollen. Es ist jedoch genau dieser Widerwille, der den Tätern hilft, leichte Beute zu machen. Deshalb hat der Prangereffekt, auf dem „Tatort Internet“ beruht, nichts Obszönes. Die Täter lassen einem keine Wahl.